Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 23 (22.2.1838)
- Date
- 1838-02-22
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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92 fassen und den Faden fcstzuhalten, der sich durch das Ganze zog und an welchem die herrlichsten Perlen reiner Sittenlehre und ergreifender Wahrheiten aufgercihet waren. Wo! mögen wir mit'Zuversicht die Hoffnung aussprechen, daß solche Vortrage, oft wiederholt, von unberechenbarem Einfluß auf den moralischen Zustand unserer tarnopoler Brüder sein und auch dem Studium des Talmuds eine andere Gestalt und eine mehr wissenschaftliche Richtung geben, und daß diese segenreichen Wirkungen sich von da auch auf die andern Gemeinden Galiziens verbreiten werden. Sv ist denn Tarnopol das hohe Glück zu Tbeil geworden, diesen hecl-gefeierten Gelehrten, dem hochherzigen für das Wohl seinerGemeindc, wie der ganzen galizischen Judenschaft thatig wirkenden Herrn Schuldirector Josef Perl zur Seite stehen und beide gemeinsam durch Wort und Lhat für das Heil unsrer Brüder wirken und schaffen zu sehen. Die schönsten Hoffnungen an dies frohe Ereigniß knüpfend, erheben wir vcrtrauungövoll unsere Augen gen jene Höhen, woher unsere Hilfe kommt! „Deß freuet sich die Wüste und das dürre Land, es frohlocket die Wildniß und sproßt gleich Narzissen auf." Mentrani. Russische Grenze, 1. Febr. Wie jämmerlich nehmen sich bei der Morgendämmerung einer so herannahe'ltden Zeit diejenigen aus, welche die Sonne am Ausgang verhindern zu können glaubenindem sie ihr den Rücken 'kehren, und ihrem Glanze den veralteten, morschen und wurmstichigen Schirm Vorhalten, der selbst dem Mondlichte nicht mehr widerstehen könnte. Im Trüben zu fischen wird ihnen noch eine Weile dabei' gelingen, aber aufhaltcn können sie das Gestirn des Tages nicht, im Gegentheit ihre eben so leidenschaftliche als schwache Reaction ist der sicherste Vorbote seiner gewissen Annäherung. (Briefe eines Verstorbenen, Bd. 4. S. 175.) Die Wahl und Installation des ausgezeichneten Herrn R., der aus seinen Schriften als Gelehrter bekannt ist, zum Rabbinen in einem galizischen Kreise,, kann man mit Recht, als ein höchst wichtiges Ereigniß, ja als Triumph derCivilisation betrachten. Denn abgerechnet, daß wenn,er seinen Grundsätzen treu bleibt, eine neue Epoche für das jüdische Galizien, beginnen, sein Beispiel viele Rabbinen zur Nachahmung anspornen wird; erprobten sich bei dieser Gelegenheitt die Kräfte aller Parteien , und wir sind als Sieger aus dem Kampfe gegangen. Wayrlich ein heißer Kampf war da zu kämpfen, ein Theil der Talmudisten, und die Chasidrm, die sonst feindlich gegen einander gesinnt sind, traten jetzt, bei einer ihnen gemeinsam drohenden Gefahr in Allianz, und stellten ihre vereinigten Machte uns entgegen, die wir unter Anführung des berühmten Josef Perl überwanden, und in die Flucht jagten. Zwar ist der völlige Sieg noch nicht erkämpft, sie werden ihre Angriffe erneuern, und auch jetzt einen Guerillas-Krieg fortsetzen; aber Gott ist mit uns, und wrr fürchten Niemand! Die Charaktere der uns cntgegenflehenden Partbeicn prägten sich bei dieser Gelegenheit aus, und die Waffen, die sie gegen uns gebrauchten, gewahrten wir, welches für zukünftige Kämpfe von ungemeinem Nutzen sein wird. -Die Talmudisten wie die Chasidim sind beide zugleich Todfeinde derCivilisation, die ersten rechtliche, biedere, aber geisteskranke Leute, wähnen die Religion in Gefahr und machen ihrem gepreßten Herzen in Verwünschungen und Flüchen Luft, winseln, weinen und jammern vor Kummer und Angst, und rufen den Zorn Gottes auf die Erleuchteten herab; Letztre hingegen sind tückische, hinterlistige, aber ohnmächtige Leute, gebehrdm sich zelotisch, lassen ihrer Wuth freien Lauf, greifen zu den ärgsten Mitteln^ das Gedeihen der Civilifation zu verhindern, ihrer Ausbreitung einen Darum zu setzen, ihre Jünger blutig zu verfolgen, ihnen wo möglich Schaven zuzufügen, und gehen darauf los sie ganz auszurotten. Zu was find diese Chasidim nicht fähig?! Seit derZeit,als die Kugelwahl statt fand, und das erfreuliche Resultat bekannt wurde, verging kein Tag, in welchem ihre Wuth sich nicht fühlbar machte: Pasquille, Libelle, Anatheme, Denunziationen folgten schnell auf einander, eine Niederträchtigkeit machte einer größer» Platz; Sechszehn Briefe richteten sie an den Rabbinen zu Lemberg, forderten ihn im Namen Gottes-und des Rabbi^ nismus zur Mitwirkung auf, um gemeinsam an der Annullirung dieser Wahl zu arbeiten, der es aber rund abschlug, welches wirklich als Wunder gelten kann. Der Charakter des lemberger Rabbinen ist wie bekannt nicht der allerbeste, und seine fanatische Verfolgungssucht und sein schändliches Verfahren gegen Helldenkende har sich vor langer Zeit bekundet. Vielleicht war hier blos die Ueberzeugung, daß alle Opposition und Rcaction nichts fruchten werde, da alle hochgestellte Beamten, namentlich der Gubernial- Präsident Krieg zu Lemberg, und der Kreishauptmann Sacher in Tarnopol dem Hrn. R. gewogen waren, die Ursache seiner, Toleranz. Dem sei aber wie ihm wolle, er betheuerte, den Gegnern einen derben Brief geschrieben und^ alle Hoffnung auf seinen Beitritt benommen zu haben. Mittlerweile sandten sie Bannbriefe nach allen Kreisstädten und forderten zugleich auf, mit ihnen gemeine Sache zu machen, denunzirten im Gubcrnium, daß Herr R mit seiner zweiten Frau, der Tochter eines ausgezeichneten Rabbinen, Versager eines tatmudischen Werkes, Namens iiierot ha Chosch e n in wilder Ehe lebe: alles schlug aber fehl, sie fanden nirgends Gehör, ihre Anforderungen blieben unbeantwortet, ihre Denunziationen unberücksichtigt, und die Reise des Hrn. R. nach seinem Bestimmungsort ging ehrenvoll vor sich. Der rühmlichst bekannte, die Cultivirung seiner Glaubensgenossen fördernde, verdienstvolle, einflußreiche und höchst angesehene Hr. I. Perl, Stifter und Director der Tarnop. Jsraeliten- Schule, bot alles auf, die Einsetzung des Hrn. R., von welcher er viel Gutes für Israel hofft, zu erwirken; entsagte dieser Würde, die ihm von Seiteir der Tarnop. Gemeinde wie des Kreishauptmanns angcboten wurde, zu Gunsten seines Freundes, und setzte alles in Bewegung, der Vereitelung desselben entgegen zu arbeiten. Viel Aufsehen erregte die Reise des Hrn. Perl, eines schwächlichen Greises von 70 Jahren, trotz Frost und Wetter nach Lemberg, um selbst den Hrn. R. abzuholen. So weit geht die Liebe dreses verehrungswerthen Mannes zu seinen t Glaubensbrüdem, so weit erstreckt sich dessen Aufopferung für ihr Bestes! Möge Gott ihn noch lange am Leben erhalten, auf daß er ferner Gutes wirke, und dem ausgezeichneten Rabbinen, dessen Einsetzung wir hauptsächlich ihm zu verdanken haben, mit Rath und That bcistebn. Viete'Anverwandte und Freunde, unter letztem der als Schriftsteller rühmlich bekannte Hr. S. Bloch, begleiteten den Hrn. R. bei seiner Abreise zu Wagen. Am 10. Januar brach Hr. R. von Zloezow, wo er mit einigen Freunden auS Brody zusammentraf, mit Tagesanbruch auf, und hoffte noch denselben Tag in Tarnopol einzutreffen. Ungeheure Schneemassen und furchtbare Kalte machten aber ihre Reise beschwerlich, und sie gelangten Abends in einem, eine Meile von der Stadt entfernten Dorfe an, wo sie auf Anrathen deS Hrn. P., damit die Chasdien nicht etwa glauben, daß auS Furcht vor ihnen der Einzug zur Nachtzeit stattfand, übernachteten; der Hr. P. aber fuhr in die Stadt hinein, um alles in Ordnung zu bringen, und einen glänzenden Empfang vorzubereiten. Früh Morgens am 11. kam ein prächtiger Zug von 12 Schlitten, mit 30 der angesehensten Männer ihnen entgegen, und so ging der feierliche^ imposante Einzug, der einem Triumphe glich, vor den Augen der ganzen Einwohnerschaft, die theils dem Rabbinen zugethan. theils indifferent sind, worunter sich aber auch Zeloten befanden, die mit verschloffenem Jngrimme zusahen, langsam und pompös vor sich, bei dem Hause des Hrn. P. machten sie Halt,, stiegen aus und der Hr. R. bezog das für ihn'eingerichtete Zimmer, worauf ein jeglicher nach seinem Hause sich begab. (Schluß folgt.) Redacteur: Dr. L. Philippen. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von -I. B. Hirschfeld.