Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahre 1894, 435 Austritte im Jahre 1895, 457 Austritte im Jahre 1896, 485 Austritte im Jahre 1897 und 468 Austritte im Jahre 1898 stattgefunden haben, rvas im Verhältniß zur Anzahl der hier wohnendeü Israeliten circa 36/ioo Prozent — immerhin bedauerlich genug — daDstellt. Nachdem die weitaus überwiegende Mehrheit dieser Austritte Personen treffe, welche nicht Mitglieder unserer Kultusgemeinde find, sondern zumeist solche, die aus den Provinzen stammen, so gewinne den Anschein, als ob dieselben den Austritt oder Glaubenswechsel in ihrer Heimathsgemeinde scheuen. Diese Ansicht hat auch viel für stch.^- Jn der letzten Sitzung der „Oesterreichisch-Jsraelilischen Union" berichtet^ Herr Siegmund Mayer über seine mit dem Abgeordneten Dr. Emil Byk erfolgte Audienz beim Justizminister, bezüglich der in den antisemitischen Blättern neulich inszenirten Ritualmordgefchichte von Neu-Sandec. Der Justizminister habe die Deputation sehr freundlich ausgenommen und das Versprechen gegeben, all den Blättern, welche die Ritualmordgeschichie" brachten, amtliche Berichtigungen zusenden zu wollen. Das ist allerdings wenig. Viel schlimmer ist die zweite galizische Justizaffäre, die des Chaim Färber aus Zokopans, über die wir bereits wiederholt berichtet haben. Dieser Prozeß ist nun zu Ende, denn der Kassationshof hat das Urtheil dep ersten Instanz bezüglich des Vaters Chaim Färber bestätigt, bezüglich des Sohnes Salomon Färber kassirt und eine neuerliche Verhandlung in Krakau angeordnet. Der Sohn wird also unter allen Umständen freikommen — aber was wird aus dem unglücklichen VatK werden? — Der Kaiser hat anläßlich des fünfzigjährigen Bestandes der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer dem kaiserlichen Rath Heinrich Kling er den Orden der Eisernen Krone dritter Klaffe dem kaiserlichen Rath Schweinburg das Ritterkreuz des Franz Josefs-Orden verliehen. Heinrich Klinger ist der Vorsitzende unserer Kultusgemeinde. — In Budapest ist am 30. v. M. der bekannte Hofbuchhändler Philipp Wodianer v. Basarhely im 79. Jahr seines thätigen ’uttfc segensreichen Lebens gestorben. Derselbe war Mitglich des Munizipalausschusses, Besitzer der Andrassy-Medaille u. s. w. und widmete seine volle Thätigkeit der nationalen Kultur und der Wohlthätigkeit. In seinem Verlage sind viele Werke der ungarisch-jüdischen Litteratur erschienen. — Der Privatdozent Dr. Natanson ist zuck außerordentlichen Professor der Physik an der Universität Krakau ernannt worden. — Am 1. d. M. sprach Dr. Bernhard Münz im Cyklus der Vorträge zum Besten des jüdischen Museums. Sein Thema war eine völkerpsychologische Betrachtung des Judenthums. Nächstens veranstaltet die Gesellschaft ein historisches Konzert. ' ß Non Nah und Fern. ---- Der Regierungsbaumeister A. Cohn in Berlin ist zum Landbauinspektor ernannt worden. — Dem durch seine Humanitären Bestrebungen rühmlichst bekannten Kaufmann Jacob Friedländer welchem Berlin seine Sanitätswachen verdankt, ist von Sr. Majestät dem Kaiser die Rothe Kreuzmedaiüe verliehen worden. — Bei der Pxeisvertheilung an der Universität Breslau ist die juristische ArbeG des Kand. jur. Paul Posner aus Ra witsch (derselbe erhielt voriges Jahr auch den Preis) und die medizinische des Kand. med. Max Kob er- Beuthen (O.-S.)mit dem vollen Preise, die philosophische des Kand. phil. Carl Goldschmidt-Breslau mit dem halben Preise und die juristische des Kand. jur. Jsmar Freund mit einer lobenden Anerkennung aus^ gezeichnet worden- — Der Lehrer und Kantor Warenheim in Nordhausen hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Die Errichtung einer Jeschibah wird in Altona geplant. Es soll dort jungen Talmudbeflissenen Gelegenheit gegeben werden, sich in allen rabbinischen Disziplinen auszubilden. Dem Vernehmen nach soll sich bereits eist Komitee aus Mitgliedern der israelitischen Gemeinde gebildet haben, um die erforderlichen Geldmittel aufzubringen. Die „Hamburger Nachrichten" erzählen von einer „Schule für Talmudmädchen". — Dem Hauptmann I. Klasse in der österreichischen Armee Leopold Töpfer wurde der Adelsstand mit dem Prädikat „Edler von Willisfeld" verliehen. Derselbe hat eine 40jährige Dienstzeit hinter sich. — Det Gerichtssekretär Heinrich Sachs in Gitschin ist zum Landesgerichtsrath in Kuttenberg ernannt worden. — Der Umschwung in der 4 Bolksstimmung in Frankreich in Bezug auf die.elende Äeneralstabs- Sippe und die antisemitischen Brunnenvergifter ist so recht in Marseille zu Tage getreten, wo es, wie bereits gemeldet, bei der Ankunft von Henri Rochefort und Max R6gis zu stürmischen Kundgebungen kam. Nachträglich wird noch berichtet: „Rochefort undRegis,der abgesetzte antisemitische Bürgermeister von Algier, wurden bei der Ankunft in Marseille von der Volksmenge mit faulen Aepfeln und mit Steinen beworfen!" — Der König von Belgien hat dem Herrn Isidor Spielmann, der die Kunstausstellung bei der großen Brüsseler internationalen Ausstellung organisirt hatte, den Leopold-Orden verliehen als Zeichen seiner Anerkennung für dessen vorzügliche Leistungen. — Die kürzlich verstorbene Baronin Stern, die bekanntlich für ein jüdisches Genesungsheim die Summe von 1200 000 Mark hinterlassen, vermachte außerdem noch eine Million Mark für jüdische Wohlthätigkeitsanstalten, über deren Vertheilung die Testamentskuratoren selbst bestimmen können. — Die Universität Cambridge befindet sich in finanziellen Nöthen, und man veranstaltet eine Sammlung, um derselben aufzuhelfen. Der größte Beitrag, 200 000 Mark, ist von Baron Rothschild gekommen, aber auch sonst haben die Juden sich an dieser Sammlung eifrig betheiligt. — Philipp Sapin, der bekannte Herausgeber eines antisemitischen Adreßbuches der Juden Frankreichs in Lyon, war von zwei jüdischen Kaufleuten, deren Namen er in diesem Buch genannt hatte, verklagt worden und in eine schwere Strafe verfallen. Er appellirte, aber das Appellgericht verurtheilte ihn schärfer, nämlich zu drei Monaten Gefängniß 1500 Francs Strafe und 2500 Francs Schadenersatz für jeden der Kläger und Publikationsbefugniß. Es ist dies die höchste gesetzlich zulässige Strafe. — In Paris ist am 30. v. M. der bekannte Bühnenschriftsteller Adolphe d'Ennery gestorben, der einige hundert Bühnenwerke jeder Gattung geschrieben hat. D'Ennery wurde denn auch ein sehr reicher Mann, sein Nachlaß wird auf acht bis zehn Millionen Francs angegeben, unbeschadet des Vermögens seiner zweiten Frau, die er als Wittwe geheirathet hatte. Seine einzige Tochter hat er als alleinige Erbin eingesetzt, die jedoch bedeutende Vermächtnisse auszuantworten hat; vor allem den Palast in der Avenue de Boulogne, den er im Einverständniß mit seiner ihm vorausgegangenen Frau sammt den hauptsächlich von dieser gesammelten Kunstschätzen dem Staat zu einem öffentlichen Museum vermacht, dazu 16 000 Francs Rente, um die Kunstschätze und den Palast in Stand zu halten. — Infolge der Unruhen bei der Ankunft von Rochefort und Regis in Algier hat der Präfekt den Bürgermeister und den Munizipalrath suspendirt. — In Algier wurde am 2. d. der jüdische Hilfsarzt des öffentlichen Krankenhauses Jais begraben, der in der Pflege Typhuskranker selbst von der Seuche ergriffen und weggerafft wurde; zum ersten Mal seit dem Beginn der antisemitischen Bewegung iu Algerien sah man christliche Algerier in ziemlicher Anzahl einem jüdischen Leichenzuge folgen und an einer eindrucksvollen Trauerfeier am offenen Grabe bewegt theilnehmen. — Die Gesellschaft für die Verbreitung der Kultur unter den Juden in Rußland zu St. Petersburg hat jüngsthin den Rechenschaftsbericht über ihre Arbeiten für das Jahr 1897 veröffentlicht. Die Zahl der Mitglieder betrug am Ende von 1697 2326, 160 mehr als im Jahr 1896. Die Einnahmen stiegen auf 89 500 Rubel, die Ausgaben auf 85 200. Die letztere Summe wurde verwendet zur Unterhaltung jüdischer Kinder auf Mittel- und höheren Hochschulen, ferner zur Unterstützung von Elementarschulen und von jüdischen Handwerkern. — Artikel X des spanisch-amerikanischen Friedensvertrages lautet: Den Einwohnern der Territorien, deren Souveränetät Spanien aufgiebt oder abtritt, soll freie Ausübung ihrer Religion gesichert werden. — Der „Unabhängige Orden der Free Sons of Israel" beging am 15. d. M. sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Derselbe hat während dieser Zeit über zehn Millionen Dollars an Sterbe- und Unterstützungsgeldern vertheilt und verfügt gegenwärtig über einen Reservefonds von 300 000 Dollars. Die leitende Körperschaft des Ordens ist die „Großloge der Bereinigten Staaten", welche alle fünf Jahre im Konvent Zusammentritt. v Druck und Verlag von Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.