Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 29 (23.7.1898)
- Date
- 1898-07-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 - zu einem Monat schweren Kerkers, eine Person wegen Uebertretung des 8 468 St. G. B. zu einer Arreststrafe. — Auch in Krakau wurden zwei Exzedenten zu sieben resp. sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt. — Unter zahlreicher Betheiligung der hervorragendsten Persönlichkeiten hat Sonntag den 10. d. M. das Leichenbegängniß des in Baden verschiedenen Herrn Angelo Ritter von Huh stattgefunden. P. Lemberg, Anfang Juli. Herr Samuel Edler von Horowitz hat, wie Sie schon wissen, unserer Gemeinde aus Anlaß des 50jährigen Kaiser-Jubiläums hunderttausend Kronen galizischer Hypothekar-Pfandbriefe zwecks Zuweisung deren 4 pCt. Zinsenkoupons einer zu bildenden, seinen Namen führenden Wohlfahrts--Vorschußkasse übergeben, behufs Gewährung unverzinslicher Darlehen an jüdische Handwerker bezw. Kleingewerbetreibende in unserer Stadt. Jedoch ist mit dieser Gründung allein keineswegs noch das letzte Wort gesprochen, vielmehr geht der edle Mann mit weiteren, auf den Ausbau ausgedehnter Zweigstiftungen hinzielenden Plänen um; deshalb stellte Horowitz dem nominirten Kuratorium die Alternative, nach Verlauf eines beliebigen Zeitraumes — in minimo nach einem Dezennium — nachdem ein für die Borschußkasse hinreichender Betrag angesammelt sein wird, die Erträgnisse aus der Spende einem ins Leben zu rufenden Blinden- und Taubstummen- Jnstitute als Zweigstiftung zuzuwenden. Ueberdies äußerte der Stifter privatim die Absicht, weitere hunderttausend Kronen zu Gunsten der jüdischen Gemeinde zu spenden, das heißt für Anstalten, die unsere Gemeinde bisher leider entbehren muß. Wir haben alle Ursache, Herrn von Horowitz um so aufrichtiger Dank zu sagen, da er damit gleichzeitig anderen Wohlthätern Anregung und Gelegenheit bot, diese humanen Anstalten durch Legate, Schenkungen u. s. w. zu bedenken. Großbritannien. 0. London, 15. Juli. Die berühmte jüdische Freischule, aus der so viele Männer hervorgegangen find, die sich einen bedeutenden Namen in der Welt zu schaffen wußten, wie der unlängst verstorbene Barnett Barnato, besteht bereits seit hundertzwanzig Jahren und genießt jetzt den Ruhm, die größte Schule im ganzen britischen Reich zu sein. Die Anstalt liegt mitten in dem Viertel der armen Juden im Ostende der Millionenstadt und zählt heute nicht weniger als 3500 Zöglinge. Die Rothschilds haben stets sehr viel für die Wohlfahrt der Schule gethan, und als es vor Kurzem nöthig wurde, das Gebäude beträchtlich zu vergrößern, faßte man den Entschluß, 20 000 Pfund Sterling zu dem Zweck zu sammeln und den neuanzubauenden Flügel Lord Rothschild zu Ehren den „Rothschild Wing" zu nennen. Vor einigen Tagen fand nun die festliche Einweihung der angebauten Räume statt — das nothwendige Geld war nämlich schneller, als man gehofft, zusammengekommen. Der Eröffnungsfeier wohnten die vornehmsten und reichsten jüdischen Familien Londons bei, unter Anderen der frühere Lord Mayor George Faudel Phillips, Sir Philip Magnus, Sir Samuel Montagu und natürlich auch Lord Rothschild. Den Letzteren schien es sehr in Verlegenheit zu setzen, daß man ihn so vor der Oeffentlichkeit mit Lobreden überschüttete. Der Vorsitzende der Schuldirektion erklärte in seiner Rede, daß man schon lange das Bedürfniß gefühlt hätte, sich dem Lord für die vielen und wichtigen Dienste, die er der Schule bereits geleistet, in irgend einer Weise erkenntlich zu zeigen. Es fei dies aber sehr schwer auszusühren gewesen, da man ihm, dem mit irdischen Gütern so überreich gesegneten Manne, unmöglich ein Geschenk in Gestalt silbernen Tafelgeräths, einer Bibliothek oder sonst etwas Aehnlichem machen konnte, und so sei man denn zuletzt auf den Gedanken gekommen, dem liebenswürdigen Wohlthäter der Schule dadurch die unbegrenzte Dankbarkeit und Verehrung zu beweisen, daß man den neuangebauten Flügel nach ihm benenne. Lord Rothschild dankte mit bewegten Worten und vertheidigte die Schule gegen die Angriffe, die der Unterrichts- Minister Sir John Gorst kürzlich gegen „unabhängige Schulen" gerichtet hatte. Zum Schluß hielt der nicht semitische Lord Reay eine kleine Ansprache, in der er seinem Bedauern Ausdruck verlieh, daß so viele jüdische Knaben in eine Schule zusammengedrängt würden. Wenn es nach ihm ginge, müßten sie weit mehr mit den christlichen Kindern in Kontakt gebracht werden, wodurch Letztere nur profitiren könnten, da deren wenig ausgebildeter Ehrgeiz dann mehr angereizt und ihre schlummernden Fähigkeiten somit mehr geweckt werden. Er selbst erinnere sich, daß er als Knabe oft nur durch das Beispiel der stets nach Auszeichnungen strebenden jüdischen Mitschüler zu fleißigerem Lernen angespornt wurde. Auch habe er die besten Instruktionen, die er je erhalten, von einem jüdischen Professor empfangen.. Nußland. T. Petersburg, 7. Juli. Die Bestrebungen der russischen Juden, den Ackerbau unter unseren Glaubensgenossen immer mehr zu verbreiten, haben eine neue Förderung erfahren. Wie ich erfahre, wird demnächst noch eine Kolonie für jüdische Ackerbauer gegründet werden. Dieselbe wird auf Kosten das Barons Horace v. Günzburg auf seinem Gute Djenen Abad" im Benderer Kreise in Bessarabien errichtet. Diese Kolonie hat 500 Deßjatinen Land und wird für 20 Familien eingerichtet, wobei alle nothwendigen Gebäude hierfür auf Rechnung des Barons Günzburg errichtet werden. Die jüdischen Ackerbauer dieser Kolonie, die man „Rossijanka" zu benennen gedenkt, werden eine Landgemeinde bilden, die zur nächsten „Wolost" gehören und der betreffenden Dorfbehörde unterstehen wird. Hoffentlich findet dieses schöne Beispiel eifrige Nachahmung, zumal da auch das russische landwirthschaftliche Ministerium die Absicht hat, noch im Herbst dieses Jahres eine Reihe neuer jüdischer Ackerbaukolonien im Süden des Reiches einzurichten. Von Nah und Fern. — Franziska Ginsberg hat der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler in Berlin eine Spende von 3000 Mark zugewiesen. — Der Verbandstag der Posener Rabbiner hat noch nicht stattgefunden, sondern ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. — In Breslau ist Adolf Bielschofski, einer der hervorragendsten Mühlen- Jndustriellen Deutschlands und bahnbrechend für die genannte Industrie, gestorben. Seit 13 Jahren gehörte er dem Vorstande der „Gesellschaft der Brüder" an, und wiederholt wurde er von dem Vertrauen der Gemeindemitglieder als einer der ersten Stellvertreter in die Repräfentantenversammlung entsendet. — Der Kaiser verlieh die Centenarmedaille der Frau Max Rosenbaum, geb. Eleonore Löwenstein, in Hamburg, die sich im Besitze der Kriegsdenkmünze von 1870/71 für Nichtkombattanten befindet. — In Würzburg starb Aron Blum, 42 Jahre Lehrer und später Schuldirektor an der israelitischen Gemeindeschule in Würzburg. An seiner Bahre sprachen Distrikts-Rabbiner Bamberger und Dr. Braunschweiger. — Der österreichische Minister für Landesvertheidigung hat den Hauptmann - Rechnungsführer erster Klasse Aron Auerbach des k. k. Landwehr-Infanterie-Regiments Krakau Nr. 16 zum Rechnungsrathe im Ministerium für Landesvertheidigung ernannt. — Abermals hat das italienische Ministerium gewechselt, aber der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Giacomo Malvano ist geblieben. Noch ein anderer Glaubensgenosse, Dr. Leone Wollemburg, ist Unterstaatssekretär, und zwar im Finanzministerium, geworden. Wollemburg ist aus einer deutschen Familie,seine Eltern stammen aus Frankreich, er selbst aber ist in Padua geboren. — In Algier fand nach Beendigung des Fackelzuges, der aus Anlaß des Nationalfestes veranstaltet worden war, eine Kundgebung statt. Die Fenster mehrerer Häuser und Auslagen von Israeliten wurden durch eine Volksmenge zertrümmert. Die Demonstranten wurden durch Truppen zerstreut, wobei fünf Verhaftungen vorgenommen wurden. — Die „Universal Peaee Union" in Amerika beabsichtigt, gegen Beginn des neuen Jahrhunderts eine große Versammlung für Friedens- und Schiedsgerichte in Jerusalem abzuhalten. Das vorbereitende Komitee ist bereits ernannt. — In Kalkutta ist Miß Mathilda Cohen die erste jüdische Dame in Indien, die sich die akademischen Auszeichnungen erworben hat. Sie wandte sich an das indische Gouvernement um Zulassung als Advokatin zu finden. Nachdem dieses Gesuch von der Regierung abgelehnt wurde, hat sie jetzt in Rangoon eine Schule mit Unterstützung der Behörden' eröffnet, die erste höhere Schule in der großen Hauptstadt der Provinz Birma. — In dem Berichte des britischen Konsuls über seine Reise von Peking nach Shanghai wird von der jüdischen Kolonie in Pien Liang Cheng erzählt, die als uralte bekannt ist. Sie befindet sich im mohamedanischen Stadtviertel, hat nur schwache Erinnerungen an ihren alten Glauben und ist den Beamten fast' unbekannt. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.