Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 ein Jude, erhielt anläßlich des Kaiserjübiläums das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens, und die Gemeindevertretung bereitete ihm neulich aus diesem Anlasse eine schöne Ovation. 6. Budapest, 16. Januar. Im Alter von 54 Jahren verschied am 12. d. M. in Budapest Dr. Adolf Silberstein, der über dreißig Jahre eine reiche litterarische Thätigkeit entfaltete und viele Jahre Mitredalteur des „Pester Lloyd" war. Während er in Leipzig studirte, war er Hausfreund des Rabbiners Dr. Goldschmidt und innig befreundet mit dem sel. Dr. Arnold Bodek. In den letzten Jahren seines Lebens zeigte er lebhaftes Interesse für die Angelegenheiten des Judenthums, welche er mit seiner gewandten Feder auch zu fördern suchte. Eine Sammlung seiner geistreichen Feuilletons, litterar-historischen, philosophischen und ästhetischen Inhalts, erschien unter dem Titel „Im Strom der Zeit" in vier Bänden. — Adolf Fenyvessy, der Direktor des reichstägigen Stenographen-Büreaus, wurde durch Verleihung des ungarischen Adels ausgezeichnet. — Die Budafoker (Promontorer) Kultusgemeinde bgut eine Synagoge, für welche der König den Baugrund spendete. — Anläßlich des Offiziersjubiläums des Großfürsten Michael Ni kolajevits, erschien in Petersburg auch eine Abordnung des Infanterie- Regiments Nr. 26, dessen Inhaber der Großfürst ist, in Petersburg. Ihr Führer, der auch vom Zaren empfangen wurde, ist Jude. Oberst Eduard Ritter von Schweitzer, einer der tüchtigsten Offiziere der gemeinsamen Armee, ist in Gyöngyös als Kind armer jüdischer Eltern geboren und dient von der Pike auf. Im bosnischen Feldzug erhielt er den Eisernen Kronenorden. Amerika. Nelv-Uork, im Januar. Einen interessanten Bericht über das religiöse Leben der Juden im fernen Westen bringt die „Welt" in folgender Korrespondenz: „Wir haben sehr interessante Berichte über gottesdienstliche Veranstaltungen während der letzten hohen Feiertage erhalten, aus denen hervorgeht, an wie weit von einander entfernten Punkten der bewohnten Erde Juden zu ihrem Gotte beten. In Dawson City, im Klo ndykeland, unterbrachen die Goldsucher ihre gewinnreiche Arbeit für so lange, um in echter Frömmigkeit die Feiertage zu begehen. In Honolulu, der Hauptstadt der hawaiischen Inseln, dem jüngsten Landzuwachs der Vereinigten Staaten, veranlaßte ein junger Jude aus San Franzisko eine Anzahl jüdischer Genossen, die auf der Insel leben, einen gemeinschaftlichen Gottesdienst zu veranstalten und einen religiösen Verband zu gründen. Am allerinteressantesten ist aber der Bericht über den Feiertags- Gottesdienst, der von amerikanischen Soldaten in Manila, auf den Philippinen, abgehalten wurde. Am Neujahrstage kam in Ermangelung eines Schofar — ein Armeesignalhorn zur Verwendung! Am Vorabend des Bersöhnungstages wurde der Gottesdienst durch den Donner der Kanonen eingeleitet. Am folgenden Tage hielt ein k a t h o l isch e r Priester Reverend Francis B. Doherty, Kaplan des Regiments, zu dem die Mehrheit der am Gottesdienst theilnehmenden Soldaten gehörte, nach Beendigung des Mincha eine Predigt, von deren Schönheit und tröstender Kraft die Hörer nicht genug erzählen können. Unter anderem sagte der Jather Doherty: „Als Katholik und als Priester in der Art Melchisedeks, als Mitglied einer Kirche, die auf den Wahrheiten der biblischen Gesetze und der Verkündigungen der Propheten beruht, freut es mich, zu Ihnen zu sprechen. Sie gehören der größten und ältesten Rasse der Menschheit an, einer überall verstreuten Rasse, die, aller Verfolgungen spottend, bis auf den heutigen Tag in wunderbarer Kraft und Ungebrochenheit dasteht. Es freut mich, zu sehen, daß die Juden, die an diesem Feldzuge theilnehmen, Werth darauf legen, durch ihre Haltung sich als loyale patriotische Bürger Amerikas zu erweisen, zu zeigen, daß ihr Glaube ein treuer Führer zu allen Pflichten der Gegenwart ist, und daß die Rasse, welche in der Vergangenheit so herrliche Krieger wie Josua, David, Juda Makkabi erzeugte, nichts eingebüßt hat von ihrem Prestige, obwohl fie viele Jahrhunderte lang jeder kriegerischen Thätigkeit fern blieb." Dsn Nah und Fern. ----- Bei dem Krönungs-und Ordensfeste haben Auszeichnungen erhalten: Oberregierungsrath Dr. Paul Meyer in Elberfeld und Bankdirektor Dr. Rieß er den Rothen Adler-Orden 3. Klasse mit der Schleife, Dr. Lev y, Präsident des israelitischen Konsistoriums in Straß - bürg und Ober-Landesgerichtsrath A. Mosse zu Königsberg i. Pr. den Rothen Adler-Orden 4. Klasse, Kommerzienrath Hugo Landau den Kronen-Orden 3. Klasse. — JnSamotschinistFrauThereseBlumenthal, geborene Juda, eine fromme und geachtete Frau, die Mutter des Rabbiners Dr. Blumenthal in Danzig, im 71. Lebensjahre gestorben. — Herrn Samuel Kirschstein in Kolmar (Posen), welcher 25 Jahre als Beigeordneter und stellvertretender Bürgermeister seiner Vaterstadt im Ehrenamt gedient hat, ist beim Ausscheiden aus dieser Thätigkeit der Kronen- Orden 4. Klasse verliehen worden. — Die Dresdener Stadtverordneten haben stch dahin ausgesprochen, "künftig aus prinzipiellen Gründen Ausländern mosaischer Religion die Naturalisation zu versagen. Im Anschluß hieran wurde das Naturalisationsgesuch eines sonst völlig einwandfreien, aus Oesterreich gebürtigen Prokuristen eines hiesigen Bankgeschäfts abgelehnt. — In Hamburg beging am 26. v. Mts. ein trefflicher Mann, Herr Benjamin Simon, die Feier seines 70. Geburtstages unter reger Theilnahme weiter Kreise. Mögen noch viele Jahre ungetrübter Freude ihm zu Theil werden. — Dr. Eugen Mayer in Alzey ist zum Bezirksrabbiner in Zweibrücken gewählt worden. — In Freiburg i. B. ist die etatmäßige Professur für semitisch-orientalische Philologie dem außerordentlichen Professor Dr. S. Reckendorf daselbst übertragen worden. Ebendaselbst ist der Privatgelehrte Bernhard Munck im 82. Lebensjahre gestorben. Er war ein Schlesier von Geburt, der Stiefvater des Staatsrechtslehrers der Freiburger Universität, Professor Heinrich Rosin, ein durch treffliche Charaktereigenschaften ausgezeichneter Mann von umfassendem Wissen. — In Mülhausen i. E. ist der Rabbiner Salomon Moock im 65. Lebensjahre gestorben. 1870 während des Krieges war er Feldprediger derArmee in Metz. — Eine uns aus London übermittelte Drahtung des' „Daily Telegr." aus Cayenne meldet, Dreyfus sei ernstlich an der Ruhr erkrankt. — Den Orden der Ehrenlegion haben erhalten: der Grand Rabbin Josef Lehmann, Direktor des Rabbinerseminars in Paris, die Kapitäne A. R. Levylier, A. Picard, I. Hemardinquer, A. Cahen, I. CH. Kaufmann, A. L. L4on, ferner der Fabrikant Storch, der Finanzinspektor L. Oulmont und der Fabrikinspektor E. D. Cahen — Frau Baronin Hirsch, deren Befinden stch Gott sei Dank erheblich gebessert, hat sich auf ihr Schloß Beauregard für die Zeit der Rekonvaleseenz begeben. — Infolge beschimpfender Aeußerungen gegen die öffentlichen Gewalten ist Max Regis seines Amtes als Bürgermeister von Algier endgiltig entsetzt worden. — Professor Errera in Brüssel, der bekannte jüdische Gelehrte, ist von der belgischen Akademie der Wissenschaften zum Mitglied gewählt worden. Errera ist Direktor des Botanischen Instituts und zugleich ein eifriger Bertheidiger des Judenthums. Er hat auch ein vorzügliches Buch über die russischen Juden geschrieben. — Die Königin von England hat anläßlich der Neujahrsverleihungen dem Major Matthew Nathan von den Ingenieuren den Orden von St. Michael und St. Georg verliehen. — Der Chiefrabbi von England Dr. Hermann Adler ist von der Universität zu Glasgow zum Ehrendoktor der Rechte ernannt worden. — Der verstorbene Baron Ferdinand v. Rothschild hat seine Sammlung italienischer Werke des 15. Jahrhunderts im Werthe von 300 000 Pfd. Sterling dem British Museum in London vermacht. — In Kopenhagen ist im Alter von 81 Jahren die Mutter von Georg Brandes gestorben. Allen Berichten zufolge ist die Verblichene eine Dame von lebhaftem Geiste, von hohen Eigenschaften des Charakters und Gemüthes gewesen und hat, in ihrer Heimath allverehrt, die junge Dichterwelt Dänemarks an sich zu fesseln gewußt. — Die jüdische Gemeinde zu Charkow hat den bekannten Zionistenführer Dr. Kohn-Bernstein zu ihrem Kronrabbiner gewählt. In Kiew wurde Dr. Jampolsky zum Kronrabbiner erwählt. — In Lodz hat die Direktion der elektrischen Bahn die Juden von Lieferungen ausgeschlossen. Der Lodzer Rabbiner hat deshalb das Verbot erlassen, daß kein Jude die Bahn benutzen soll; dagegen hat er die Droschkenkutscher bewogen, daß sie die armen Juden für den gleichen Preis von 5 Kopeken die Petikowerstraße, die mehrere Werst Länge hat, befördern. Dieser Beschluß wird streng befolgt. — Charakteristisch für amerikanische Verhältnisse ist die Notiz, daß ein Chanukah-Bazar zum Besten eines Waisenhauses in Chicago 100 000 Dollars und ein solcher in St. Louis 50 000 Dollars gebracht hat. Amerika, du hast es besser! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.