Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Ar. 49. Berlin, 9. Dezember 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig PHMppson-Oonn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusaiemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Leitartikel r Chanukah. — Die Woche. — Der entweihte Altar. Von Dr. I. Kohn. — Das amerikanische Israel. Von Prof. Dr. G. Deutsch. (Forts.) — Zacharias Frankel in Berlin. XII. Von Dr. S. Bernfeld. — Bibel und Wissenschaft. Von Dr. Benzion Kellermann. — Feuilleton-: Die Rose von Saron. XXIV. — Die Chariukah-Hhmne. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Pinne, Samotschin, Hamburg, Düsseldorf, Mannheim, Wien, Budapest, — Don Nah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Chanukah? Berlin, 8. Dezember. ährend alle anderen jüdischen Feste in der Gegenwart an Weihe und nachhaltiger Wirkung auf das Gemüth eingebüßt haben, während sogar die „furchtbaren" Tage, die an den Pforten des neuen Jahres stehen, nicht mehr die heilige Scheu wie vordem einflößen, hat Chanukah, das winterliche Fest, in unseren Tagen an Beachtung gewonnen und wird wenigstens im Gotteshause und vor der Oeffentlichkeit mit viel größerer Feierlichkeit begangen, als unsere Väter diesem Feste gewidmet haben. Die Gründe hierfür sind nicht ausschließlich in der jüdischen Volksseele zu suchen. Nicht weil es mehr Erhebung und Erbauung bietet als die anderen Festtage, ist Chanukah hervorgeholt und mit besonderem gottesdienstlichen Pomp ausgestattet worden. Unsere Alten sagen, das Glück spielt überall seine Rolle, sogar ein religiöses Gebot hat manchmal mehr Glück als das andere und wird von den Bekennern ausgezeichnet. So hat Chanukah in der Gegenwart ein leicht erklärliches Glück; die ganze civilisirte Welt feiert zur Winterszeit ein großes religiöses Fest, da möchten die Juden nicht gern abseits stehen und, während alle Welt sich gottesdienstlich erbaut, ihren Tempeln fern bleiben. So kommt es uns modernen Israeliten ganz gelegen, daß auch wir ein Fest haben, welches wir nur recht auszustatten brauchen, um, wie die nichtjückische Welt, zur Winterszeit religiöse Erbauung in einem ausgezeichneten festlichen Sinne zu genießen. - Die civilisirte Menschheit feiert ihr großes Fest durch öffentlich gespendete Gaben an die Armen. Der Winter droht mit seinen Schrecken, die bei uns im kalten Norden noch entsetzlicher sind als i) Dieser Aufsatz ist die letzte Arbeit, die unser verstorbener Freund und Mitarbeiter Dr. Benjamin Rippner s. A. noch vor wenigen Tagen für unser Blatt geschrieben hat, dem er seit Jahren durch seine geistvollen und tiesfinnigen Betrachtungen für alle Feste des Jahres Weihe und Werth verliehen hat. Mit innigster Wehmnth werden unsere Leser diese letzte» Zeilen des trefflichen Mannes, unseres besten Mitarbeiters, lesen, und ficher werden sie alle mit uns dem treuen Freunde ein warmes Andenken bewahren. Die Red. im sonnigen Süden, der Wiege aller Religion. Da ergiebt es sich ganz von selbst, daß große Akte der Wohlthätigkeit mit dieser Feier verbunden sind, daß Jeder Jeden in diesen Tagen zu erfreuen trachtet. Der Jude hat ein empfängliches Herz für jede Mahnung zur Wohlthätigkeit und läßt sich gern durch das Beispiel seiner Umgebung dazu anleiten, ein Gleiches zu thun und durch eine öffentliche Bescheerung den Armen eine Freude zu bereiten. Freilich ist dieses Verfahren nicht ganz jüdisch und mehr aus dem Nachahmungstrieb zu erklären. Wohlthun ist schön, öffentlich wohlthun weniger. Stets war das Herannahen der Feste für den Juden ein Antrieb, seinen Nächsten zu helfen, aber die Weisheit der Wohlthat bestand gerade darin, daß die Hilfe möglichst geheim gespendet wurde, daß dem Empfangenden auch die leiseste Demüthigung erspart wurde. Bei einer Chanukahbescheerung werden jetzt die Armen und Hilfsbedürftigen unter grelle öffentliche Beleuchtung gestellt, und wer kann es bezweifeln, daß, wenn auch das gespendete warme Kleid den Körper erwärmt, das Gemüth durch diese Schaustellung erkältet wird. Diese Bemerkungen haben nicht den Zweck, all diese Feierlichkeiten und die damit verbundenen Veranstaltungen zu verurtheilen. Der Arme kann zudem sich die Gabe nicht immer darauf ansehen, ob sie aus ganz reinem Gemüth, in ganz reinen Formen gespendet wird. Er ist zufrieden, wenn er sie erhält, wenn sie eine Lücke in seinem stets löchrigen Haushalt ausfüllt, aber es kann doch nicht übergangen werden, daß rein äußerliche Momente au der Erhebung des Chanukahfestes in diesen Zeiten auch ihren Antheil haben. Jndeß, das ist nicht das Wesentlichste, wichtiger ist, daß die Ereigniffe, die in dem Chanukah ihren Ausdruck finden, besonders lebhaft zum Gemüth moderner Menschen sprechen. Wie oft haben wir es in diesem Jahrhundert, das jetzt zur Rüste geht, erlebt, daß Völker, die Jahrhunderte hindurch in Sklavenbanden geschmachtet hatten und Unsägliches erduldeten, plötzlich sich erhoben und mit Feuereifer für ihre Unabhängigkeit stritten. Diese nationalen Kämpfe sind gleichsam der innerste Kern der Geschichte dieses Jahrhunderts. Wie sollte es da die Juden nicht begeistern, sich in die Zeiten zurückzuversetzen, wo auch ihre Väter im Kamps um die Unabhängigkeit glorreiche Thaten vollführt hatten! Und noch ein Anderes kam hinzu: auch der moderne Mensch sucht und verehrt in der Geschichte das Walten Gottes. Auch dem freigestnnten Dichter ist die Weltgeschichte das Weltgericht. Dennoch sind wir dem Wunder abhold. Uns widerstrebt es, wenn wir vernehmen, daß die Hand Gottes sichtbar und, gleichsam des Menschen Hand bei Seite schiebend, in die Ereigniffe eingreift. Und gerade in den Kämpfen der Makkabäer sehen wir alles Große und Herrliche einzig von Menschenhand ausgeübt. Wer mag