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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-21 · Heft 42 (21.10.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Dr. M. Spitzer. Aber von einer Wahlbewegung ist noch absolut nichts zu spüren. In der letzten Vorstandssitzung wurde bezüglich eines neuen Steuerregulativs berichtet, daß das Präsidium den Amtsleiter der Cassa und des Steueramtes Herrn Gustav Wiener nach Berlin und Breslau entsendet hat, welcher über die in den dortigen jüdischen Gemeinden üblichen Steuersysteme eingehende Informationen gesammelt habe. Aus seinem Berichte ist unter anderem der bemerkenswerthe Umstand hervorzuheben, daß die Eingänge an Kultussteuern in der jüdischen Gemeinde Berlin bei einer Seelenzahl von 120 000 Juden die Höhe von 1 025000 Mark erreichen, während die der Kultusgemeinde Wien mit einer Seelenzahl von über 130 000 Juden nach erfolgter Steuerregulirung 350 000 fl. betragen! — Am 12. d. M. Vormittags fand auf dem Centralfriedhof die Beerdigung der verstorbenen Vorsteherin des israelitischen Waisenhauses, Frau Flora Bruck, statt. Frau Bruck leitete durch fast ein Vierteljahrhundert das israelitische Mädchenwaisenhaus in unermüdlicher und musterhafter Weise. Sie war den ihrer Obhut anvertrauten Waisen eine wahre Mutter, und die aus dem Waifenhause ausgetretenen Mädchen bewahrten noch in späteren Lebensjahren die treueste Anhänglichkeit diesem Institut und seiner trefflichen Vorsteherin. — In Jaslo ist nach mehrtägiger Dauer der Strafprozeß gegen achtzig Bauern wegen antisemitischer Exzesse in Lenki-Wysoka und Pietrusza-Wola zum Abschluß gelangt. Der Anklageschrift und den Zeugenaussagen war zu entnehmen, daß die masurischen Bauern nach dem Lesen von Stojalowskis Bolksblättchen zu dem Glauben gelangt seien, sie würden nach einer Massenvernichtung der Juden eine Besserung ihrer materiellen Lage zu erwarten haben. Von 80 Angeklagten wurden blos vierzehn freigesprochen, dagegen sechsundsechzig des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit, der boshaften Beschädigung fremden Eigenthums und des Diebstahls schuldig erkannt und zu Freiheitsstrafen in der Dauer von elf Monaten schweren Kerkers bis zu drei Wochen Arrests verurtheilt. — Der Kaiser hat dem Elektro- Oberingenieur Moses Burst yn das Ritterkreuz des Franz Josefs- Ordens verliehen. — Ein merkwürdiger Prozeß begann am 12. d. M. vor dem Geschworenengericht in Krakau gegen den des Mordes angeklagten 56jährigen Bierbrauerei- und Grundbesitzer Chaim Färber in Szaflary und dessen 22jährigen Sohn Salomon Färber. Der umfangreichen Anklage ist folgender Thatbestand zu Grunde gelegt: Am 22. August 1897 wurde in den Morgenstunden der Leichnam des tuberkulösen Wächters Josef Chudyba aufgefunden, von der Gerichtskommission und den Aerzten wurde konstatirt, daß Chudyba erwürgt worden sein müsse. Dagegen behauptete eine zweite Gerichtskommission aus Neu-Sandec, die den Leichnam nach erfolgter Exhumirung, am 4. September 1897, besichtigte, daß Chudyba infolge eines Blutsturzes erstickt, folglich eines natürlichen Todes gestorben sei. Da die beiden Gutachten sich widersprachen, wurde der Fall der medizinischen Fakultät in Krakau unterbreitet, welche erklärte, daß zwar ein Blutsturz vorgekommen sei, der Tod jedoch durch Erwürgen seitens einer zweiten Person herbeigeführt sei. In dem antisemitisch durchseuchten Orte nannte man den Brauereibesttzer Färber als Thäter; derselbe durfte infolge des Propinationsrechtes Bier an Private nicht unter 50 Liter verkaufen, er umging jedoch das Verbot, weshalb der Propinationspächter den Chudyba als Wächter bestellte, um den Geschäftsbetrieb Färbers zu überwachen. An dem betreffenden Abend soll nun Chudyba den Färber bei einem unrechtmäßigen Verkauf ertappt haben, weshalb ihn Färber aus Furcht vor einer Anzeige ermordet haben soll. Ueberdies bekundete plötzlich eine Bäuerin, daß ste am 22. August in den Frühstunden gesehen habe, wie der Angeklagte mit, Hilfe eines Anderen einen Bauern aus der Wagenremise aufs Feld hinausgetragen habe. Es wurde gemuthmaßt, daß der „Andere" der Sohn des Angeklagten sei, weshalb er mitangeklagt ist. Außer diesen „Hauptbelastungsmomenten" liegen noch einige minder wichtige Ver-. dachtsmomente vor. Der Angeklagte bestreitet obige Angaben, er be-' hauptet, am betreffenden Abend um 9 Uhr zu Bett gegangen zu sein. Er habe auch keine Ahnung davon gehabt, daß Chudyba ihm zum Wächter bestellt worden sei. Die Verhandlung dürfte einige Tage dauern; die Vertheidigung führen die beiden renommirten Rechtsanwälte Dr. Gold-z Hammer aus Tarnow, Professor Dr. Rosenblatt von hier, außerdem Dr. Jan Jakubowski. — Die Verhandlung erregt große Sensation, weil Färber in weitesten Kreisen bekannt und gut beleumundet ist, während die Führer des Prozesses entschieden antiftckitische Tendenz'eßM verfolgen. — In einer großen Versammlung jüdischer Wähler im Saale des kaufmännischen Bereinshauses wurde in einer Protestresolution die Aufhebung der Verfügung des Wiener Bezirksschulraths, wodurch in Volks- und Bürgerschulen christliche und jüdische Kinder in Parallelklassen geschieden werden, verlangt und gegen die konfessionelle Schule Verwahrung ausgesprochen. Bei der Abstimmung kam es zu einem heftigen Tumult, da eine Gruppe von -Zionisten verlangte, daß sich die Versammlung zur Abwehr gegen den Antisemitismus für konfessionelle jüdische Volksschulen ausspreche. Beide Parteien geriethen so in Streit, daß der Regierungskommissar mit der Auflösung der Versammlung drohte. Nachdem die Resolution angenommen war, entfernte sich ein Theil der jugendlichen Zionisten unter Pfuirufen und Protesten. Infolge der fortgesetzten Tumulte der Zionisten wurde schließlich der Saal durch die Polizeiwache geräumt. Diese Zionisten nähern sich in ihrem Treiben immer mehr den antisemitischen und sozialdemokratischen Radaukolonnen. Don Nah und Fern. Der Leibarzt des Prinzen Georg von Preußen, Geheimer Sanitätsrath Dr. Croner, hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der Frau Elise Moll, geb. Kaatz, Gattin des Rentiers Max Moll hier, Inhaberin des Berdieustkreuzes für Frauen und Jungfrauen und der Kriegsdenkmünze am Nichtkombattantenbande, ist die Erinnerungsmedaille an Kaiser Wilhelm I. verliehen worden. — In Frankfurt a. O. ist am 15. d. M. nach schwerem Leiden der Sanitätsrath Dr. Max Marcuse im 64. Lebensjahre gestorben. Er war eine in der Bürgerschaft hochgeachtete und allgemein beliebte Persönlichkeit, hat die ganze Zeit seiner ärztlichen Praxis, vom Jahre 1857 ab, sein reiches Wissen und seine Arbeitskraft in den Dienst des Gemeindewesens gestellt. Seit 1877 der Stadtverordnetenversammlung abgehörend, nahm er an den Berathungen dieser Körperschaft regen Antheil und war namentlich bemüht, Verbesserungen in gesundheitlicher Beziehung für Frankfurt a. O. zu erreichen. — Ter „V. Z " wird aus Breslau telegraphisch gemeldet: Von der Baronin Hirsch in Paris gingen dem hiesigen israelitischen Krankenhause 300 000 Mark als Geschenk zu. — In Köthen ist am 2. d. Mts. der Kaufmann M. Meyerstein, Repräsentant der Gemeinde und Vorsteher verschiedener wohlthätiger Vereine, im 68. Lebensjahre gestorben. — Vom antisemitischen Parteitag in Kassel werden folgende Einzelheiten bekannt: Viel beobachtet wurde ein Parteigenosse aus Frankfurt a. M., der sich zu dem Parteitag jedesmal ein eigenes Bett mitbringt, um der Gefahr zu entgehen, in einem Hotel schlafen zu müssen, in dem vorher ein Jude übernachtet haben könnte. Die an die Berichterstatter ausgegebenen Eintrittskarten trugen den Vermerk: „Diese Karte wird in der Hand von Juden ungiltig." —Das israelitische Landesasyl in Gailin gen, Friedrichsheim, ist am 5. d. M. eingeweiht worden. Die Errichtung hat 90 000 Mark erfordert. Das Asyl bietet zunächst 15 Personen Unterkunft. — „Der Präsident der Strafkammer am Pariser Kaffationshofe, Loew, stammt aus einer protestantischen Familie des Elsaß, was aber nicht hindert, daß die „Libre Parole" und andere Blätter ihn Levy nennen und zum Juden machen." So schreibt — die „Kreuzzeitung"! — In Lille ist am 1. d. Mts. der Kapitän des ersten Artillerieregiments M. Seligmann während der Manöver gestorben und am 3. d. M. mit großen militärischen Ehren daselbst beerdigt worden. — In Amsterdam ist am 4. d. M. der Rabbinatsassessor Jacob Content, der auch lange Lehrer am Rabbinerseminar daselbst war, im 80. Lebensjahr gestorben. — Am 10. d. M. verschied Herr D. Henriques de Castro in Amsterdam. Er gehörte zu den wenigen Männern spanisch-portugiesischer Abkunft, welche sich mit der Geschichte und Litteratur ihrer Glaubensgenossen mit Vorliebe beschäftigten. 1683 veröffentlichte er „Keur van Grafsteenen. op de Nederl.-Portug.- Jsrael. Begraafplaats te Duderkerk aan den Amstel", ein Prachtwerk, von dem einen zweiten Theil zu bearbeiten er lange beabsichtigte. Er war im Besitz einer reichhaltigen Bibliothek spanisch-portugiesischer Druckwerke und Handschriften. — Das erste jüdische Leichenbegängniß auf Kuba war das des ersten Sergeanten der Kompagnie A des I. Kalifornia-Regiments, Moritz Justh. Er war der einzige Mann von seinem Regiment, der den Tod auf dem Schlachtfeld und im dichtesten KttgÄegen fand. : ' J : Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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