Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 zugehen und etwa Abkürzungen den Planken des Grates entlang zu versuchen. Eine Strecke weit begleitete Frau Püntener die Leute. Allen Warnungen zum Trotz ließen sich's zwei Waghalsige nicht nehmen, den Fußweg zu verlassen und den Grat entlang zu gehen. Bon einem Gewitter, das Nachts über die Gegend gezogen, waren die Planken hier sehr glatt. Mangels Bergschuhe oder sonst genagelter Schuhe gestaltete sich der Abstieg für die Beiden doppelt beschwerlich. Moriz Guggenheim von Lengnau, wohnhaft in Baden (Aargau), stürzte sechzig Meter tief. Sein 21 jähriger Begleiter Bloch von Brugg konnte sich in der ersten Zeit des Rutschens noch halten und ward später gerettet, während Guggenheim todt blieb. Zwischen Tod und Leben schwebend, rief Bloch verzweifelt um Hilfe. Bahnmeister Rob. Lusfi und Bahnwärter Remigius Lussi wurden in der Fluhmatt auf den Hilferuf aufmerksam, zumal auch von der Egg herunter Alarmrufe ertönten. Mit Decken und Heuseilen ausgerüstet, stiegen die beiden die Unglücksstätte hinan. Es gelang, den Bloch mit Seilen aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien. Bon Schürfungen abgesehen, hat ihm die Rutschpartie weiter nichts zuleide gethan. Guggenheim aber lag mit zerschmettertem Kopf tief unten im sogenannten „Katzenloch" hinter der Alphütte Fluhmatt. Rob. Lussi stieg hinunter und ermöglichte so die Bergung der Leiche, die heute, Freitag, nach erfolgtem gerichtlichen Augenschein nach Baden befördert wurde, während Bloch die Heimreise schon Donnerstag Abend antrat. In der Reisegesellschaft befand sich auch Rabbiner Dr. Ehrmann. Großbritannien. B. London, 6. August. Unter den Juden des Ostends herrscht eine lebhafte Bewegung gegen die Leiter der Gemeinde, die nach ihrer Auffassung keine Rücksicht auf die eingewanderten Juden nehmen und in ihnen nur Gegenstände ihres Mitleids sehen. Die Juden des Ostends find aber müde, immer nur Wohlthaten zu empfangen, sie wollen gleichberechtigt mit ihren reicheren Brüdern im Londoner Westend sein und verlangen mehr Rücksicht von diesen, als ihnen gegenwärtig erwiesen wird. Das Auftreten Oberrabbiner Adlers gegen das Cheder hat noch mehr verstimmt, und in allen Synagogen des Ostens wettern die Maggidim und Rabbiner gegen die Bevormundung durch das Westend. Die große Gesellschaft Machstke Hadaß beabsichtigt, von dieser Stimmung zu profitiren und sich aus einem Religionsverein in eine vollkommen konstituirte Gemeinde zu verwandeln. Vollkommen aus eigenen Mitteln hat diese Gesellschaft sich eine Synagoge gebaut, die 2000 Plätze enthält, und ein Gebäude für die Talmud Thoraklassen, in denen 1200 Kinder unterrichtet werden können. Jetzt will die Machsike Hadaß noch einen Begräbnißplatz kaufen, ein Beth Din konstituiren und sich die Gemeinde der ausländischen Juden nennen. Sie hofft, dadurch zum Mittelpunkt der eingewanderten Juden zu werden und diese von der Gnade der Westendjuden unabhängig zu machen. Vielleicht ist diese Bewegung Veranlassung dazu, daß die Berathungen des Last End Scheme im Rath der United Synagogues ein schnelleres Tempo einschlagen, was sehr zu wünschen wäre. — Am Sonntag, 24. Juli, hatte unser berühmter Klub „Die Makkabäer" einen besonders glänzenden Abend. Eine ganze Reihe hochangesehener Gäste aus Amerika waren anwesend, darunter Cyrus Adler und Judge Sulzberger und außerdem der bevollmächtigte Minister der Republik Liberia, . E. W. Blyden. Aus den vielen Reden, mit denen die Gäste gefeiert wurden und dankten, soll eine besonders hervorgehoben werden, die der Exzellenz Blyden. Er lud die Juden ein, nach Afrika zu kommen und dieses civilisiren zu helfen. Noch seien die größten Bezirke Afrikas ganz ohne jüdische Einwohner, und an dem großen Werke, diesen ganzen Welttheil der Kultur zu erschließen, arbeiteten die Juden nur an wenigen Stellen mit. Hier sei noch viel Raum für sie, hierhin möchten sie gehen, und vielleicht führe sie Dr. Herzl selbst noch dorthin. Afrika. W. Algier, im August. Die Nachricht von der Ersetzung Lspines durch den Staatsrath Laferriere hat in den Kreisen der hiesigen Antisemiten gleichzeitig Freude und Verdruß erregt. Man jubelt, daß man Löpine verdrängt hat, aber man bedauert, daß es Drumont nicht gelungen ist, den antisemitischen Senator Pauliat als Generalgouverneür nach Algier zu bringen. Laferriere ist in der Judenfrage noch parteilos, man weiß noch nicht, was man von ihm halten soll. Einstweilen fiudirt er in Paris die Verhältnisse der Provinz und arbeitet ein Programm aus für die Versöhnung der Parteien. In Algier dauern noch immer die Exzesse fort; kein Tag vergeht ohne eine antijüdische Demonstration, kein Tag ohne irgend einen thätlichen Angriff gegen einen Juden oder jüdisches Eigenthum. Auch in Oran geht es ruhig oder vielmehr unruhig weiter, obwohl der Bankerott des „Petit Afrikain" und seines Besitzers Alexander Ayribier wenigstens die Zeitungshetze beendigt hat. Dieses Organ, das den Antisemitismus in der Provinz Oran geschaffen hat, ist uns unendlich schädlich gewesen, sein Eingehen wird dem inneren Frieden in diesem Theile der Kolonie nur förderlich sein. Dsn Nah und Fern. ---- Im Alter von 81 Jahren ist hier am 5. d. Mts. die verwittwete Geh. Kommerzienrath Jeanette Magnus und im Alter von 75 Jahren der großherzoglich mecklenburgische Kommerzienrath Samuel Friedmann gestorben. — Der kgl. preußische Hofeellist Heinrich Grünfeld hat vom Kaiser von Oesterreich das goldene Verdienstkreuz mit der Krone erhalten. — Wie die „Blätter für die christliche Welt" mittheilen, sind im Jahre 1897 in Berlin 136 Juden zur evangelischen Kirche, 10 Evangelische zum Judenthum übergetreten. — Prof. Dr. Jakob Freudenthal in Breslau ist zum Dekan der philosophischen Fakultät der dortigen Universität gewählt worden. — Unter den l0 Hamburg- Altonaer Damen, denen der Kaiser die Centenar-Medaille verliehen, befinden sich auch zwei angesehene jüdische Frauen, nämlich: Frau Eleonore Scheier, gen. Rosenbaum, geb. Rosenbaum und Frau Marianne Goldzieher, geb. Meyer. — In Düsseldorf ist der penstonirte Musiker Leopold Alexander gestorben. Er hat vor zwei Jahren das Jubiläum seiner sechzig jährigen Thätigkeit als Mitglied des Düsseldorfer Orchesters gefeiert. In seinen Jugendjahren spielte er bereits unter Mendelssohns Leitung. — Die beiden jüdischen Gemeinden in Bukarest, Aschkenasim und Sephardim, haben beschlossen, ein Gymnasium für diejenigen jüdischen Schüler in das Leben zu rufen, welche 4 Klassen der Elementarschule absolvirt haben. Man hofft für die nöthigen Mittel aus Zuschüsse von Privaten und vielleicht ausländischen Vereinen. Mit diesem Gymnasium wird der erste Versuch gemacht, die Ausschließung der jüdischen Knaben von allen Gymnasien zu paralyfiren. — Aus Salonichi wird berichtet, daß das Gebäude der jüdischen Talmud- Thora-Schule abgebrannt ist. Dasselbe war eines der ältesten und größten Bauwerke der Stadt, blickte aus ein Alter von mehr als 300Jahren zurück und nahm einen Raum von 8000 Quadratmetern ein. — Die jüdische Kolonie in Cypern, die durch den Verein Ahawaß Zion in London gebildet wurde und von der Jewish Colonisation Association unterstützt wird, ist jetzt eröffnet worden. 16 Familien werden im Laufe dieses Monats angesiedelt werden, von denen nur eine zur Zeit in Cypern ist, während 13 Familien aus London kommen und 2 aus Palästina. — Einer der ältesten Aerzte Dänemarks, Dr. Simon Paul Lew in, ist in seinem 65. Lebensjahre in Frederiksberg gestorben. Lewin bestand sein Amtsexamen 1843 und war von 1650 bis 1855 Arzt in Lügumkloster. 1855 wurde er Bezirks- und Badearzt auf Sylt mit dem Wohnsitze in Keitum. 1860 wurde er zum Bezirksarzt in Hobre ernannt, wo er bis 1893 wirkte. — Der russische Senat hat eine wichtige Entscheidung getroffen. Er hat nämlich bestimmt, daß alle Juden resp. Jüdinnen, die ein Diplom als Feldscheer, Zahnarzt resp. Hebeamme besitzen, das Recht haben, überall in Rußland nach freier Wahl zu wohnen und sogar, wenn sie in ihrem Berufe nicht Nahrung genug finden, einen Nebenberuf zu treiben. — Eine arme Jüdin in L odz, deren Mann vor einigen Jahren nach Amerika auswanderte, hat durch das Kriegssekretariat in Washington die Nachricht erhalten, daß ihr Mann als Freiwilliger in die Armee eingetreten war und auf Kuba gefallen ist. Der Wittwe ist eine Summe von 1000 Dollars ausgezahlt worden statt einer Pension. — In Cincinnati feierte Professor Dr. Mielziner, der gelehrte Herausgeber der Jntroduction of the Talmud, der Lehrer der talmudischen Fächer am Hebrew Union Kollege, unter lebhafter Theilnahme seiner Kollegen und Schüler den siebzigsten Geburtstag. Unsere besten Glückwünsche folgen nachträglich, darum aber nicht weniger herzlich! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. MM