Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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--- 4 - Armenunterstützungsvereins, Leopold Hirschler-Frankfurt a. M., Bern-? hard Strauß-Wiesbaden und Rabbinep Dr. Werner-München gebildet, war, trat man in die Berathung ein. Von Herrn Rabbiner Dr.sZiemlich und dem .Vorstand des'.Nürnberger israelitischen Armenvereins Awaren Statuten für ^den zu gründenden Verband ausgearbeitet und Hen BerathungenIzu Grunde gelegt worden. Man war sich, darüber peinig, daß die Gründung dtzs geplanten Verbandes eine Nothwendigkeit sei und viel Segen bringen könne. Von allen Gemeinden ertönten Klagen über die erwähnten Mißstände, und der Wunsch warmem einmüthiger, dieselben durch vereintes Vorgehen zu beseitigen. Das Material wurde, durchberathen, eine Kommission aus den Herren Theodor Greif-Nürnberg, Leopold Hirschler-Frankfurt a. M., Justizrath Josephthal-Nürnberg, Rabbiner Dr. Stößel-Stuttgart, B. Strauß-Wiesbaden, Rabbiner Dr. Werner-München, Rabbiner Dr. Ziemlich-Nürnberg^ernannt, welche aufgrund der Beschlüsse die'^Statuten ausarbeiten und'j die geeigneten Schritte einleiten soll, um den^Verband?der süddeutschen israelitischen Armenvereine insLeben treten zu lassen. Nach des Tages ernster'^Berathunglvereinigte ein von der Kultusgemeinde Nürnberg veranstaltetes Mahl die Theilnehmer an der Konferenz. Wir wollen hoffen, daß wir bald Erfreuliches über den Fortgang des Werkes melden können. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 25. Dezember. Nach endlosen Berathungen und Enqueten ist endlich unser Vorstand dazu gelangt, den vom Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn gestellten Antrag anzunehmen, es sei Dr. M. Brann in Breslau zu ersuchen, das von ihm verfaßte Lehrbuch der jüdischen Geschichte zum Gebrauche an den österreichischen Mittelschulen entsprechend umzuarbeiten. Dazu mußten aber die Herren erst förmlich gezwungen werden. — Im „Politischen Volksverein" hielt Professor Dr. Grunwald aus Hamburg einen interessanten Vortrag über jüdische Volkskunde. — Die Liste der Wohlthäter, die das Jubiläum des Kaisers durch Akte der Humanität feierten, enthält eine große Anzahl jüdischer Namen. — Am 23. d. M. wurde im Arcadenhofe der Universität ein von Professor Zumbusch angefertigtes Denkmal des im Oktober 1894 verstorbenen Professors der Augenheilkunde Dr. Ludwig Mauthner aufgestellt. Die Enthüllung wird demnächst stattfinden. — Der Kaiser hat dem österreichischen Staatsangehörigen, Chef der serotherapeutischen Abtheilung des Pasteur'schen Institutes in Paris Dr. Alexander Marmorek das Ritterkreuz des Franz Josephs-Ordens verliehen. Dr. Marmorek, ein Bruder des Wiener Architekten gleichen Namens, hat bekanntlich anläßlich der Pestgefahr im Aufträge des Pasteur'schen Instituts Pestserum nach Wien gebracht. — In Serajevo hat die österreichisch-ungarische israelitische Kultusgemeinde bei der jüngst abgehaltenen Generalversammlung Herrn Dr. Samuel Wessel, der seine Rabbinatsstudien in Preßburg und die Universität in Bern absolvirte^ mit Acclamation als Prediger und Rabbiner gewählt. Frankreich. — Paris, 24. Dezember. In der Synagoge der Rue de la Bictoire wurde gestern eine Ehe, die schon vor neun Jahren auf dem Standesamt geschloffen worden war, vor einer zahlreichen Versammlung von Künstlern und Schriftstellern, denen sich Notabilitäten der israelitischen Gemeinde von Paris beigesellt hatten, eingesegnet. Die Eheleute waren der Schriftsteller Gustav Kahn und eine als Katholikin geborene Südfranzöfin, die ihrer Religion auch nach ihrer Verheirathunß treu geblieben war, denn sie hatte ihr einziges Kind darin erzogen. Wie nun die Bekannten der Familie Kahn erzählen, waren es die verschiedenen'Zwischenfälle der Dreyfus-Affäre und die damit zusammenhängende Verfolgung der Juden, welche die junge Frau bestimmten, durch einen öffentlichen Akt der religiösen Gemeinschaft ihres Gatten b.eizutreten. Dieser, und der Großrabbiner Zadok Kahn mit ihm, soll versucht haben, sie von diesem Vorhaben abwendig zu machen, um nicht unnützes Aufsehen zu erregen; allein Frau Gustav Kahn bestand auf dem Uebertritt zum Judenthum, welcher der Einsegnung ihrer Ehe in der Synagoge vorangehen mußte. Siezließ sich vordem Grand Rabbi Dreyfus seit drei Monaten in den .'mosaischen Lehrest, und Riten unterrichten und nahm vor einigen Tagen auch in der MikM in der Rue Villehardouin das vorgeschriebene Tauchbad. Die Mitztheilungen, die deutsche Blätter über diese Ceremonie machen, sind aber last durchweg unrichtig. Schon lange Jahre vor Frau Gustav Kahn that eine andere katholische Gattin in Paris einen ähnlichen Schritt, allerdings nicht mit dem gleichen Gepränge und ohne daß die Presse sich mit ihr beschäftigt haben dürfte. Einer ^ihrer Söhne ist der bekannte Lustspieldichter Abraham Dreyfus. Grolriiritarmirn. CD London, 23. Dezember. Hier ist Baron Ferdinand v. Rothschild, Mitglied des Unterhauses, am 17. d. Mts., an feinem neunundfünfzigsten Geburtstage, gestorben. Er war ein älterer Bruder des Freiherrn Albert von Rothschild in Wien, ließ sich vor langen Jahren schon in England naturalisiren und wurde Abgeordneter für Aylesbury. Auch als Schriftsteller hat er sich wiederholt bethätigt. Bekannt ist seine Novelle „Broni", die vor zwanzig Jahren auch in deutscher Sprache in Leipzig erschien. In früheren Jahren war er Schatzmeister verschiedener jüdischer gemeinnütziger Vereine. Das Leichenbegängniß fand am 22. d. auf dem jüdischen Friedhofe von West Ham (London) statt. Der Sarg war überreich mit herrlichen Kränzen geschmückt. Die Königsfamilie hatte mehrere Kränze gewidmet, um ihre Hochachtung zu bezeugen. Derjenige der Prinzessin von Wales trug eine eigenhändige Inschrift. Dem am Nachmittag in der Centralsynagoge abgehaltenen Trauergottesdienst wohnte der Prinz von Wales persönlich bei. Es ist das vielleicht das erste Mal, daß ein britischer Thronfolger im jüdischen Gotteshause erschienen ist. Die Königin vertrat der „groom-inwaiting“ Grantham Aork und den Herzog von Uork Derck Keppel. Dr. Adler hielt die Gedächtnißrede. Von Nah und Fern. — Der erste Delegirtentag der zionistischen Bereinigung für Deutschland hat am 26. d. M. in Berlin stattgefunden. — Amtsgerichtsrath Peyser ist zum Landgerichtsrath in Danzig ernannt worden. — Das kaiserliche Postamt zu Leipzig hat die Darstellung von Charakterköpfen jüdischer Damen auf Postkarten anstößige Bilder genannt und die Verwendung derselben für unschicklich erklärt. Darob große Wuth unter den dortigen Antisemiten. — In Toulouse drang in eine zu Gunsten Dreyfus' einberufene öffentliche Versammlung eine Schaar Antisemiten ein; es entstand eine Schlägerei, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Als die Polizei nunmehr den Saal räumte, wurden auf der Straße die Kundgebungen fortgesetzt; einige Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen, was eine Gegenkundgebung der Anhänger der Revision zur Folge hatte, die Hochrufe auf Pressensö und andere Redner der Versammlung ausbrachten. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor. — Sir Samuel Montague, der bekanntlich Vertreter des Londoner Bezirkes Whitechapel im englischen Unterhause ist, hat die Absicht, sobald sein Mandat abläuft, sich in das Privatleben zurückzuziehen. — Frau Baronin Hirsch hat wieder einen glänzenden Beweis ihrer Großmuth gegeben. Sie hat eine Summe von 200000 Rubel nach Wilna geschenkt, um daselbst billige Wohnungen für Arme ohne Unterschied der Konfession oder Nationalität zu errichten. Im Ganzen sollen 300 Familien untergebracht werden. — In Odessa ist der bekannte Arzt Staatsrath Dr. S. Margulis im 66. Lebensjahr gestorben. Derselbe war Besitzer der Medaille des Annen-, Wladimir- und Stanislausordens. Sein Eifer und seine warme Beiheiligung an allen jüdischen Angelegenheiten wird besonders gerühmt. Ein Sohn des Verstorbenen ist der Leibarzt der Baronin Hirsch in Paris. — Der Sultan hat dem Chacham Baschi von Adrianopel, Abraham Efendi den Medschidje-Orden 4. Klasse und dem wegen seiner Wohlthätigkeit bekannten Herrn Adolf Biks in Cavalea den Osmanie-Orden 2. Klasse verliehen. — In Algier wurde der Jude Aron Bonnendik, der am 29. Juni auf den Oberrabbiner Bloch einen Mordversuch gemacht hat, unter.Anerkennung mildernder Umstände zu 2 Jahren Gefängniß verurtheilt. — Aus dem Nachlaß des ermordeten Bankiers Woolf Joel in Johannesburg wurden 25000 Lstr.^an jüdische und andere Wohlthätigkeitsanstalten in London vertheilt. — Der amerikanische Baron Hirsch-Fonds hat eine neue Kolonie Shesterfield, Connecticut, in New- London County eingerichtet. Dieselbe wird nach dem gemischten System organifirt, und zwar werden Fabriken errichtet zur Anfertigung von Herrenkleidern und Hüten, außerdem werden für die einzelnen Familien Häuser gebaut, und sollen diese Familien .später in den Stand gesetzt werden, Landwirthschaft zu treiben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.