Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228318--55248-3291432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63. Jahrgang. Nr. 6. Berlin» 10. Februar 1899. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Br- Ludwig PHMppson-Äonn. Verlags-Expedition: Verlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der j „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin j 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Leitartikel: Der zweite Reichskanzler. — Die Woche. — Eine offene Frage. Von Dr. M. Singer. — Das amerikanische Israel. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — Die Judenfrage in Paris vor 160 Jahren. Von Dr. Felix Rosenberg. — Das ägyptische Märchen von den beiden Brüdern. III. Von Georg Ebers. — Feuilleton: Die Rose von Saron. XXXII. — Einer von den Dreiunddreißigern. — Mahnruf. Von Wilhelm Ginsberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Weftpreußen, Posen, Aus der Provinz Posen, Leobschütz i. Schl., Ebersbach, Hannöver, Hamburg, Marburg, München, Burgpreppach, Baden, Aus Württemberg, Wien. — Von Rah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Der zweite Reichskanzler. Berlin, 7. Februar. fern ersten Kanzler des Deutschen Reiches ist nunmehr auch der zweite ins Grab nachgefolgt: Graf Leo Caprivi, der am 6. d. M. im 68. Lebensjahre plötzlich gestorben ist. Das Gedächtniß unserer Zeitgenossen ist ein kurzes, da sich zu viel darin anhäuft. Es erscheint deshalb heute für uns angemessen, die Beziehungen zu erörtern, die der verstorbene Reichskanzler während seiner dreieinhalbjährigen Amtsperiode zu den Juden und ihren Gegnern gehabt hat. Schon als Graf Caprivi sein Amt antrat, wußte man, daß er wiederholt Gelegenheit genommen hatte, seiner entschiedenen Abneigung gegen die antisemitische Bewegung unzweideutigen Ausdruck zu geben. Als General von Caprivi berufen wurde, die Erbschaft des Fürsten Bismarck anzutreten, da galt er den Parteien als ein Mann von unzweifelhaft konservativer Gesinnung, nur die Antisemiten trauten ihm schon damals nicht recht. In der That hatten sie auch bald Gelegenheit, zu erfahren, daß der neue Reichskanzler und Ministerpräsident ihr Gegner sei. In einer trüben Zeit, in der Periode der Hochfluth der antisemitischen Bewegung, kam Graf Caprivi ans Ruder. Heute, wo wir jene Ereignisse schon von der historischen Vogelperspektive aus betrachten, können wir sagen, es war ein Glück, daß der Reichskanzler in der Zeit, in welcher der Buschhoff-Prozeß in Xanten, der Judenflintenprozeß in Berlin sich abspielten, in der die Herren Stöcker, Ahlwardi und Genoffen „in ihrer Sünden Maienblüthe" standen, ein offener Gegner des Antisemitismus war, der keinen Anstand nahm, dies freimüthig zu bekennen, so oft sich hierzu eine passende Veranlaffung geboten hat. Es war auch ein Glück, daß die Mitarbeiter und Kollegen dieses Reichskanzlers und Ministerpräsidenten, die Minister Herfurth, von Zedlitz, von Goßler, Schelling, Bötticher u. s. w., von jeder antisemitischen Regung frei gewesen sind, als sich jene traurigen Ereignisse abspielten, die wir noch alle in schaudernder Erinnerung bewahrt haben. In der Sitzung des Reichstags vom 11. Dezember 1892 hatte Graf Caprivi zum ersten Mal Gelegenheit, gegen die Antisemiten im Reichstag aufzutreten. Seine Rede war eine entschiedene Absage an den Antisemitismus, dessen demagogische Wirkungen er zuerst eisthüllt hat. Den Judenflintenprozeß brandmarkte er in der schärfsten Weise; den Konservativen gegenüber bemerkte er, es sei ihm unmöglich, zu verstehen, wie patriotische Männer solche Dinge mitmachen könnten, uüd schließlich gab er die Versicherung ab, daß die Regierung mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stünden, dieser Agitation entgegentreten würde. Die Antwort darauf war der konservative Parteitag auf Tivoli, wo die gesammte konservative Partei mit wenigen Ausnahmen in das antisemitische Lager'übergegangen ist. Von da an begann die Gegnerschaft der Konservativen gegen den Reichskanzler. Mit besonderer Schärfe wandte er sich nunmehr gegen das hetzerische Treiben. Als Ahlwardt die Zeit für gekommen hielt, seine verleumderischen Behauptungen in Sachen der von der Loewe'schen Fabrik gelieferten Gewehre zu wiederholen, wurde er vom Reichskanzler in der schneidigsten Weise adgeführt. Graf Caprivi sagte damals u. a.: Der Abgeordnete Ahlwardt hat im Anfang seiner Rede seine Freude darüber ausgesprochen, mich heute hier zu sehen. Ich kann zu meinem aufrichtigen Bedauern diese Freude insofern nicht erwiedern, als es mir nicht lieb ist, ihn heute hier zu sehen. Der Umstand, daß er Mitglied dieses hohen Hauses ist. und die Achtung, die ich vor diesem hohen Hause habe, hindern mich, ihm Dasjenige zu erwiedern, was ich ihm sonst erwiedern würde. Der Abgeordnete Ahlwardt kann reden, so viel er will, niemals wird er im Stande sein, das durch Jahrhunderte begründete Ansehen der preußischen Militärverwaltung und der preußischen Justiz zu erschüttern.!' Auch in dem neugewählten Reichstag hatte Gras Caprivi bald Gelegenheit, sich mit der konservativ-antisemitischen Koalition auseinander zu setzen. Er hielt damals am 3. Dezember 1893 jene denkwürdige Rede, die nie vergessen werden darf, und die mit folgenden Worten schloß: Die Art, wie die Antisemiten ihre Ideen im Lande vertheidigen, ist demagogisch; sie ist gefährlich. Ich habe im vorigen Winter mir erlaubt, bei der rechten Seite des Hauses die Betrachtung anzuregen, ob nicht die Benutzung, die sie vom Bimetallismus und Antisemitismus machte, bedenklich wäre, und ich glaube, ein nicht unerheblicher Theil der Herren ist inzwischen zu meiner Ansicht gelangt. Der Antisemitismus fängt an. Ihnen unbequem zu werden, und Sie erkennen seine Gefährlichkeit an. Mit Fug und Recht! Denn der Antisemitismus ist die Vorfrucht der Sozialdemokratie! Er erzeugt Unzufriedenheit, und alle Unzufriedenheit kommt der Sozialdemokratie zu gute. . . Bei der Agitation gegen die Juden sind Sie nicht stehen geblieben. Sie verfolgen nicht nur die Juden, sondern auch Solche, die einen jüdischen Vater oder eine jüdische Frau hatten, bis in das dritte und vierte Glied