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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-14 · Heft 41 (14.10.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 41 (14.10.1898)
Date
1898-10-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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- v 1 dieser Partei und ihrem Führer Lueger an jedem Verwaltungstalent, an jeder Eignung zur Lenkung einer Millionenstadt mangelt. Es ist ja begreiflich, daß unwissende und bornirte Gewerbetreibende wie Gregorig und Schneider eine Stadt wie Wien nicht verwalten können, und Lueger selbst ist nur ein geschickter Agitator und guter Redner, nichts weiter. Er muß jetzt die Verantwortung dafür tragen, daß Wien durch den ganz überflüssigen Bau neuer Gaswerke um Millionen geschädigt wird. Im Jahre 1896 hat er erklärt, so wie er die „Judenliberalen" in drei Jahren zerschmettert habe, so wolle er auch die Engländer in drei Jahren zerschmettern. Es sind erst zwei Jahre seit dieser großartigen Erklärung vergangen, und statt die Engländer zerschmettert zu haben, schließt er einen Vertrag mit ihnen, der demüthigend und theuer erkauft zugleich ist. Die Sitzung des Gemeinderathes vom 7. Oktober, in welcher dieser Vertrag verhandelt wurde, gestaltete sich demgemäß zu einer äußerst stürmischen, der Bürgermeister mußte von Liberalen und Deutschnationalen sehr empfindliche Wahrheiten anhören, und nur durch Willkür und Gewalt gelang es, den famosen Vertrag durchzubringen. — Der bekannte Erlaß des Bezirkschulrathes bezüglich der Trennung der Schulkinder nach Konfessionen scheint doch nicht in Wirksamkeit treten zu sollen. Der Landesschulrath hat den Bezirksschulrath angewiesen, den Ereaß in gesetzlicher Weise zu motiviren und über die Angelegenheit neuerlich Bericht zu erstatten. Endlich hat auch das Unterrichtsministerium Stellung zu dem Erlasse genommen und untersagt, denselben vor der erforderlichen vollständigen Richtigstellung zur Anwendung zu bringen. Sollten infolge desselben Unzuträglichkeiten zutage getreten sein, so seien diese aufs Schleunigste zu beseitigen. Uebrigens hat auch der Reichsrathsabgeordnete Hofrath Kareis im Abgeordnetenhause eine Interpellation bezüglich der durch den Wiener Bezirksschulrath verfügten Trennung der Schüler nach Konfesstonen an den Minister für Kultus und Unterricht eingebracht. Ferner soll am 15. d. M. eine große Protestversammlung der israelitischen Wählerschaft fiattfinden; endlich wird beabfichtigt, eine Massendeputation der von dem Erlasse betroffenen Familienväter an den Unterrichtsminister zu entsenden. Veäeremo! — Ein ungenannt sein wollender Wohlthäter hat dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde den Betrag von 100000 Gulden zur Errichtung einer Kaiser Franz Joseph- Jubiläumsstiftung mit der Bestimmung übergeben, daß der Vorstand dieselbe zu verwalten habe, und daß die Stiftungszinsen für Waisenkinder von in Wien Verstorbener zu verwenden seien. Derselbe hochherzige Ungenannte hat bei der niederösterreichischen Statthalterei behufs Errichtung einer Stiftung für Kinder von Gewerbetreibenden den gleichen Betrag erlegt. — Die österreichisch-israelitische Union veranstaltet eine Enquete über die Lage der Juden in Galizien. Zu derselben find die Abgeordneten Gorski, Gniewosz, Milewski, Szezepanowski, Daszynski, Kozakiewicz, Stapinski, Byk, Rosenstock, Rosenblatt und Goldhammer geladen, welche die Einladung auch angenommen haben. Der Enquete werden folgende Fragen vorgelegt: Ueber wirthschaftliche, speziell Erwerbsverhältnisse, über den Kulturzustand und über die politische Lage der Juden in Galizien. — Am Montag besuchte der auf der Durchreise in Wien anwesende amerikanische Botschafter für Konstantinopel, Mr. Oskar Strauß, sammt seiner Familie unser jüdisches Museum für Kunst- und historische Denkmäler, woselbst er von dem Präfldium: Baurath Stiaßny, Adolf v. Sonnenthal, Professor Dr. Politzer und mehreren anderen Persönlichkeiten begrüßt wurde. Der Prästdent des Kuratoriums feierte in dem Gaste nicht nur den ausgezeichneten Vertreter eines der mächtigsten, gleichzeitigi eines der freiesten Staaten, sondern auch den treuen, anhänglichen Sohn unseres Stammes. Der Botschafter erwiederte in englischer Sprache, daß es ihn außerordentlich freue, das Museum, über welches er in Amerika viel gelesen und gehört habe, kennen zu lernen. Die Regierung seines Landes sei frei von Borurtheilen in Bezug auf das Bekenntniß der Staatsbürger. Es sei in der nordamerikanischen Union allgemein bekannt, daß die republikanischen Institutionen von den Puritanern, welche mit der Bibel in der Hand ins Land eingezogen sind, auf biblischen, somit auf jüdischen Grundlagen aufgerichtet seien. Mit großem Interesse betrachteten die Gäste die zahlreichen Objekte von hervorragend archäologischem und künstlerischem Werthe, insbesondere die italienischen Majoliken, die Objekte für den rituellen Gebrauch, die alten Manuskripte und die Judenschutzbriefe (Hoffreiheiten) aus dem 18. Jahrhundert, von deren Existenz man in Amerika natürlich keine Kenntniß besitzt. Herr Strauß äußerte den Wunsch, daß die interessanten Vorträge des letzten Winters, welche ihm inhaltsweise bekannt waren, durch die Gesellschaft publizirt werden mögen. Nach fast zweistündigem Aufenthalt und unter herzlicher Verabschiedung von den Anwesenden verließen der Botschafter und seine Familie das Museum. Don Nah und Fern. ----- Geheimrath Louis Simon stiftete anläßlich seines 70. Geburtstages u. a. ein Kapital von hunderttausend Mark zu Gunsten seiner Angestellten. — Kommerzienrath Jfidor Loewe hat die Erlaubniß erhalten, die Insignien des ihm verliehenen Offizierkreuzes des belgischen Leopoldordens tragen zu dürfen. — Die Vorlesung des Bibeldramas „Mose" von Ludwig Klausner-Dawoc durch E. Reicher findet am Sonnabend den 15. d. Mts. im Uraniatheater statt. — Wieder hat ein jüdisches Blatt eigenmächtig einen Christen zum Juden gemacht, nämlich den zum Professor ernannten Dr. Alfred Goldscheider hier. Mehr Vorsicht! — In Mogilno-Wongrowitz ist als Kompromißkandidat der liberale Landgerichtsrath Peltasohn-Brornberg aufgestellt worden. — Am 11. d. M. ist in Stettin Herr Jacob Samuel, seit langen Jahren der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, im 64. Lebensjahre an Herzlähmung gestorben. — Der Bankier Max Bähr in Frankfurt a. M. hat den oldenburgischen Haus- und Verdienstorden erhalten. — Die badische Landessynode wird am 24. d. Mts. zum zweiten Male in Karlsruhe zusammentreten. — Die israelitische Gemeinde Karlsruhe, die sich geweigert hatte, den alten israelitischen Friedhof an die Stadt abzugeben, war dazu im Zwangsenteignungsverfahren genöthigt worden. Nunmehr hat das Landgericht Karlsruhe in erster Instanz ausgesprochen, daß die Stadt an die israelitische Kultusgemeinde dafür eine Entschädigung von 104 Mk. für den Quadratmeter, d. h. im Ganzen 121056 Mk. zu leisten habe. — In Schirrhofen i. E. ist am 2. d. M. der Rabbiner Simon Levy, ein gelehrter und frommer Mann, ein treuer Freund unseres Blattes, im 60. Lebensjahre gestorben. Friede seinem Andenken! — In Brody ist am 30. v. Mts. Lazar Landau, eines der angesehensten Gemeindemitglieder, lange Jahre Vorsteher der Wiener Allianz, Gemeinderath u. s. w., nach langen Leiden gestorben. — In Jaslo hat eine Gerichtsverhandlung gegen 80 antisemitische Exzedenten stattgefunden, von denen 66 zu 3 Wochen bis 11 Monaten Gefängniß verurtheilt und nur 14 freigesprochen wurden. — In Turin ist Professor Simone Tubini, durch viele Jahre das Haupt der medizinischen Schule von Pisa, im Alter von 57 Jahren gestorben. Die Beerdigung fand in Cafale Monferrato statt, wo Rabbiner Servi die Leichenrede hielt. — Auch ein jüdischer Kaufmann aus Italien, Guiseppe Cuzzi, befindet sich unter den Gefangenen des Khalifen, die durch den Sieg bei Omdurman nunmehr freigekommen find. — In Montpellier ist Dr. Balabregue, Professor des Handelsrechts an der dortigen Universität, ein Verwandler von Dreyfus, gestorben. — In Bordeaux erbrach ein Pöbelhaufe unter antisemitischen Rufen die Thore der Synagoge und zertrümmerte einige Einrichtungsgegenstände. — In den jüdischen Ackerbau-Kolonien der Provinz Cherson giebt es 13 Schulen für 21 Kolonien. Die Gesammtschülerzahl dieser Schulen war am 1. Januar 1896 911, 448 Knaben, 463 Mädchen. Am 1. Januar 1897 war diese Zahl auf 988 gestiegen, 468 Knaben, 520 Mädchen. Es giebt im Durchschnitt eine Schule für 86 Schüler und einen Schüler auf 19 Einwohner. — Gegenüber dem neuen Gesetzentwurf über weitere Beschränkungen in der Lage der jüdischen Advokaten Rußlands find die Ziffern von Interesse, welche man aus den Registern des Ordnungsraths der Advokaten zu Petersburg in der Periode von 1894—95—96 gezogen hat. Für diese drei Jahre umfassende Zeit hatte der Ordnungsrath 454 disziplinarische Strafen (139-1-183-!-132) gegen die Advokaten aller Religionen zu verfügen. Die Juden stehen darin mit 61 Klagen. Der jährliche Durchschnitt beträgt also 150 für die Nichtjuden und 20 für die Juden. Die Juden hatten also nur ein Berhältniß von 13,24 pCt. disziplinarische Strafen zu verbüßen, wogegen sie 22,9 pCt. der Gesammtzahl der Advokaten bilden. — Mit großen militärischen Ehren wurde in New-Uork der Kapitän George W. Lindheim, Hilfsarzt des 8. Freiwilligenregiments, beerdigt, der, nachdem er unter unsäglichen Anstrengungen 265 Kranke des Regiments in einem Hospitalzug nach New-Aork zurückgebracht, selbst erkrankte und bald darauf gestorben ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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