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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-25 · Heft 47 (25.11.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 47 (25.11.1898)
Date
1898-11-25
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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rathes darauf aufmerksam zu machen, baß Präterirungen aus konfessionellen Gründen der Dienstpragmatik nicht entsprechen, und daß nach tz 100 der Dienstpragmatik nur die höhere Befähigung und bessere Verwendung bei gleicher Dienstzeit den Ausschlag zu geben hat?" Wie zu erwarten war, hat der Bürgermeister geantwortet, daß er für die Aktionen des Stadtrathes nicht verantwortlich sei. — Beim sonnabendlichen Bummel in der Universität kam es abermals zu Reibereien zwischen Jüdisch-Nationalen und Deutsch-Nationalen. — Der Unterrichtsminister hat die Privatdozenten an der Wiener Universität, Gerichtssekretäre Dr. Rudolph Pollak und Dr. Armin Ehrenzweig zu Mitgliedern der judiziellen Staatsprüfungskommission in Wien ernannt. — Hier ist Herr Wilhelm Schoßberg, der Schwiegervater des Komponisten Ignatz Brüll, gestorben. — In Tachau ist Rabbiner Schidtos, welcher 43 Jahre lang in der dortigen Kultusgemeinde wirkte, in der vorigen Woche im 63. Lebensjahre dahingeschieden. K. Budapest, 17. November. In Paris starb vorgestern der in weiteren Kreisen bekannte Arzt Dr. David Gruby. Er war am 10. Oktober 1811 in Neusalz geboren, erreichte somit ein Alter von über siebenundachtzig Jahren. Gruby, seit 1839 in Paris lebend, veröffentlichte mehrere Schriften über die physiologische und pathologische Anatomie, über die er von 1841 bis 1854 auch öffentliche Vorlesungen hielt. Er wurde an das ^thevee royal berufen, um den Lehrstuhl einzunehmen, welchen vor ihm Blainville und Cuvier eingenommen hatten. Er war Arzt von Chopin und Dumas fils und von Heinrich Heine bis zu dessen Todestag. Gruby zeichnete sich auch durch sein humanitäres Wirken und seine Freigebigkeit aus. Die Armen fanden bei ihm nicht selten ein Heim, und viele österreichische und ungarische Aerzte verdanken ihm ihre Erfolge und ihre Lebensstellung in Paris. Asten. 8. Jerusalem, im November. Anläßlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers erhielt der Chacham Baschi den Kronenorden 2. Klasse, Herr Selig Hausdorf als Vorsteher der deutsch-jüdischen Gemeinde und als ältester hier ansässiger deutscher Jude den Kronenorden 4. Klasse, und dieselbe Dekoration wurde Herrn Dr. Wallach zu Theil. Es dokumentirt sich auch in diesen Auszeichnungen, daß unsere Glaubensgenossen in keiner Weise hinter den anderen Konfessionen zurückgefetzt wurden. Ausgefallen ist vielfach, daß Oberrabbiner Galant keinen Orden erhielt, doch erklärt sich dies damit, daß die türkische Regierung nur den Chacham Baschi als Oberrabbiner anerkennt, während R. Galant amtlich nur als Privatmann gilt. Der deutsche Konsul, Herr v. Tischendorf, theilte Herrn Ephraim Cohn mit, daß es die Kaiserin interesstren würde, eine schön geschriebene Kopie des hebräischen Festliedes, das die Schulkinder vorgetragen hatten, mit der deutschen Uebersetzung zu erhalten. Natürlich kam Herr Cohn dieser Aufforderung nach und ließ der Kaiserin eine solche Kopie in Form einer kleinen Rolle durch den Konsul übermitteln. Darauf erfolgte das nachstehende Dankschreiben: „Jerusalem, den 3. November 1898. An den Direktor von der Lättiel- Schule Herrn Ephraim Cohn, Wohlgeboren, Jerusalem. Ihre Majestät die Königin und Kaiserin haben mich beaustragt. Euer Wohlgeboren für die Uebersendung der Rolle mit dem hebräischen Texte und der deutschen Uebersetzung des Festliedes, welche Ihre Schüler beim Einzuge Ihrer kaiserlichen und königlichen Majestäten in Jerusalem gesungen haben. Allerhöchsteren besten Dank auszusprechen, gez. Freiherr v. Mirbach. Oberhofmeister." — Nun haben auch amerikanische Juden das neue Einwanderungsverbot an eigenem Leibe erfahren müffe«. NeunPersonen, die landen wollten, und darunter zwei Soldaten aus dem letzten Krieg, mußten wieder umkehren, weil sie sich weigerten, Garantie dafür zu leisten, daß sie nach 30 Tagen das Land wieder verlaflen würden. Ihr Hilferuf an den Konfularagenten der Bereinigten Staaten von Nordamerika in Jaffa und an den hiesigen Konsul verhallte ungehört, während der französische Konsul zwei Juden aus Algier mit großen Schwierigkeiten zwar, aber dank seiner Energie doch schließlich hineinbrachte. Man erzählt sich, daß der amerikanische Konsul von dem Generalkonsul in Konftantinopel verständigt sein soll, den türkischen Behörden keine Opposition zu machest, Diese Politik ist sicher sehr bequem, aber sie ist auch ein bitteres Unrecht gegen die betroffenen amerikanischen Juden. Vielleicht schafft Oskar Strauß, der neue amerikanische Gesandte in Konftantinopel, bekanntlich selbst ein Jude, hierin Wandel. Da ist der deutsche Konsul ganz anders aufgetreten. In seiner Beschwerde führt er aus, daß das neu« Verbot gesetzwidrig ist, daß dasselbe ferner den deutschen Handel schädigt und das Ansehen der deutsch-jüdischen Kolonie herabzusetzen geeignet ist. Der britische Konsul wiederum hat zwar auch Protest erhoben, aber da seine Beschwerde »och ohne Antwort ist, hat er denjenigen seiner Schutzbefohlenen, die inzwischen landen wollen, gerathen, die Garantie von 1000 Frcs., die seitens des Gouvernements gefordert wurde, zu leisten. Amerika. 6. H. New-Iork, im November. Am 24. Oktober starb der Kapitän D. L. M. Peixotto in Guantanamo auf der Insel Kuba am gelben Fieber. Er war ein Neffe von Benjamin Peixotto und somit ein Abkömmling einer alten portugiesischen Familie, deren Ahnherr Moses L. M. Peixotto Chasan der portugiesischen Gemeinde in New-Uork war. — Israel Zangwill, der berühmte Ghettodichter, hielt hier eine Vortragsturnee. Seine Themata sind meist ästhetisch-kritischen Inhalts. Von der Natur durchaus nicht sehr verschwenderisch bedacht, gewinnt er durch seine tiefdurchdachten, geistreichen Apercus. Bei einem Banket, welches der hiesige Klub The Judeans ihm gab, äußerte er sich über die Eindrücke, die er in Amerika empfangen hatte, und sprach sich dabei über die Reform sehr abfällig aus, was natürlich im liberalen Lager sehr verschnupfte. Zangwill erhielt 500 Dollars für jeden Vortragsabend. Dsn Nah und Fern. --- Der Bankier Max Leon hier ist zum persischen Generalkonsul ernannt worden und hat Namens des Reiches das Exequatur erhalten. — Sanitätsrath Dr. Pauly in Posen, seit ea. 20 Jahren Oberarzt am städtischen Krankenhause, ist zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. — Der Einjährig-Freiwillige Meyer, ein Sohn des seligen Landrabbiners Meyer in Hannover, ist zum Lieutenant der Reserve in dem Chevauxleger-Regiment zu Nürnberg, in dem er seiner Dienstzeit genügt hat, befördert worden. — Das Reichsgericht hat der Revision des Staatsanwalts in dem Prozesse gegen den Redakteur der antisemitischen „Deutschen Zeitung", I. I. Joeken in Krefeld, stattgegeben und das Urtheil der dortigen Strafkammer aufgehoben. Joeken hatte die jüdische Religionsgesellschaft beschimpft und behauptet, nach der jüdischen Sittenlehre könne der Jude sich vom Falscheide durch Bekenntniß freisprechen, er dürfe also jederzeit falsch schwören. Die Strafkammer hatte die beschimpfende Form in dem Artikel vermißt. Das Reichsgericht verwies die Sache an das Landgericht Düsseldorf, da das Urtheil einen Rechtsirrthum in Bezug auf das Wesen der Beschimpfung enthalte. — Nach den neuesten Mittheilungen des württembergischen Konsistoriums über das Jahr 1897 traten in diesem Jahre sechs Juden zur württembergischen Landeskirche über, während Niemand zum Judenthum übertrat. — Georg Brandes ist nun doch nach Lemberg gegangen und dort mit hohen Ehren empfangen worden. — Der Direktor der Artillerieschule des 15. französischen Armeekorps, Eskadronchef Balabreque, ist zum Oberstlieutenant ernannt worden. — Aus Paris wird geschrieben: In hiesigen litterarischen und journalistischen Kreisen wird der Uebertrilt der Gattin des Dichters Gustav Cahn vom Katholizismus zum Judenthum viel besprochen. Die Dame ist jetzi nach neunjähriger Ehe zu diesem Entschluß gekommen, da sie, wie sü einer Vertreterin der „Fronde" auf Befragen mittheilte, zu einer Zeit, wo der Antisemitismus in Frankreich so mächtig geworden ist, die Re ligion ihres Gatten zu theilen wünscht. — Hiesigen Blättern zufolg liegt dem russischen Reichsrath ein Gesetzentwurf vor, wonach aus ländischen Juden die Aufnahme in den russischen Urrterthanenverband prinzipiell versagt wird. — Wie die „Peterburgski Wjedomosti" mit theilen, errichtet auch der bekannte Großindustrielle L. Br odsky iv- Kiew, dem Beispiel des Barons Günsburg folgend, jüdische Ackerbau kolonien im Kreise Odessa. — Der Antisemitenhäuptling Max Regi in Algier ist wegen Verleumdung eines Glaubensgenossen in Oran z zwei Wochen Gefängniß verurtheilt worden. — Kaiser Wilhelm II. W während seiner Anwesenheit in Konstantinopel dem ersten Dolmetsch im Marineministerium, Moise Bey Dalmedico den Kronenordeu II. Klaffe und dem Beamten David Effendi Ruzzano den Kroneorden IV. Klasse verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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