Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ältesten, in ungetrübter Gesundheit und Geistesfrische amtirenden jüdischen Lehrers in Rheinland-Westfalen, des greisen Hauptlehrers Hermanns, in warmen Worten. ** Frankfurt a. M., im Dezember. Ein Freund des Hospitalbaues in Jerusalem, der die Reise nach dem heiligen Lande gemacht hat, berichtet darüber an das hiesige Komitee: „Wie von vielen anderem, was ich in Jerusalem von jüdischen Institutionen sah, war ich auch von Ihrem Spitalbau überrascht und hoch befriedigt. Ich hatte mir weder die räumliche Ausdehnung so groß oorgestellt. noch den Platz so geeignet und vortheilhaft gewählt. Der Platz gewährt genügend Raum auch für eine künftige denkbar größte Ausdehnung resp. Vergrößerung. Die Lage an der im besten Zustand befindlichen Fahrstraße, an derjenigen Stadtseite, auf welcher naturgemäß die stärkste Ausdehnung erfolgt, lassen die Wahl des Platzes in jeder Hinsicht als vortheilhaft erscheinen. Ich fand, als ich, nebenbei bemerkt, ganz unangemeldet hinkam, die Gesammtarbeiterschaft, die ich auf über 150 Mann veranschlagte, trotz der ganz enormen Hitze, 50 Grad Celsius, rührig an der Arbeit. In den einzelnen, im Rohbau nahezu fertiggesteüten Abtheilungen des Parterrebaues waren die, wie auf den ersten Blick ersichtlich, jüdischen Arbeiter mit dem Behauen der Steine für das erste Stockwerk beschäftigt. Auch die eisernen Träger waren bereits angefahren. Ich hoffe sonach, daß Sie ein für die heilige Stadt hochwichtiges Werk geschaffen haben und mit voller Befriedigung auf das bereits Geleistete blicken können." Es dürfte die Leser auch interesstren, daß gelegentlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers in Jerusalem unser Arzt, Herr Dr. Moritz Wallach, sowie unser Baumeister, Herr Architekt Theodor Sandel, mit dem Kronenorden 4. Klasse dekorirt worden sind. Oesterreich -Ungarn. □ Wien, 12. Dezember. Natürlich habe ich bei den Ordensverleihungen — mehr als sechzig an der Zahl — einige übergangen, die gerade hervorzuheben gewesen wären. So haben die Herren Rabbiner Dr. Unger in Jglau und Wunder in Budweis das goldene Verdienftkreuz mit der Krone erhalten. — Die letzte Vorstandssitzung brachte wieder recht unangenehme Ueberraschungen. Wie ich schon berichtet, betrug das Defizit im vorigen Jahre 39 574 Gulden. Dasselbe ist noch ungedeckt, und nun kommt ein Defizit von 52 472 Gulden für dieses Jahr dazu! Unsere Gemeinde hat also ein Defizit von mehr als 90 000 Gulden jetzt zu decken. Wen die einzelnen Posten interesstren, der findet sie hier aufgestellt: Einnahmen: Bethäuser 77120 fl. Schule 22 218 fl. Wohkthätigkeitssektion (Stiftungszinsen) 59 054 fl. Kultussteuern 355 000 fl. Diverse 49 35 l fl. Matrikel 4 220 fl. Friedhof 177 096 fl. In Summa 744 059 fl. Ausgaben: Berhäuser 186181 fl. Schule 108 985 fl. Wohlthätigkeitssektion (Spital, Versorgungshaus, Unterstützungen) 182 608 fl. Administration 186 204 fl. Matrikel 12 895 fl. Friedhof 119 656 fl. In Summa 796 532 fl. — Das antisemitische „Deutsche Volksblatt" mußte jüngst die folgende Berichtigung der „Alliance Jlraelite Universelle" bringen: „In Nr. 3348 Ihres Blattes vom 17. November 1898 wird unter der Ueberschrift: „Ein polnisches Judenreich in Oesterreich" ein Aufruf veröffentlicht, den die „Alliance Jsraelite" angeblich erlassen, und in welchem sie zu Sammlungen behufs Gründung eines jüdischen Reiches in Galizien aufgefordert haben soll. Demgegenüber sehen wir uns bemüßigt, Sie auf Grund des § 19 des österreichischen Preßgesetzes um Aufnahme folgender Berichtigung zu ersuchen: Wir deklariren hiermit, daß es unwahr ist, daß die gefertigte „Alliance Jsraelite" jemals diesen oder einen ähnlichen Aufruf erlassen hat. Mit aller Hochachtung. Der Präsident Leven." — Im Alter von 75 Jahren ist hier am 5. dieses Monats der Schriftsteller Adolph Kulka gestorben. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er politische und belletristische Arbeiten. Im Jahre 1848 nahm Kulka an der politischen Bewegung lebhaften Antheil, und aus seiner Feder erschien eines der ersten censurfreien Gedichte. In den fünfziger Jahren war Kulka Mitarbeiter von Kuranoas „Ostdeutscher Post", worauf er die „GerichtsHalle" gründete, die er an vierzig Jahre mit Dr. Pisko leitete. Zehn Jahre gehörte Kulka der Redaktion der Wiener Allgemeinen Zeitung an. Auch sonst war er eifrig schriftstellerisch thätig und gab zahlreiche Novellen, Essays und Gedichte heraus. Der Verblichene war auch viele Jahre Vorstandsmitglied der „Coneordia". — Am 24. vorigen Monats wurde es ßin Jahr, daß Oberrabbiner Josef Weisse in Waag-Neustadtel zu Grabe getragen wurde, und wieder versammelte sich an'demselben Tage die ganze Gemeinde mit Deputationen der Nachbargemeinde auf dem alten Friedhof um das Grabdenkmal. Der Sohn des Verewigten, Rabbiner Dr. Weisse aus Berlin, schilderte in meisterhaft ausgeführter, geistvoller Rede das Wirken seines um das Judenthum, Gemeinde und Schule hochverdienten unvergeßlichen Vaters. Die Worte kamen aus dem Herzen Aller, die dichtgedrängt den Grabhügel umstanden, und machten tiefen Eindruck. Namms der Frommen Bruderschaft sprach Herr Daniel Sonnenfeld. Hierauf fiel die Hülle von dem herrlichen Denkmal. Die große Inschrift, in echt klassischem, herrlichem Hebräisch — in Prosa und Poesie — widmete dem Andenken des großen Mannes dessen Jugendfreund Emanuel Baumgarten aus Wien; die weithin sichtbare Jahreszahl 5658, unter dem Motto: „Josef chaj betochenu“, „Josef lebt unter uns fort", ausgedrückt, widmete Dr. Arnold Weisse, der als Dichter und Schriftsteller allgemein gekannte älteste Sohn Rabbi Josef Weisses, seinem großen Vater, dessen Andenken unvergeßlich fortleben wird. Von Nah und Fern. ----Dem Hohenzollernmuseum sind unter den Erinnerungen an die Kaiserreise nach Palästina auch die hebräische Adresse der dortigen Juden auf einer weißen Seidenroüe und das Album der jüdischen Kolonien übergeben worden. — Herr Edmund Helfft, der bisher den Titel eines mecklenburgischen Geheimen Kommerzienraths hatte, ist zum königlich preußischen Geheimen Kommerzienrath ernannt worden. — Den Charakter von Räthen IV. Klasse haben erhalten Professor Dr. S. Elias vom Leibniz-Gymnaflum und Oberlehrer Dr. S. Ho sch von der Luisenstädtischen Oberrealschule. — Nach der „Antis. Korr." vom 7. Oktober 1897 sind in der Zeit von 1890—97 in Summa 36 antisemitische Blätter gegründet worden, die bis auf 7 eingegangen seien. Nach unserer Kenntniß existiren jetzt neben 2 Tagesblättern etwa 12 ein-, zwei- oder * dreimal wöchentlich erscheinende, freilich meist nur vegetirende antisemitische Blätter. — Kantor Heymann, bisher in Briefen, ist in gleicher Eigenschaft in Schmersenz gewählt worden. — Bei der Eröffnungsfeier der Eisenbahn Brilon-Belecke-Lippstadt hat Lehrer Max Mayer in Brilon das Festgedicht verfaßt. Der Landeshauptmann, Geheimer Oberregierungsrath Overweg, ließ sich den Dichter durch den Bürgermeister vorstellen. — Im Jahre 1897 sind nicht weniger als 32 Juden in Dresden zum Christenthum übergetreten, während ein Christ Jude wurde. Die Taufen erreichten also 4/10 Prozent, während in Berlin selbst die schlimmsten Jahre nicht mehr als 2/10 Prozent Uebertritte von Juden zum Chriftenthum aufzuweisen haben. — Dem Herrn I. S. Perlberger in Klasno bei Wieliczka (Galizien), Mitglied der Handelskammer, ist der Charakter eines kaiserlichen Rathes verliehen worden. — Die philosophische Fakultät in Bern hatte für den Lazaruspreis folgende Frage gestellt: „Soziologie, Philosophie der Geschichte und Völkerpsychologie in ihren gegenseitigen Beziehungen". Es wurde hierfür nur eine Arbeit eingesendet mit dem Motto: „Siehe, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer". Der Verfasser dieser Abhandlung, welchem der Preis zuerkannt wurde, ist der Stud. phil. Alois Schweiger aus Groß-Tapolcsany in Ungarn. — In Bukarest hat am 21. v. M. die Einweihung des ersten jüdischen Gymnasiums stattgefunden. — Frau Baronin Hirsch hat der jüdischen Gemeinde in Jassy 52000 Franken mit der Bestimmung zugewendet, daß das Geld zur Errichtung von israelitischen Schulen in Mainesti, Dorohoi, Bivoluri und Lespezi verwendet werde — M. Pa quin in Paris hat die Redakteure des „Jour" angeklagt, weil sie ihn als Juden beleidigt hatten. Der Richterspruch verurtheilte den Redakteur Possien zu 14 Tagen Gefängnib, den Geranten zu 1000 Fres. Geldstrafe und Beide außerdem zu 5000 Fres. Strafe als Entschädigung für Herrn Paquin. — Dr. S. Schechter ist zum Professor der hebräischen Sprache am Universily College in London erwählt worden. — Das Baronin Hirsch-Rekonvalescentenheim in London wird am 18. d. M. eingeweiht werden. Die edle Spenderin hat dafür zunächst 320000 Mark bewilligt. — In Kalifornien ist ein Jude Julius Kohn in den Bereinigten Staaten-Kongreß, in Oregon der deutsche Jude Joseph Simon zum Ber. Staaten-Senator gewählt worden, obwohl in ganz Oregon nicht mehr als 10 000 Juden leben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.