Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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um die Abänderung einer schon bestehenden Vorlage. In der Kommission habe es bezüglich des § 2, Absatz 2 der Vorlage eine Meinungsverschiedenheit gegeben. Der betreffende Paragraph laute in der Vorlage : „Der Oberrath besteht fortan aus drei bis vier am Sitz der Behörde wohnenden und aus drei auswärtigen Mitgliedern." Bon Marx und Genossen sei in der Kommission der Antrag gestellt worden: „Der Oberrath besteht fortan aus drei am Sitz der Behörde wohnenden und aus vier auswärtigen Mitgliedern. Der 8 7, Absatz 1 ist dementsprechend zu ändern. Absatz 4 ist wegzulassen." In der Kommission fei dieser Antrag mit fünf gegen vier Stimmen angenommen worden. Er habe in der Kommission für den Antrag gestimmt, sich aber inzwischen überzeugt, daß die durch den Antrag bezweckte Aenderung der Vorlage unthun!ich erscheine. Er stelle deshalb den Antrag, die Vorlage in der von dem Oberrath eingebrachten Fassung anzunehmen. Bon Seiten des Antragstellers Marx wurde dessen schon in der Kommission eingebrachter Antrag aufrecht erhalten. Der Synodale Marx richtete an die Synode das Ersuchen, seinem Anträge zuzustimmen. Der Präsident theilte mit, daß von Seiten der Synodalen Rothschild und Genossen ein Antrag auf Wiederherstellung der Vorlage eingekommen sei. Oberrath Rostn erklärte Namens des Oberraths sich gegen den Antrag Marx. Die Annahme dieses Antrages werde es dem Oberrath sehr schwer machen, der so geänderten Vorlage zuzustimmen. Für den Antrag Marx traten die Synodalen Lukas und Friedberg ein. Nach dem Schlußwort der beiden Antragsteller wurde der Antrag Marx und Genossen mit 13 gegen 12 Stimmen und dann die Vorlage mit dieser Aenderung angenommen. Damit war die Tagesordnung erledigt. — In der dritten und letzten Sitzung der israelitischen Synode gedachte der Vorsitzende Dr. Hachenburg des in Mannheim in dieser Nacht verstorbenen Mitgliedes des Oberrathes, Simon Bensheim, zu dessen ehrendem Andenken sich die Mitglieder von ihren Sitzen erheben. Die Petition Marx, die geplante Aufbesserung der gering besoldeten Kirchendiener durch den Staat auch auf die Israeliten auszudehnen, wird einstimmig angenommen. In den Synodalausschuß wurden sodann gewählt Abgeordneter Bankier Fritz Homburger, Rechtsanwalt Dr. Friedberg, Rabbiner Dr. Ravisch und Dukas. Nach den üblichen Dankesbezeugungen schloß die Synode nach einem Hoch auf den Großherzog um 6 Uhr Abends ihre Verhandlungen. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 31. Oktober. Wir haben bereits an anderer Stelle über die Vorgänge gesprochen, die sich jüngst im Abgeordnetenhause an die Interpellation, betreffend die Wiener Pestsälle, anknüpften. Die Antisemiten haben bei dieser Gelegenheit ihre Bornirtheit und Rohheit wieder einmal in so Hellem Lichte gezeigt, daß es von Interesse ist, noch einige Einzelheiten der Debatte nachzutragen. Der große Gelehrte Gregorig sprach die Ansicht aus, die Bazillen seien überhaupt ein eigenthümlicher Unfug, und behauptete, daß nach Sezirungen im Allgemeinen Krankenhause Leichentheile in die Kanäle geworfen und von den Ratten gefressen werden. „Sezirt werden hier ausschließlich Menschen, Juden nicht!" Der Ministerpräsident habe sich von seinen Organen belügen lassen. Warum habe man nicht gleich Nothnagel internirt? Vielleicht ist er nicht in Ansteckungsgefahr, weil er wie die Juden mit Knofel imprägnirt ist. (Gelächter.) Die Gedärme des verstorbenen Barisch sollen in den Kanal geworfen worden sein. (Barisch ist überhaupt nicht sezirt worden!) Immer werden Christen von Juden zu Experimenten benutzt. Es dürfe nicht geduldet werden, daß Juden an arischen Leibern herumarbeiten (Heiterkeit). Der Redner nannte Nothnagel einen der unfähigsten Menschen auf Gottes Erdboden und die Wiener Fakultät ein an einem Nothnagel hängendes Mauscholeum. Er sei neugierig, ob die Regierung den Muth haben werde, derartige Geschäftsmediziner... (Strobach: davonzujagen!) Gregorig: vom Schauplatz verschwinden zu lassen. Der Sozialist Berner fragte in einer Zwischenbemerkung, ob im Weihwasser viele Bazillen seien. Gregorig: „Den Juden geht das Weihwasser gar nichts an, er soll das Maul halten!" Resel gegen Gregorig: „Seien Sie nicht so gemein. Sie ganz ordinärer Mensch; schämen Sie sich doch endlich!" Abgeordneter Schneider sagte, die freche Judenwirthschaft in der ganzen Sanitätspflege müsse ein Ende haben. Nach dem Schulchan Aruch sei Juden erlaubt, an Christen zu prüfen, ob Arzneimittel gesundheitbringend oder tödtlich seien. Damit sei die ganze Situation gekennzeichnet. (Gelächter.) Schneider verlangte schließlich bei dieser passenden Gelegenheit die Konfiskation der Güter der Juden. In dieser Weise debattiren diese Leute über die Pest! — Der Kultusvorstand hat in geheimer Sitzung über die weiteren Schritte in Sachen des Bezirksschulraths-Erlasses berathen. Die Einladung der „Oeft. Jsr. Union" zu einer gemeinsamen Aktion wurde abgelehnt, hingegen wurde beschlossen,. dem Kultusminister ein Memorandum zu überreichen. Von Nah und Fern. ----- Kaiser Wilhelm II. hat bei seinem Einzug in Jerusalem die Abordnung der jüdischen Gemeinden, bestehend aus den Oberrabbinern und Vorstehern, huldvollst empfangen. Nähere Mittheilungen werden wohl die nächsten Tage bringen. — Direktor Zander von den Anatolischen Eisenbahnen, ein geborener Berliner, ist vom Kaiser bei der Hoftafel in Konstantinopel huldvollst angesprochen und zum Geheimen Regierungsrath ernannt worden. — Das deutsche Centralkomitee zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem hat auf sein Huldigung stelegramm an den Kaiser, dessen Wortlaut wir noch veröffentlichen, folgende Antwort erhalten: „Jerusalem, 30. Oktober. Seine Majestät der Kaiser und König lassen für den Huldigungsgruß bestens danken. Auf allerhöchsten Befehl v. Lucanus, Geheimer Kabinetsrath." — Am 29. v. M. ist hier im Alter von 80 Jahren Herr Jsmar Ehrlich, der lange Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Strehlen und später deren Ehrenmitglied war, gestorben. — Das Gesuch des Freiherrn v. Hammerstein um vorläufige Entlassung aus dem Zuchthause ist, wie die „Kreuzzeitung" berichtet, vom Justizminister ohne Angabe von Gründen abgelehnt worden, obwohl es von allen in Betracht kommenden Faktoren befürwortet worden war. Auch ein Gnadengesuch ist schon im Sommer abgelehnt worden. — Die Sammlung zum Besten des jüdischen Kurhospitals in Kolberg ist durch Herrn James Simon mit einer Spende von 20000 Mark eröffnet worden. — Geheimer Kommerzienrath R. Ledermann hier hat für den Fonds des neu zu erbauenden jüdischen Krankenhauses in Breslau einen Betrag von dreißigtausend Mark geschenkt. — Dr. L. William Stern, Privatdozent für Psychologie an der Universität zu Breslau, der erst seit Juli 1897 seine akademische Lehrthätigkeit begonnen hat, ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden. — In Görlitz ist im 69. Lebensjahre der Kommerzienrath Emil Meyer nach kurzem Leiden gestorben. — In Frankfurt a. M. feierte Professor Dr. Mannheimer am vorigen Sonnabend fein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Lehrer am Philanthropin. Zahlreiche Ehrungen, insbesondere seitens der Leitung, des Lehrerkollegiums, der Schülerinnen der Schule sowie des" Ausschusses für Bolksvorlesungen und der Logen „Zum Frankfurter Adler" wurden dem Jubilar hierbei zu Theil. — Am israelitischen Seminar zu Kassel fand in der Zeit vom 24.-26. Oktober die 2. Volksschullehrerprüfung statt. Bier provisorisch angestellte Lehrer bestanden die unter dem Vorsitz des Provinzialschulraths Dr. Otto stattfindende Prüfung. — Der kaiserliche Oberschulrath von Elsaß- Lothringen hat angeordnet, daß von nun ab die israelitischen Schulamtsbewerber nicht mehr im Seminar II zu Kolmar, sondern im Seminar zu Pfalzburg ausgebildet werden. Die Dienst- oder Wiederholungsprüfung können dieselben an dem evangelischen Seminar zu Straßburg oder an dem katholischen Seminar zu Pfalzburg ablegen. — In Budapest soll unter Mitwirkung der Baronin Hirsch in Verbindung mit dem vom Pester jüdischen Frauenverein erhaltenen Mädchen- Waisenhause eine jüdische Lehrerinnen-Präparandie errichtet werden. — In Bern hielt Fräulein Dr. Tu markin an der Universität ihre Antrittsvorlesung als Privatdozent der Philosophie. Der Vortrag hatte zum Gegenstand: „Goethe über das Wesen des Dramas". Fräulein Tumarkin ist die erste Dame, die an der Berner Hochschule als Privatdozent lehrt. — Das „Petit Journal" will erfahren haben, daß das „Dreyfus-Syndikat" bisher rund 37 Millionen ausgegeben hat. 50 viel wir wissen, ist die Zahl zu gering. Es sind 2'/2 Milliarden. — Professor Weill, seit 1879 am städtischen College Chaptal in Paris, ist zum Direktor dieser berühmten Schule ernannt worden. — In Paris sind fünf jüdische Theaterdirektoren: Mussay im Palais Royal, M. L. Nunes in den Folies Dramatiques, M. Millaud im Theatre de la Republique, Marx im Clany und Fr ank im Theater Grand Gignol. — Im Haag ist nach sehr kurzem Unwohlsein im Alter von 51 Jahren am 24. v. M.Rabbiner Tobias Tal, seit 1895 Oberrabbiner der genannten Gemeinde und vordem Rabbiner in Arnheim, gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.