Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
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43 Bedeutung hat. Den Anfang machte wohl unwidersprochen für Deutschland die Dichtung, deren herrliche ^klassische" Periode anbrach, und in engem Zusammenhänge mit ihr die Wissenschaft und Kunst. Hieran schloß sich, nicht ohne große Schwankungen und selbst längere Rückschritte, die große politische Wandlung — im Inneren zum konstitutionellen freiheitlichen Rechtsstaat, nach außen zum einigen, machtvollen Deutschen Reiche. Und nun erst erlangte die wirthschaftliche Neugestaltung,, die allerdings schon längst begonnen und — es sei nur des Zollvereins und der Eisenbahnen gedacht — wechselwirkend zur politischen Erneuung beigetragen hatte, ihre volle Entwickelung und überraschende Größe. Was ist nun wohl als wirthschaftliche Neugestaltung zu betrachten? Früher waltete in wirthschaftlicher Hinsicht die Beschränkung und Zersplitterung vor, die ganzen Lebensverhältniffe waren sehr bescheiden. Durch die statistischen Ziffern wird das Bild ein deutlicheres und eindrucksvolleres. Bei Begründung des Deutschen Reiches 1871 gab es 41 Millionen Menschen, während 1897 die Bewohnerzahl auf 53Vs Millionen gestiegen ist, das bedeutet eine Zunahme von 12'/z Millionen, über 30 Prozent, auf demselben Raume, ohne daß die bewirthschaftete Fläche sich wesentlich vergrößert hätte, was ein außerordentliches Wachsthum ist. Das bedeutet auch eine gewaltige Steigerung an Produktionskraft und Konsumtionsbedürsniffen. Die Gütercrzeugung ist nicht nur in demselben Maße wie die Bevölkerung gestiegen, sondern bedeutend stärker. So, um nur wenige Hanptzweige anzuführen, vermehrte sich 1887—1896, also in nur zehn Jahren, die Produktion von Steinkohlen von 60 Millionen Tonnen (ü 1000 Kilogramm) zu 311 Millionen Mk. Werth auf 86 Millionen Tonnen zu 593 Millionen Mk.; von Roheisen von 4 Millionen Tonnen zu 166 Millionen Mk. auf Q% Millionen Tonnen zu 300 Millionen Mk. Und in den zwanzig Jahren von 1877—1896 stieg die Rohzuckergewinnung von noch nicht 400000 auf über 1700 000 Tonnen und die Biererzeugung von 2SlU auf 61'/s Millionen Hektoliter, zum Beweis, daß auch der berühmte Durst der Deutschen und seine Befriedigung noch sehr stark zugenommen haben. DasEisenbahnnetz, allein das vollspurige, das Werk von nur 60 Jahren, umfaßt gegenwärtig über 48 000 Kilometer und hat 12 Milliarden als Anlagekapital beansprucht; die Betriebseinnahmen betrugen im letzten Berichtsjahre 1 Milliarde und 700 Millionen Mk. Der deutsche Außenhandel — noch weit gegen den inneren Verkehr zurückstehend — betrug im Jahre 1840 lVio Milliarden, im Jahre 1896 88/io Milliarden. Endlich die Einkommens- und Vermögensverhältniffe! Das Gesammteiukommen nur der Bevölkerung Preußens wurde im Jahre 1870 auf 7000, im Jahre 1890 aus 10 000 Millionen Mark geschätzt, die jährliche Vermehrung des Vermögens in Deutschland in letzter Zeit auf 2500 Millionen Mark. Wir sind sonach auch nach statistischer Berechnung im Wohlstand mächtig fortgeschritten. Aber, auch qualitativ hat in der Volkswirthschaft eine Umwälzung stattgefunden, die sich einerseits in der gewaltigen Ausdehnung der Produktion und des Verkehrs, andererseits aber zugleich in wachsender Konzentrirung zeigt. Diese beiden, scheinbar entgegengesetzten Erscheinungen gehen in Wirtlichkeit Hand in Hand. Während die Volkswirthschaft immer zunehmmd von den lokalen und provinziellen Kreisen sich über das ganze Reich, ja über die ganze Erde ausdehnt, wächst gleichzeitig die Konzentrirung in den großen Städten und Jndustriebezirken, in den Fabriken und Handelsbetrieben u. s. w.; der Uebergang vom Klein- und Mittelzum Groß- und Größtbetrieb bildet ja eines der bekanntesten und bezeichnendsten Merkmale unserer Zeit. An Stelle des Individuellen tritt das Massenhafte, an Stelle des Gleichmäßigen und Dauernden das Verschiedenartige, ewig Wechselnde, an Stelle der Starrheit die Beweglichkeit, da« gewaltige Wandem der Güter wie der Personen. Auf eine interrffante Veränderung möchte ich noch besonders aufmerksam machen. Früher, in der Handwerksmäßigen Zeit, wurde im Wesentlichen nach Maß und Art des Bedarfs produzirt, heute nimmt die fabrikmäßige Produktion mehr und mehr die Initiative, sie arbeitet nach eigenem Plan und Ermeffen, die Konsumtion durch Tausende von Mitteln nach sich ziehend. Nach dieser kurzen Skizzirung der wirthschaftlichen Entwickelung Deutschlands in der neuesten Zeit komme ich nun zu der speziellen Frage, ob und welchen Antheil die Deutschen jüdischen Glaubens an dieser Umgestaltung gehabt haben. Eine Parallele findet sich schon im frühen Mittelalter. Der berühmte Nationalökonom Prof. Wilhelm Roscher würdigt in seinem Lehrbuche die Rolle der Juden in Deutschland rc. für jene Zeit mit folgenden trefflichen Worten: „Ist ein Volk schon reif genug, um des eigentlichen Handels zu bedürfen, aber noch zu unreif, um selbst einen nationalen KanfmannSstand zu haben, so liegt es in seinem eigenen Jntereffe, daß ein fremdes, höher kpltivirtes Volk durch einen sehr tief eindringenden Aktivhandel einstweilen die Lücke ausfüllt." — „Die Juden, die seit dem babylonischen Exil angefangen hatten, sich mit großem Erfolge auf den Handel zu legen, bildeten eine Brücke, um die nöthigsten volkswirthschaftlichen, zumal kaufmännischen Kulturelemente des Alterthums auf das Mittelalter zu übertragen." Roscher hat sonach, obwohl gläubiger Christ, die Bedeutung der Juden im deutsche»« Mittelalter als ein höher kultivirtes Volk erkannt. Die Juden übernahmen damals die Kulturmrsston des Handelsverkehrs, wofür den Deutschen die Kenntniffe und die Uebung fehlten. Der Dank, für den großen volkswirthschaftlichen Dienst ist ja freilich der übliche „vom Hause Habsburg". Als man der Juden nicht mehr bedurfte, die damals leider noch als Fremdlinge betrachtet wurden, da wurden sie theils vertrieben, theils auf die schrecklichste Weise verfolgt und gemartert. In» Wesentlichen beruhten die Judenverfolgungen des deutschen, französischen und italienischen Mittelalters vorzugsweise auf Handelseifersucht. Und was lehrt die Geschichte? Daß ein Jahrhundert später die deutschen Kaufleute nach dem Norden, nach England, Skandinavien und Rllßland gingen, dort ihre Faktoreien gründeten und die Einheimischen inindestens in gleichem Maße ausbeuteten, wie die Juden es angeblich mit den Deutschen gethan haben. Aber freilich, die Hansen konnten sich auf das große Deutsche Reich stützen, die Juden aber hatten kein Vaterland mehr. Der namentlich von den Juden gelegte Keim des Handels und Verkehrs war also Deutschland nicht verloren gegangen, sondern hat sich zu jahrhundertlanger Blüthe entwickelt, und die Deutschen haben wohl Ursache, den Juden schon von jener Zeit her dankbar zu sein. In der Jetztzeit sind ja die Juden Reichsbürger geworden, dem Rechte nach und auch dem Wesen und Fühlen nach. Die Juden haben damit das Recht und die Pflicht erlangt, sich im vollsten Maße an der Neugestaltung Deutschlands zu betheiligen. Wie ist nun diese Betheiligung erfolgt? Ist es wahr, daß die Juden als krankhaftes Element die Entwickelung Deutschlandsgeschädigt haben? Diese Beschuldigung zerfällt iin Lichte der Thatsachen in Nichts. Daß und wie die Juden an dem Aufschwünge theilgenommen haben, ist sehr erklärlich. Wie die Juden im frühen Mittelalter den christlichen Deutschen in mancher Hinsicht voraus waren, so war es annähernd auch in der Neuzeit der Fall. Zieht man den nationalen Geist vor einem Menschenalter in Betracht, so ist auch von christlicher Seite anerkannt worden, daß eine gewisse „• Unbeholfenheit und Schwei flüssigkeit bei großen Massen des deutschen BolkeS herrschte. Ganz anders bei den Juden. Gleichsam als Kehrseite ihrer traurigen Lage war ihnen das Bewegliche, Schneüguffafsende, Scharfberechnende eigen geworden, und diese Eigenschaften