Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Konservative sich gegen die Aufhebung des Hausirhandels ausgesprochen hätten, bedauerte, daß der Landmarschall Ausfälle gegen die Juden ungerügt gelassen habe und nannte die Ausfälle gegen die Juden niederträchtige Verleumdung. (Beifall links, Lärm rechts.) Der Landmarschall ertheilte nunmehr dem Dr. Ofner den Ordnungsruf. — Am 27. und 28. v. M. hat hier der Verband österreichischer Religions- Mittelschullehrer getagt. Aus den Verhandlungen hebe ich hervor, daß der Ausschuß im Mai v. I. dem Unterrichtsministerium eine Petition unterbreitet hat, welche dahin ging, daß 1. an solchen Lehranstalten, an denen die gesetzlichen Bedingungen vorhanden seien, Lehrstellen für den israelitischen Religionsunterricht systematisirt werden mögen; 2. an Orten, wo mehrere Mittelschulen vorhanden sind, für mehrere Anstalten zugleich, insofern für diese zusammen eine Lehrkraft mit voller Dienstleistung erforderlich ist, Lehrstellen systematisirt werden mögen; 3. daß, wokeine Systematisirung stattfinden kann, den Religionslehrern eine nach der durchschnittlich geleisteten Stundenzahl bemessene Altersversorgung zuerkannt werde; 4. daß dem israelitischen Religionsunterricht die gesetzliche Stundenzahl eingeräumt werde, uno 5. daß der Titel „Hilfslehrer" abgesteüt werde. Von hauptsächlichem Interesse waren die Mittheilungen über die Rücksprache mit dem k. k. Sektionsrath von Wiener, der die Abstellung der amtlichen Bezeichnung „Hilfslehrer" als eine theilweise Gewährung der Wünsche bezeichnete, jedoch die Systematisirung von Lehrstellen für den israelitischen Religionsunterricht von der Vorbedingung abhängig machte, daß die Frage der Vorbildung der israelitischen Religionslehrer geregelt werden müsse. Allerdings sei das hohe Ministerium nicht abgeneigt, für bestimmte Personen und Orte definitive Lehrstellen zu verleihen. — Die „Wiener jüdische Presse", ein neues hier erscheinendes orthodoxes Blatt, bringt folgende Miltheilung: „Bon den in Wien im vorigen Jahre geborenen 1200 jüdischen Knaben wurde bei circa 400 die Milah, d. h. die Aufnahme in den Bund Abrahams, nicht vollzogen. Von den in Wien wohnenden 130 000 jüdischen Seelen haben im vorigen Jahre rund 4000 ihren Glauben — wenn sie überhaupt einen hatten — abgelegt und sind einem anderen Bekenntniß beigetreten." Wenn diese statistische Notiz wahr ist, so ist sie geradezu erschreckend für den religiösen Verfall in unserer Gemeinde! — Wie wir erfahren, hat Frau Baronin Hirsch wieder einen größeren Betrag für Galizien gespendet. Es handelt sich diesmal eigentlich um eine Erweiterung und Ausgestaltung der vom verstorbenen Baron Hirsch in Galizien errichteten Schulstiftung. Dieselbe ist angesichts des ungeheuren Elends unter der Bevölkerung gezwungen, nicht blos die Schulen zu erhalten, sondern auch die Schulkinder zu bekleiden und zu beköstigen. Das nimmt einen großen Theil der für die Schulen bestimmten Einkünfte — ungefähr 35 000 fl. jährlich — in Anspruch. Außerdem soll in Galizien etwas für die jüdischen Mädchen geschehen, die, in diesem industriearmen Lande ohne jede Arbeitsgelegenheit, ja oft sogar ohne die primitivsten Kenntnisse der Wirthschaft zu häuslichen Diensten unfähig, ihren armen Eltern zur Last sind und nicht selten, von der Noth gezwungen, der Schande in die Arme fallen. Diese beiden Umstände sind dem fürsorglichen Auge der Baronin nicht entgangen, und sie hat aus eigener Initiative beschlossen, eine neue Stiftung von anderthalb Millionen Gulden zu errichten, von deren Zinsen zur Hälfte die Schulkinder gekleidet und beköstigt, zur anderen Hälfte Wirthschafts- und Handwerksschulen für arme jüdische Mädchen errichtet werden sollen. Die erste Schule dürfte in Kolomea eröffnet werden, wo bereits mit einem Kostenaufwand von 22 000 fl. ein besonderes Gebäude errichtet worden ist. Von Nah und Fern. ----- Wie die „Frankfurter Zeitung" erfährt, hat Kaiser Wilhelm dem Baron Alfred v. Rothschild in London den Kronenorden erster Klasse verliehen. Diese hohe Auszeichnung wird, so schreibt das Blatt, in gut unterrichteten Kreisen auf die humanitären Bestrebungen des Barons sowie auf dessen Verdienste um die Herbeiführung eines besseren Einvernehmens zwischen den Mächten zurückgeführt. Baron Alfred v. Rothschild ist ein Bruder Lord N. M. Rothschilds; er ist österreichisch-ungarischer Generalkonsul in London und Direktor der Bank von England. — Antisemitische Blätter haben behauptet, daß der Berliner Bürgermeister Kirschner aus einer getauften jüdischen Familie stamme. Sicheren Informationen zufolge ist dies nicht der Fall. — Die Bibliothek des Herrn Dr. A. Berliner, Dozent am hiesigen Rabbiner-Seminar, ist um den Preis von 20 000 Mk. in den Besitz der Stadt Frankfurt a. M. übergegangen. Die Bücherei enthält viele werthvoüe erste Drucke, meist italienischen Ursprungs. Am 8. d. Mts. ist hier der Kaufmann Georg Meyer im 64. Lebensjahre gestorben. Derselbe hatte sich als belletristischer Schriftsteller in den letzten Jahren durch mehrere Romane und Novellen einen guten Namen gemacht. — Die Eiserne Hochzeit feierte am 8. Januar Herr A. Fließ mit seiner Gattin, geb. Marcuse. Die feierliche Einsegnung des Jubelpaares fand in der Synagoge Ahawas Scholaum unter allgemeiner Theilnahme statt. Der Jubilar ist am 9. Juli 1611, seine Gattin am 7. April 1814 geboren. Rabbiner Dr. Selo Stein hielt bei diesem Anlaß eine ausgezeichnete Rede. Nach Beendigung der religiösen Feierlichkeiten verlas Rabbiner Dr. Stein folgendes Schreiben aus dem Civilkabinet des Kaisers: „Seine Majestät der Kaiser und König nehmen regen Antheil an der seltenen Feier und wünschen dem greisen Jubelpaare Gottes Segen. Im allerhöchsten Aufträge v. Lucanus." — In Landsberg a. W. feierte am l. d. Mts. der Kantor Mannheim sein 25jähriges Amtsjubiläum in der dortigen Gemeinde unter lebhafter Theilnahme weiter Kreise. — In Aurich feierte am 7. d. Mts. eines der ältesten Gemeindemitglieder, Herr Wolff Sternberg, seinen 80. Geburtstag in voller Frische und wurde bei diesem Anlasse vielfach ausgezeichnet. Möge dem wackeren Manne, der sich aus bescheidenen Verhältnissen durch rastlosen Eifer zu hochangesehener Stellung emporgearbeitet, beschieden sein, noch lange die Früchte seines Schaffens zu genießen. — In Allenstein istHerrJsrael Frankenstein seitdem Jahre 1868 im Vorschuß- und Darlehnsverein als Kontroleur angestellt worden und bis jetzt stets ei n sti mm i g von den 600 Mitgliedern des Vereins, die zum größten Theil aus Evangelischen und Katholischen bestehen, wieder - gewählt worden. — Bei der Wahl eines Stadtverordnetenvorstehers in Breslau, in welcher Geheimer Justizrath Freund wiedergewählt wurde, gingen bemerkenswertherweise als Gegenpartei Konservative und Centrum geschlossen zusammen. — Professor Dr. Cornill, der erst unlängst als Professor der evangelischen Theologie nach Breslau berufen wurde, wird demnächst in der Akademie des Humboldtvereins einen Cyklus von Vorträgen über „Die israelitische Dichtung" eröffnen. — In Mainz ist am 2. d. Mts. die Wittwe des Rabbiners Dr. Marcus Lehmann, Frau Therese Lehmann geb. Bondi, eine fromme, brave und allgemein geachtete Frau, im 70. Lebensjahre gestorben. — Das 25jährige Amtsjubiläum des Lehrers Spier in Großkrotzenburg wurde von jüdischen und christlichen Mitbürgern würdig gefeiert. Der Gesangverein „Liederkranz" brachte dem Jubilar ein Ständchen, der Lokalschulinspektor Pfarrer Kaufholz beglückwünschte ihn, die Schüler überreichten ein werthvolles Geschenk, die jüdische Gemeinde einen kostbaren Tafelaufsatz. Am Abend fand ein gemüthlicher Kommers zu Ehren des wackeren Lehrers statt, der noch lange in gleich gedeihlicher Weise wirken möge. — Am 2. d. Mts. fand in der Schule zu Nieheim die Abschiedsfeier für den Lehrer Katzenstein nach 32jähriger Wirksamkeit statt. Ortsschulinspektor Pastor Hennecke hielt eine herzliche Ansprache, in der er die Verdienste des scheidenden Lehrers würdigte, dem er noch viele Jahre ungetrübten Glückes wünschte. — In Gelsenkirchen beging Herr Julius Diesenberg sein 25jähriges Jubiläum als Repräsentant der Gemeinde, die in einer Ehrensitzung durch den Vorsitzenden Herrn Klehrstadt dem Jubilar zwei große silberne Leuchter als Zeichen der Anerkennung für seine großenVerdienste und seine Opferwilligkeit überreichen ließ. — In Bingen feierte am 31. v. M. Dr. med. Ebersheim seinen 81. Geburtstag unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung. Bei diesem Anlasse wurde ihm in Anerkennung seines Wirkens als Hospitalarzt das Ehrenbürgerrecht verliehen, eine Auszeichnung, die seit 1661 nicht verliehen worden ist. Auch die beiden israelitischen Krankenvereine und viele Freunde des allgemein beliebten Arztes widmeten demselben ansehnliche Geschenke. — In Hoya a. d. W. feierten am 9. d. Mts. der Färbereibesitzer E. D. Elias und seine Gattin Therese, geb. Edelstein, das Fest ihrer diamantenen Hochzeit in voller Rüstigkeit unter lebhafter Theilnahme ihrer Mitbürger. Der im 88. Lebensjahre stehende Jubilar ist einer der ältesten und treuesten Leser dieses Blattes. Möge das vortreffliche Ehepaar noch lange in geistiger Frische Zusammenleben! _ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch witz in Berlin.