Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1898)
- Date
- 1898-07-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Berufung einlegte. Der Appellsenat hat nunmehr Sezemsky zwar nicht wegen § 411, wohl aber wegen Vergehens nach § 496 zu einer Geldstrafe von 25 Gulden und Ersatz der Kosten verurtheilt. — Der Ingenieur Siegfried Marcus, einer der bedeutendsten Mechaniker und Elektriker Oesterreichs, ist vor Kurzem hier gestorben. Er kam vor mehr als vierzig Jahren nach Wien und wußte fich bald durch seine Begabung für Erfindungen einen ersten Platz unter den Fachgenossen zu erringen. Auf dem Gebiete der Elektrizität allein seien erwähnt: Die mit dem großen Preise der Wiener Akademie der Wissenschaften ausgezeichnete Thermosäule, die automatische Auslösung am Morsetelegraphen, die magneto-elektrischen Feldtelegtaphen re. Auch die ersten Lustgasmaschinen find unter dem Namen „Astralgasapparate" von Marcus erfunden, ebenso die elektromechanischen Seeminen, die während des Krieges' 1866 zur Anwendung kamen, ferner die elektrische Centralgeschützabfeuerung, auf österreichisch-ungarischen Kriegsschiffen im Verein mit dem Fregattenkapitän Karl v. Wohlgemuth eingeführt; schließlich noch der Petroleummotor (1873, also zehn Jahre vor den deutschen und französischen Motoren, ausgestellt), magneto-elektrische Zündapparate von erstaunlicher Kraft, welche im Kriege 1870/71 von der deutschen Armee angewendet wurden. Die meisten französischen Festungen, wie Straßburg, Laon, Toul, wurden mit diesen Zündapparaten gesprengt. — In Essegg fand am 25. v. Mts. die feierliche Konfirmation der Mädchen in der dichtgefüllten Synagoge statt. Die Festrede des Oberrabiners Dr. Kaminka machte allgemein einen tiefen Eindruck. Als Zeichen der Anerkennung überreichten die Eltern der konfirmirten Mädchen dem Prediger einen großen silbernen Pokal. Dr. Kaminka erfreut sich in seiner Gemeinde warmer Anerkennung. Belgien. X Brüssel, 9. Juli. Der Antisemitismus, bis vor Kurzem hier eine ganz seltene Erscheinung, fängt an, auch bei uns seine Blüthen zu treiben. In dem sozialistischen Organ „Le Peuple" hat der bekannte radikale Senator Edmond Picard eine Serie von Artikeln über beat^ „wissenschaftlichen und Humanitären Antisemitismus" geschrieben. Wr bekannte Vertreter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mMt also nur in Bezug auf die Juden eine Ausnahme von seiner Freihntsliebe. Leider bleibt dieser Fall von Antisemitismus nicht allein,, wie eine Verhandlung des Oberraths für Handel und Industrie beweist. Es handelte sich um eine Enquete über den Haustrhandel, und es fiel auf, daß von 27 Fragebogen, deren Antworten verlesen wurden, sieben erklärten, die Haustrer seien im Allgemeinen Juden. Leo Hirsch, Ritter des Leopoldordens, ein Glaubensgenosse, der zu den Mitgliedern des Oberrathes gehört, nahm aber Gelegenheit, die Irrigkeit dieser Behauptungen nachzuweisen. Er konstatirte, daß es in Belgien 17 000 Haustrer nach amtlicher Feststellung giebt, während nur 9000 jüdische Seelen im Lande leben. Da unter diesen Frauen, Kinder und Greise sowie Angehörige anderer Berufe find, so muß die Zahl der jüdischen Haustrer natürlich verschwindend klein sein. Der Vorfall ist aber bezeichnend für die echt antisemitische Furcht vor den Juden, die sich jetzt auch in Belgien zu verbreiten anfängt. |> Von Nah und Fern. | Frau Franziska Ginsberg hat zum Andenken an rhM§ unvergeßlichen Gemahl der Erziehungsanstalt zu Ahlem, derHr Kuratoriumsmitglied Adolf Ginsberg war, die Spende von 1000 Ma^k überwiesen. — Am 7. d. Mts. ist hier der Rechtsanwalt und Notar Dr. F. Günsburg, Syndikus der Haftpflicht-Versicherungsgesellschaft Berliner Grundbesitzer, nach kurzem schweren Leiden im 44. Lebensjahre gestorben. — Bei dem Untergang der „Bourgogne" hat naA hiesigen Blättern auch eine Berliner Familie den Tod in den Wellen gefunden. Es ist die Familie des Großindustriellen Theodor Strauß, der im Jahre 1882 nach New-Aork gegangen war. Nachdem er schM zur Berliner Gewerbeausstellung Berlin besucht hatte, wollte er jetzt mit seiner Gattin und seinen 23- und 21 jährigen Töchtern seine alte Heimath besuchen. Die Familie hatte sich aus der „Bourgogne" eikgeschifft und ist nun bei der. furchtbaren Katastrophe, die das Schiff bei Stabte Island betroffen hat, mit-zu Grunde gegangen. — In Insten bürg ist Dr. M. Beermann vom Berliner Seminar zum RabbinÄ gewählt worden. —- Am 11. d. Mts: tagte in Posen eine Versammlung der Rabbiner der Provinz Posen. Auf der Tagesordnung stand u. a. die Begründung eines Rabbiner-Vereins für die Provinz Posen. Einberufer waren die Herren Dr. Feilchenfeld und Dr. Bloch-Posen. — Herr Adolf Kantorowiez in Posen, der Chef der großen Eisenwaarenhandlung, ist zum König!. Kommerzienrath ernannt worden. — AuS Anlaß des Todes des Rentiers Szkulnik spendeten dessen Söhne an das Rohr'sche Krankenhaus und an verschiedene Vereine die Summe von 2000 Mark. — Die Kantorstelle in Schmiegel ist noch nicht besetzt, und die Nachricht von der Berufung des Kantors Auerbach beruht auf einem Jrrthum. — In Schwerin a. W. feierte am 1. d. Mts. der Synagogendiener B. Levy sein 25jähriges Amtsjubiläum. Aus diesem Anlaß erschien der Synagogenvorstand in der Wohnung des Jubilars und überreichte ihm ein ansehnliches Geschenk. — Der Referendar A. Story in Groß-Glogau wurde schon nach 8monatlicher Dienstzeit als Einjähriger zum Unteroffizier befördert. Dieser Fall dürfte wohl nicht gar zu häufig Vorkommen. — Geheimer Regierungsrath Dr. Pieck von der Königlichen Eisenbahn-Direktion Altona hat den Staatsdienst verlassen, um in die Leitung der Allgemeinen Lokal- und Straßenbahn-Gefellschaft einzutreten, die ihren Sitz in Berlin hat. Die von ihm beantragte Entlassung aus dem Staatsdienst ist unter dem Ausdruck ehrenvollster Anerkennung seiner Leistungen erfolgt. — Der Rabbinatskandidat Dr. Eugen Meyer vom Breslauer jüdisch-theologischen Seminar, der nach dem Tode des Rabbiners Dr. Perles in München während der Sedisvakanz das Predigtamt der Gemeinde verwaltet hatte, ist zum Bezirksrabbiner in Zweibrücken gewählt worden. — Bei der Grundsteinlegung für ein Denkmal des Prinzregenten Luitpold von Baiern in Bamberg zog der Prinzregent den Rabbiner und den Vorstand der jüdischen Gemeinde (Herren Dr. Eckstein und Dr. Werner) zur Hoftafel. — Der Bibliothekar mit dem Titel Oberbibliothekar an der Universität Erlangen, Dr. Markus Zucker, wurde zum Oberbibliothekar mit dem Range eines ordentlichen Univerfitätsprofessors, der Sekretär mit dem Titel Bibliothekar an dieser Bibliothek, Philipp Stein, zum Bibliothekar befördert. — Mehrere Thierschutz- Bereine in Baden haben dem Landtage eine Petition unterbreitet, die Tödtung von Schlachtthieren ohne vorherige Betäubung gesetzlich zu verbieten. — Der christlich-soziale Reichsrathsabgeordnete Pater Stojalowski wurde wegen volksverhetzender antisemitischer Agitationen seitens der ungarischen Regierung aus Cacsa ausgewiesen. — A. Neton in Paris wurde zum Kabinetschef des Ministers des Auswärtigen, Delcassö, der Advokat Edouard Jgnaee zum Kabinetschef des Marineministers Lockroy ernannt. — Zum Andenken an die im vorigen Jahre verunglückte Baronin Leonino hat der Baron Gustav von Rothschild in Paris eine Stiftung ins Leben gerufen, aus der 20 alte Leute jährliche Pensionen von 600 Frs. erhalten sollen. Dieselben müssen israelitisch, Männer über 65, Frauen über 60 Jahre alt ein. — Wie aus Warschau berichtet wirdhaben die Behörden auf Grund eines Ukases, welcher den Juden verbietet, sich auf dem Lande, das' Bauern gehört, anzusiedeln, jüdischen Familien^ welche in der Umgebung Warschaus Sommeraufenthalt nahmen, den Befehl ertheilt, binnen 24 Stunden ihre Wohnungen zu räumen. Man will wegen dieser Maßregel Schritte beim Generalgoüverneur unternehmen. — Vor dem Bezirksgericht in Okmolin sk fand die Verhandlung gegen den Reserve- Unteroffizier Jegor Durow, seine Frau und den Reservisten Jtafsim Wannstein statt, welche angeklagt waren, von der rechtgläubigen Kirche zum Judenthum übergetreten zu sein. Sie wurden zur Entziehung aller Rechte verurtheilt, außerdem Durow zur Verschickung in die Zwangsarbeit nach den Bergwerken auf 4 Jahre, seine Frau zur Ansiedelung in den entlegenen Gegenden Sibiriens und Wannstein zur Arrestanten-Kompagnie auf 3^ Jahre. — Selbstverständlich ist der Rabbiner Leonard Levi in Philadelphia nicht, wie der Druckfehlerkobold es wollte, zum Kapitän, sondern zum Kaplan der Freiwilligenbrigade ernannt worden. — In Sydney ist Jose Israel Montefiore, einer der ältesten und angesehensten Männer des Landes, der Begründer der Auckland Savingo Bank, im 90. Lebensjahre gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.