Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Wort „Orient" einzuschalten ist, „insbesondere in Palästina und Syrien". In der Abendsitzung wurde die Kolonialdebatte ziM Abschluß gebracht. Als letzter Punkt der Tagesordnung folgte die M-. rathung über die Kulturaufgaben des Kongresses. Namens der KultuM kommission erstattete Rabbiner Dr. Ehrenpreis das Referat und forderte^ Begründung eines allgemeinen hebräischen Sprachvereins mit dem Sitz< in Wien, dessen Vorstand aus den Herren Lektor M. Friedmann,^ Professor Dr. Kellner, Dr. L. Kahn, .Rabbiner Dr. Ehrenpreis, Dr. KorkiH bestehen soll. Dann empfiehlt der Referent die folgende Resolution, die^ nach einer begeisterten Rede des Rev. Dr. Gaster einstimmig an4 genommen wird: „Der Zionismus erstrebt nicht nur die ökonomisches und politische, sondern auch die geistige Wiedergeburt des jüdischen^ Volkes und befindet sich hierbei auf dem Boden der modernen Kultur,§ an deren Errungenschaften er festhält. Der Zionismus unternimmt^ nichts, was dem Religionsgesetz des Judenthums widerspricht." NachL dem Bericht des Organisationsausschusses folgen die Wahlen, und es^ werden durch Akklamation gewählt ins Aktionskomitee: für Mähren:^' Berthold Feiwel; für Ungarn: Grünwald; für Galizien: Dr. Schön-z weiter, Dr. Rosenheck, Dr. Schurs für Rußland: Dr. Kohan-Bernstein,z Professor Mandelstamm, Jassinowsky, Gregor Syrkin, Temkin, Tschlenow/^ Rabb. Dr. Jelsky, Dr. Jampolsky, Ufstschkin, Rabb. Rabbinowitz für Frankreich und Algier: Bernard Lazare, Dr. Marmorek; füN Belgien: Dr. Solkowsky; für Bulgarien: Herbst; für Rumäniens Dr. Lippe, Pineles, I. Ellmann; für Deutschland: Dr. Rülf urch> Dr. Bodenheimer; für die Schweiz: Veit; für England: Rev. GasterF Mr. I. D. Haas; für Amerika: Professor Gottheil und Rabbiners Dr. PH. Klein. Hierauf wird zur Wahl des Wiener Aktionskomitees) geschritten. Dr. Herzl wird per Akklamation zum Vorsitzenden des) Komitees gewählt. Nach mehreren Wahlgängen, da die galizischenE Delegirten auf ihre Mandate verzichten, geht aus der Wahl hervor:^ Dr. Schnirer, Dr. Kahn, Dr. Kokesch und Architekt Marmorek^ Dr. Herzl, Vorsitzender des Aktionskomitees. Dr. Heinrich Löwe beantragt, den Haag in den Niederlanden als nächsten Kongreßort zu wählen. Dann folgt eine Mittheilung von Frau Ellmann, daß Fraueri, Delegirte und Gäste des zweiten Baseler Kongresses sich als provisorisches Komitee zur Schaffung eines Weltvereins jüdischer Frauen mit be% Sitz in Wien und Zweigvereinen überall, wo es ein jüdisches Gemeinwesen giebt, konstituirt haben, und erwarten, daß alle jüdischen Frauen sich diesem Verein anschließen werden. Hierauf sagt Rabbiner Dr. RiW dem Präsidium den üblichen Dank, und nun schließt Dr. Herzl den. Kongreß mit den Worten: „Der Zionismus ist nicht eine traurige Nothwendigkeit, wie man ihn oft nennt, er ist auch ein erhabenes, Ideal. Wir aber wandeln auf neuen Pfaden. Das Judenthum ist jetzt auf moralischen Wanderungen begriffen. Wohin der Pfad führt?.. Wir hoffen zu besseren Tagen. Der zweite Zionistenkongreß ist zu Ende!" . r, . Afrika. A Algier, 1. September. Bei dem heutigen Empfang der Hörden und Würdenträger im Winterpalaste von Algier richtete dech Oberrabbiner von Algier an den neuen Generalgouverneur Laferriöre eine längere Ansprache, in der er die Liebe, den Respekt und die Treue der algerischen Israeliten für das französische Vaterland) und die Republik betonte. Dann fuhr er fort: Sie werden bald von der vollen Aufrichtigkeit dieser Gefühle überzeugt sein. Wir zählek darauf, Herr Generalgouverneur, daß Sie Ihr ganzes Ansehen aufbieten werden, um uns die Achtung und die Sicherheit zu verschaffen, auf die wir ein Recht haben, und die wir in der letzten Zeit nicht mehr besitzen.) Wir wollen mit Ihnen an der Beschwichtigung der Gemüther arbeiten.! Nicht auf unserer Seite werden Sie auf irgend ein Hinderniß stoßen,^ und ich biete Ihnen unseren aufrichtigen, ergebenen und unbedingten' Beistand an. Der Generalgouverneur erwiederte darauf: Ich danke Ihnen für Ihre Wünsche; Sie appelliren an mich hinsichtlich deA Schutzes Ihrer Personen und Ihres Eigenthums. Sie dürfen auf den? Vertreter der Republik rechnen, denn unter dem Schatten der fMM zösischen Flagge darf es keine Verfolgungen geben. Ihre Glaubens? genossen dürfen aber nicht abseits bleiben; erinnern Sie dieselben atl das Sprichwort: „Den geschorenen Schafen mißt Gott den Wind abV und mahnen Sie sie auch an das „summurn jus, summa injuria“; dbe" Friedensgefühle um sich, und seien Me.versichert, daß seitens der Behörden Niemand abgeneigt ist, diese Gefühle wohlwollend auszunehmen und anzufeuern. Wenn die Thaten diesen Worten entsprechen, können die algerischen Juden auf bessere Zeiten rechnen. -t- Vor und während der Ankunft des neuen Generalgouverneurs ist es zu tumultuüsen Szenen und Mißhandlungen von Israeliten gekommen Einige Juden, die auf der Place du Gouvernement erschienen waren, um sich den Einzug des Generalgouverneurs mit anzusehen, wurden von einer antisemitischen Menge fortgejagt und geschlagen. Zwei Israeliten wurden hierbei schwer verwundet. In drei Läden wurden die Auslagefenster eingeschlagen und ein Restaurant geplündert. Die Polizei und Gendarmerie waren genöthigt, einzuschreiten, um etwaigen Plünderungen vorzubeugen. Auf diese Vorfälle hin sahen sich die Handels-, leute gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen. Bald nachdem der Generalgouverneur seinen Einzug gehalten hatte, und das Militär sich anschickte, in die Kasernen zurückzukehren, wollte sich Max Regis mit einer Schaar seiner Anhänger den Weg durch die Menge bahnen, wobei es zu einer Schlägerei kam, und mehrere Frauen umgeworfen und getreten wurden. Gegen sieben Uhr Abends versuchten die Manifestanten das Cafe de la Bourse auf der Place du Gouvernement zu erstürmen, wurden aber von der Polizei zerstreut. Eine zweite Bande hielt die Trambahnwagen auf, um sich zu überzeugen, daß sich keine Juden darin befanden. Im Ganzen wurden sieben Personen verhaftet. Don Nah und Fern. --- Auch in Berlin ist das Stück „Kapitän Dreyfus", welches das Alexanderplatz-Theater zur Aufführung dringen wollte, seitens des Polizeipräsidiums verboten worden. — Bei der Anwesenheit des Kaisers in Westfalen haben Oberlandesgerichtsrath Dr. Litten in Hamm den Rothen Adlerorden 4. Klasse und der Rentner I. Blumenfeld in Münster, Kurator der Haindorf'schen Stiftung, den Kronenorden 4. Klasse erhallen. — Religionslehrer Max Golde in Dresden ist zum 1. Oktober d. I. als Lehrer an die Präparandenanstalt der Berliner jüdischen Gemeinde berufen worden. — Herr Kantor Davidsohn-Rasteuburg feierte am 5. September das Fest seiner Silberhochzeit unter allgemeiner Theilnahme. — Die praktischen Aerzte Dr. H. Goldschmidt und Dr. Heinrich Stern in Breslau sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — Dem Wohl'schen Ehepaare zu Schönau, Kreis Leobschütz. ist aus Anlaß der goldenen Hochzeit die Goldene Ehejubiläums - Medaille verliehen worden. — Dr. med. Silberberg in Rybnik ist durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 25. August d. I. vom Oberarzt zum Stabsarzt befördert worden. — Die Frankfurt-Loge des B. B. O. hat die Gründung eines „Dr. Heinrich Heinemann-Fonds" beschlossen. Die Zinsen des Fonds, der durch einen größeren Beitrag der Loge und Beisteuer der einzelnen Brüder sowie von Familienangehörigen des Verewigten fundirt wird, sollen dienen „Bestrebungen auf dem Gebiete jüdischer Geschichtsforschung zu fördern, besonders aber durch Preisausschreiben für gediegene Ausarbeitungen einzelner Abschnitte aus der jüdischen Geschichte, sowie Drucklegung von Forfchungsresultaten zu unterstützen." — In Worms feierte der Hauptmann a. D. der Landwehr JosephGernsheim das 25jährige Jubiläum als Präsident des Kriegervereins. Aus diesem Anlaß wurde ihm ein großartiger Fackelzug gebracht und eine Adresse überreicht. — In Afchaffenburg wurde Dr. Gustav Wachenheimer zum Distriktsrabbiner gewählt. — Synagogenrath D. Dreyfus in W ei Ibu rg, und seiner Gemahlin wurde vie Centenarmedaille verliehen. Dreyfus ist bereits im Besitze des Kronenordeus 4. Klasse. — Wie Schweizer Blätter berichten, haben die Zionisten die Absicht, in Basel ein Kongreßhaus zu bauen. Bon dem ausführenden Ingenieur Marmorek ist bereits der Regierung eine Eingabe eingereicht worden um Ueberlassung eines geeigneten Bauplatzes. Eine Antwort der Regierung ist noch nicht eingegangen. — Der durch zahlreiche Humanitätsakte bekannte Finanzier Osiris in Paris hat einen Preis von 100000 Frcs. für. die beste Schrift auf künstlerischem, industriellem oder humanitärem Gebiete ausgesetzt, die anläßlich der Weltausstellung 1900 erscheinen soll. — Bei den Festen in Holland haben sich die Juden überall durch synagogale Feiern betheiligt. Von dem Ordensregen ist auch ein ansehnlicher Theil auf sie gefallen. — Der Redaktionssekretär des „Petit Puristen“, Weil- Matig nan, in Paris ist zum Pitter der Ehrenlegion ernannt worden. Uebertreibung des Rechtes gleicht einer Ungerechtigkeit. Verbreiten Sie Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.