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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-14 · Heft 41 (14.10.1898) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 41 (14.10.1898)
Date
1898-10-14
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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482 unserer Zeitrechnung eine politische Selbständigkeit, in deren letzten Zeiten sich sehr folgenschwere Ereignisse gerade auf dem Boden der einstigen jüdischen Nation abspielten. Seitdem durfte man eigentlich nur noch von einer Geschichte unserer Religion reden, aber auch diese war politisch gefärbt. Das war nicht etwa Schuld der Juden, sondern der Völker, die die Juden in ihre Sonderstellung drängten! Gerade diese eigenartige Geschichte ist nun vor allem so lehrreich, weil sie eine Art Menschheitsgeschichte im Kleinen ist. Denn was immer in der großen Welt vorging, äußerte seinen Rückschlag auf die Verhältnisse der Juden; welche Strömung durch die Menschheit zog, sie übte auch auf sie ihren, sei es befreienden oder hemmenden, die Gegensätze versöhnenden oder verschärfenden, Einfluß aus. Fast hätte man zweifeln können, ob der Jude als solcher überhaupt fähig wäre, Bürger eines modernen Staates zu werden, da die ganze Welt diesen Gedanken weit von sich zu weisen schien. Es dauerte lange genug; aber es dauerte freilich auch sehr lange, ehe etwa der Bauer zum Bürger erhoben und dieser wiederum dem Adeligen gleichgestellt wurde! Endlich erfolgte die Befreiung der Juden, die Emanzipation, die gesetzliche Gleichstellung. Nach jahrtausendjähriger Aechtung war der Umschwung fast zu überwältigend. Manche glaubten, der Weiterbestand des Judenthums sei mit dem des Ghetto naturnothwendig verknüpft, und betrachten noch heute die Befreiung mit Mißtrauen. Andere meinen, mit der politischen Umwandlung müsse sich auch das Verhältniß zu ihrer Religion von Grund aus geändert haben, und haben Mühe, die rechte Stellung zu dieser wiederzufinden. Dies sind Kennzeichen einer Uebergangszeit, wie wir sie noch durchleben, und deren Widersprüche und Zwiespältigkeiten wir oft schmerzlich am eigenen Leibe empfinden. Aber eben darum gilt es, die Vergangenheit zu durchforschen, in der das Heute vorgezeichnet liegt, und aus der das Verständniß für unsere veränderten Aufgaben von heute erwächst. Die jüdische Geschichte ist zweifellos in unseren Tagen an einen Wendepunkt gelangt, wie seit Jahrhunderten nicht oft. Die Erregung über die mächtigen Wandlungen zittert hüben und drüben im bürgerlichen wie im gesellschaftlichen Leben noch nach; weder die Anerkennung der neuen Sachlage noch die Erkenntniß ihrer rechten Konsequenzen sind hinreichend durchgedrungen. Desto wichtiger muß uns eine objektive, wenn auch warmherzige Geschichtsbetrachtung sein, wie sie unser Verein betreibt. Und wenn endlich eine besser gestellte Zeit auch noch eine pietätvolle Pflicht gegen die minder begünstigte Vergangenheit hat, so möchte dies in unserem Falle wohl besonders zutreffen. In diesem Sinne hatte das Israel der früheren Zeit immer ein eminent historisches Verständniß, eine Verehrung für seine Vergangenheit, aus der es lernte und sich begeisterte, aus der es sich ebensowohl warnen wie trösten ließ. Davon zeugen die historischen Rückblicke in den Propheten nicht minder wie in den Psalmen, und schon der sterbende Mose hinterläßt seinem Volke ein Wort, das als Motto jedes jüdischen Geschichtsvereins dienen könnte (Dt., 32, 7): „Gedenke der Tage der Vorzeit, — Betrachtet die Zeit vergangener Geschlechter; — Frage deinen Vater, daß er dir's künde, — Die Greise unter dir, daß sie dir's sagen!" Ganz ähnlich steht es mit der jüdischen Litteratur, in welcher die jüdische Kultur ihren Niederschlag gefunden. Gewiß sind wir nicht nur politisch Deutsche; nein, wir empfinden auch deutsch, unsere Bildung ist deutsch, die deutsche Sprache ist unsere Gemüthsheimath, und auch wir ühlen die Wahrheit des Wortes: „Mutterlaut, süßer Laut!" Aber der jüdische Stamm hat doch auch als solcher eine Litteratur erzeugt, welche ihren Platz in der Weltlitteratur behauptet. Daß ihr die Bibel, das Buch der Bücher, angehört, ist zumal ihr höchster Vorzug. Dieses Buch hat nicht nur seinen Siegeslauf durch die ganze Welt genommen, unzählige Erläuterungsschriften und unversiegbare Ströme mündlicher Auslegung hervorgerufen, sondern ist ein stets wirksamer Faktor unserer modernen Kultur geblieben. Man kann behaupten: Hellenismus und Bibel sind noch heute die Hauptelemente unserer Geistesbildung. Striche man z. B. die Bibel aus derselben, so beraubte man sie ihres wichtigsten Inhalts. Nun hat aber auch das spätere, das wandernde Israel eine Litteratur hervorgebracht, die, so wenig sie sich auch mit der biblischen messen kann, doch der allgemeinen Geschichte der Wissenschaften angehört, ja zur Erhaltung der letzteren gerade in den ödesten Zeiten des Mittelalters erheblich beigetragen hat. Diese Litteratur ist inhaltlich wie äußerlich betrachtet ganz einzigartig. Inhaltlich, insofern sie alle Wissensgebiete, Philosophie und Rechtskunde, Mathematik und Astronomie/ Heil- und Naturkunde, Sprachwissenschaft und schöne Litteratur umfaßt, aber sie doch alle unter den religiösen Gesichtspunkt der Vermehrung göttlicher Wahrheiten und Erkenntnisse bringt und mit. biblischem Geiste durchtränkt. Aeußerlich betrachtet, indem sie zu verschiedenen Zeiten in den verschiedenen Kultursprachen auftritt, bald im klassischen Arabisch, bald im mönchischen Latein, dann wieder in romanischen oder germanischen Idiomen, zumeist freilich in der Sprache der Bibel, in der hebräischen. Diese Litteratur ist der getreue Spiegel des Innen- und Kulturlebens der Juden und daher eine nothwendige Ergänzung ihrer Geschichte. Man sollte wohl meinen, daß ihre wissenschaftliche Erforschung und Verarbeitung Sache unserer Landes-Hochschulen wäre. Allein, so wenig man den Juden politische Gleichberechtigung zuerkennen mochte, so wenig ihrer Litteratur Gleichstellung mit derjenigen anderer Völker. Nichtjüdische Gelehrte, die sich unserem Schriftthum widmen, gehören noch heute zu den Ausnahmen, wenn solche sich auch in den letzten Jahren mehren. Ihren Aufschwung verdankt diese „Wissenschaft des Judenthums" Juden; Männer wie Zunz und Rapoport, Luzatto und Frankel, Geiger, Graetz, D. Cassel u A. erweckten eine Gefolgschaft, die heute gottlob nach Hunderten zählt. Aber ins Volk gedrungen sind die Bestrebungen dieser Männer erst durch die Litteraturvereine. Die jüdischen Litteraturvereine, deren Zahl auf 98 gestiegen ist, haben unserer Wissenschaft erst ein Publikum geschaffen, eine sichere Heim- und Pflegestätte bereitet! Hier soll man wieder Namen wie Akiba und Saadia, Jehuda halevi und Gebirol, Maimonides und Gersonides, Manaffe ben Israel und Moses Mendelssohn vernehmen, die Werke jüdischer Litteraturgrößen zu sich sprechen lassen, von ihrem Geistesflug sich tragen, sich erheben lassen. Es ist, wie man sieht, eine große Aufgabe und ein schönes Ziel, das sich die Litteraturvereine stellen, und es muß eine Ehrensache der deutschen Judenheit bleiben, diese Bestrebungen zu ihrem eigenen Heile zu fördern. Are Woche. Berlin, 12. Oktober. fte Frage der konfessionellen Privatschulen wurde in dieser Woche viel besprochen. Während die Antisemiten über das Vorgehen der Leiter von konzessionirten Töchterschulen sich herzlich freuen, die die Aufnahme jüdischer Schülerinnen verweigern, erörtern die Liberalen die Berechtigung dieser Weigerung und die Stellung der Privatschulen zur Stadt und zum Staate. Es kommen dabei interessante Gesichtspunkte zur allgemeinen Kenntniß. Ein hiesiges Blatt führt u. a. Folgendes aus: „Wer eine Schule begründen will, bedarf dazu einer Erlaubniß der Behörde, einer Konzession. Eine solche Konzession wird im öffentlichen Interesse verliehen und gewährt daher nicht einseitig Rechte, sondern legt auch Pflichten auf. Wer unter dem Schutze einer staatlichen Konzession seine Dienste anbietet und hierdurch seinen Erwerb sucht, muß seine Dienste auch Jedem zur Verfügung stellen, der ihrer bedürftig ist. So lange man zur Ausübung des ärztlichen Berufs einer Konzession bedurfte, war der Arzt strafbar, der seine Hilfe einem Kranken verweigerte. Wenn der Inhaber eines öffentlichen Fuhrwerks einem Fahrgast seine Dienste verweigert, rügt es die Polizei und geht im Wieder, holungsfalle so weit, ihm den Fahrschein, das heißt die Konzesfion, zu entziehen. Wenn das Provinzialschulkollegium einem Lehrer oder einer Lehrerin die Erlaubniß zum Halten einer Schule ertheilt, so will sie ihm damit nicht einen Freibrief geben, nach Belieben Erwerb zu suchen, sondern sie will dem Bedürfniß Derer genügen, die ihren Kindern Unterricht ertheilen lassen wollen. Der Inhaber einer solchen Schulkonzesston dar? nicht nach seinem Belieben bestimmen, in welchen Fällen er der Nachfrage nach seinen Leistungen entgegenkommen, in welchen er seine Leistungen verweigern will.

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