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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-07-29 · Heft 30 (29.7.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 30 (29.7.1898)
Date
1898-07-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 verlas den bereits bekannten Bericht der Gesellschaft und zeichnete dann in längerer Rede ein Bild von den gegenwärtigen Zuständen der Judenheit. Obwohl Montefiore ein großer Optimist ist, so fiel doch seine Schilderung der Verhältnisse trüb genug aus. Unter den Ländern, deren Bedrückungen gegen die Juden aufgezäblt wurden, nimmt stch England aus wie eine Oase der Toleranz in der Wüste der Barbarei. Montefiore kam dann auf die verschiedenen Hilfsmittel zu sprechen, die man gegen die Judennoth vorschlage. Er erwähnte den Zionismus, um seine Gegnerschaft gegen diese Bewegung noch einmal zu betonen, besprach dann die Kolonifationsversuche in den verschiedenen Ländern und schilderte die Thätigkeit der Jewish Colonisation Association. In Argentinien sei flcher nicht alles, wie es sein sollte, aber die Angriffe seien gewiß stark übertrieben, und diese Kolonisation verspreche in der nächsten Zeit sehr gute Erfolge, wenn auch gegenwärtig die Ausdehnung der Kolonien nicht möglich erscheint. In Nordamerika und Kanada habe man ebenfalls in der letzten Zeit keine Erfolge gehabt, doch hoffe er, hier bald von neuen, vielversprechenden Fortschritten berichten zu können. Was Palästina angehe, so wachse die Zahl seiner Juden trotz aller die Einwanderung beschränkenden Verbote der Regierung stetig an. Die Jewish Colonisation Association hat große Bewilligungen für Palästina gemacht, aber er, Montefiore, sehe darin nur eine neue große Gefahr, denn wenn man in Rußland erfahre, daß die Jewish Colonisation Association Beiträge für Palästina bewillige, so werde man trotz aller türkischen Einwanderungsverbote den mächtigen Einwanderungsstrom aus Rußland gar nicht zurückhalten können. Montefiore ist aber nicht für eine Kolonisation in Palästina, sondern nur für eine solche im Westen der Welt, wenn die russische Judenfrage in Rußland selbst nicht gelöst werden kann. Obwohl die Methode, durch bessere Erziehung die Lage der Juden zu heben, gegenwärtig mit großem Takt angewendet werden müßte, weil die beschränkenden Gesetze in Rußland und Rumänien die Ausübung der erlernten Fähigkeiten erschwerten, so erhofft doch der Redner gerade hiervon von der Zukunft viel Gutes. Die Anglo Jewish Association habe mit ihren geringen Mitteln (kaum 2000 Lstrl.) sehr viel gethan; fie habe auch dafür gesorgt, daß die Sprache ihres Vaterlandes, das Englische, in den von ihr subventionirten Schulen gelehrt werde. Bedauerlich bleibe nur, daß die geringe Unterstützung seitens der englischen Juden die Wirksamkeit der Gesellschaft so beschränke. Nach einigen kurzen Worten F. D. Mocattas wurden dann die ausscheidenden Vorstandsmitglieder sämmtlich wiedergewählt. Der Chief Rabbi Dr. Adler nahm die Gelegenheit wahr, um stch ebenfalls gegen den Zionismus zu wenden und seine eigene glühende Liebe zu Zion auszudrücken. In der ferneren Debatte theilte dann Hermann Landau mit, daß in Rußland insofern eine Wendung eingetreten sei, als man die Auswanderung der Juden nicht wie früher begünstige, sondern vielmehr erschwere. Er empfehle die Ansiedelung derselben in den britischen Kolonien, besonders in Kanada. Aus dem Baufonds wurden dann noch 30000 Mark zur Erwerbung eines eigenen Gebäudes für die Schule in Bombay bewilligt. Amerika. C. H. Netv-Aork, im Juli. Am 17.v. M.fand im Hebrew Union College die feierliche Entlassung von sechs Rabbinatskandidaten statt. Davon haben drei bereits ansehnliche Stellen erlangt: Leon M. Nelson in Brooklyn-New-Iork, Hyman G. Enelow in Paducah, Kentucky, und Abraham Hirschberg in Chicago. Rabbiner Dr. Max Landsberg aus Rochester hielt die Festrede. Auch das hiesige orthodoxe Rabbinerseminar hat zwei Kandidaten diplomirt, von denen einer in Montreal, Kanada, eine Stelle gesunden hat. Im Zusammenhänge will ich noch mittheilen, daß eine Gemeinde in Johannesburg im Transvaal einen Rabbiner aus Amerika importiren will. — Kürzlich wurde zum ersten Male, wenigstens soweit bekannt ist, eine jüdische Trauung auf dem Gebiete der mexikanischen Republik vollzogen. Die Trauung fand in Nuevo Laredo statt, und der Rabbiner aus San Antonio, Texas, vollzog die Ceremonie. Isn Nah und Fern. — Der Direktor des Instituts für Staatsarzneikunde, Professor Dr. Straßmann, ist zum korrespondirenden Mitglieds der Societö de m£dicine legale de France in Paris gewählt worden. — Der königliche Hoflieferant Kaufmann Max Neumann hat den Kronenorden IV. Klaffe, der belgische Konsul E. Bauer in Breslau das Ritterkreuz des belgischen Leopoldordens, der Kaufmann H. Goldschmidt in Berlin das Ritterkreuz des schwedischen Wasaordens, der dänische Konsul I. Friedländer in Breslau das Ritterkreuz des Danebrog^ ordens, der Maler M. Auerbach in Berlin die serbische goldene Medaille mit der Krone erhalten. — Dem jüdischen Waisenhause zu Rybnik wurden von der Baronin Hirsch zu Paris 20 000 Mark geschenkt. — In Düsseldorf ist im 79. Lebensjahre Leopold Ahrweiler gestorben. Derselbe, ein angesehener und feingebildeter Mann, war eines der rührigsten Mitglieder des Heine-Denkmal-Komitees. — Dozent Dr. Adolf Jolles in Wien hat das Kommandeurkreuz des spanischen Ordens Jsabellas der Katholischen erhalten. — In Triest ist der gelehrte Rabbiner Moses Tedeschi im Alter von 77 Jahren gestorben. — An der Universität von Genua wurde Fräulein Esther Bonomi zum Doktor der Medizin promovirt. Es ist dies der erste Fall in Italien, daß eine Frau den Doktorgrad erhält. —In Brüssel hat sich ein Komitee zur Errichtung eines Asyls für bedürftige Juden gebildet. Die Brüsseler Armenverwaltung hat dem Komitee ein Grundstück in der Rue de la Glaci^re verkauft. — In Paris ist am 21. d. Mts. George v. Weisweiler aus Frankfurt a. M., Auffichtsrath der Deutschen Effekten-Wechselbank, der Schwiegervater Henri de Rothschilds, im Alter von 58 Jahren plötzlich gestorben. — M. Weill ist zum Unterpräfekten von Meaux, Edmond Cahen zum Conseilrath des Seinedepartements ernannt worden. — Max Nordaus neues Drama, „Doktor Kohn", Bürgerliches Trauerspiel in vier Aufzügen, wird im Oktober d. I. im Berlage von Ernst Hofmann & Co. in Berlin zur Ausgabe gelangen. — In Pd rönne wurde dem Gemeinderath eine Bittschrift unterbreitet, welche um Abschaffung der Judengasse ersucht. An Stelle der Rue des juifs will man den Namen eines Helden haben, welche sich anläßlich der Belagerung der Stadt im Jahre 1536 ausgezeichnet haben. Die Bitte wurde abschlägig beschieden. — Die diesmaligen Ehrenverleihungen aus Anlaß des Nationalfestes find nur spärlich Juden zugekommen. Offiziere der Ehrenlegion wurden Dr. med. Vidal in Hytzres, Major Jules Baumann vom 76. Infanterieregiment und Bataillonschef Salomon Strauß vom Geniekorps in Madagaskar. Zu Rittern der Ehrenlegion wurden ernannt Alphonse Abraham, Kapitän im 13. Infanterieregiment, Etienne Vidal, Kapitän im 20. Infanterieregiment, Josef Baumgartner, Kapitän der 6. Kürassiere, Lieutenant O ctave Arsene Oury von der Gendarmerie und Georges Behr, Batteriesührer im Bezirk von Algier. — In Bialystock haben 16000 jüdische Arbeiter die Arbeit eingestellt, weil ihnen eine Steigerung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit verweigert wurde. — In Konstantinopel wurde das mit Hilfe der Alliance israelite gegründete Rabbiner- und Lehrer-Seminar eröffnet. Die Aufnahme nachsuchenden Zöglinge müssen, wie der Direktor, Abr. Dannon, bekannt giebt, mindestens 16 Jahr alt sein, dem Unterricht in der hebräischen Sprache folgen, eine Sugja des Talmuds aüffassen und türkisch sprechen können. Auch die Kenntniß der französischen Sprache ist erwünscht. Die Jahrespension beträgt 700 Francs, wofür die Seminaristen Wohnung, Kost und Unterricht erhalten. — Sicherem Vernehmen nach ist der Sultan durch jüdische Persönlichkeiten von Rang auf die schlimme Lage der Israeliten in dem aufständischen Jemen aufmerksam gemacht worden und hat zugesagt, zu ihren Gunsten zu interveniren. — Da die französische Regierung den antisemitischen Exzedenten in Algier die Wohlthaten einer allgemeinen Amnestie zu Theil werden läßt, hat sie wenigstens soweit Gerechtigkeit walten lassen, daß sie die Juden, die wegen der gleichen Gründe verurtheilt sind, ebenfalls begnadigt. 22 Israeliten sind aus dem Gefängniß entlassen worden; nur die beiden Brüder Sitruk, die zu den höchsten Strafen verurtheilt waren, müssen dieselben noch weiter verbüßen. — Aus Buenos-Ayres schreibt man dem „Woschod", daß an der dortigen Universität sieben russische Juden studiren, und zwar sechs Medizin (darunter ein Mädchen) und einer Jurisprudenz. Auch in den Gymnasien in Buenos-Ayres, Uruguay, Parana und Santa-Fd seien russische Juden in größerer Anzahl vertreten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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