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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-06-17 · Heft 24 (17.6.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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schwerden zu prüfen und über die dagegen einzuschlagenden Mittel zu berathen. Auf Antrag der Abgeordneten Dr. Rapaport und Dr. Byk wurde dabei beschlossen, in erster Linie Abhilfe vom Statthalter Grafen Pininski zu verlangen, was theilweise schon geschehen ist und nächster Tage vervollständigt werden wird Außerdem werden diese Abgeordneten auch an die Centralregierung herantreten, um namentlich dem Minister Jendrzejowicz die Sachlage klarzustellen und die Aufmerksamkeit des Justizministers auf den Zusammenhang dieser antisemitischen Straßenexzesse mit der maß- und schrankenlosen Haltung eines gewissen Theiles der polnischen Presse in Krakau und Lemberg zu lenken. Bis zum Ausgang dieser Schritte wollen die genannten Abgeordneten von der Einbringung einer Interpellation oder eines Drmglichkeitsantrages im Abgeordnetenhause absehen." Das Letztere haben wir von diesen Helden wohl erwartet — mehr aber auch nicht das Geringstes — Inzwischen hat der Statthalter von Galizien selbst an die Bezirkshauptmannschaften Galiziens ein Rundschreiben erlassen, worin er die Behörden verantwortlich macht für alle künftigen antisemitischen Ausschreitungen des Pöbels. Das wird schon eher was nützen! — In Lemberg hatBankdirektor M oriz Lazarus der jüdischen Gemeinde die Summe von 180 000 Gulden behufs Gründung eines Spitals geschenkt. — In Czernowitz fand ein Strafprozeß gegen einen antisemitischen Agitator statt, einen jungen Müllerburschen von angenehmem Aeußeren und großer rednerischer Begabung, der die vorwiegend von Ruthenen bewohnten Gegenden der Bukowina durchreiste und den Bauern erzählte, er sei der Kronprinz Rudolf, der nicht todt sei, sondern nur von den Juden verfolgt werde und sich eine Zeit lang versteckt halten müsse. Er werde kommen und in der Bukowina sein Reich begründen, vor allem aber alle Juden austreiben, deren letzte Stunde gekommen sei; die Bauern möchten fich darauf vorbereiten. Der seltsame Kauz fand Glauben in den Dörfern derBukowina, machte gute Geschäfte, und die Landleute rüsteten fich vielfach, die ausgetriebenen Juden zu beerben, wie dies der Agitator ihnen versprochen. Schließlich wurde die Gendarmerie auf das Treiben aufmerksam und der angeblicheKronprinzeingesperrt. Nunsoll er in eineJrrenanstalt gebracht werden. — Das Komitee für die Wahleines neuen Gemeind-erabbiners, speziell für Ottakring, hat jüngst eine Sitzung abgehaltm, in der Dr. H. Fialla das Referat über die unter den Kandidaten erfolgte Auswahl erstattete. Das Referat gipfelte in dem vom Komitee beschlossenen Antrag, dem Kultusvorstand zu empfehlen, die Rabbiner Dr. David Herzog in Ung.-Ostrau, Dr. Simon Mandl in Kostet und Dr. Max Schornstein in Wagstadt sowie die Rabbinats- Kandidaten Dr. Julius Max Bach und Dr. Ludwig Lazarus in Wien zur Abhaltung von Probepredigten einzuladen. Rußland. a. Bialystok, 12. Juni. In unsere Gemeinde ist tiefe Trauer eingekehrt, und das gesammte Judenthum wird sicher an derselben Theil nehmen. Unser greiser und ehrwürdiger Rabbiner Samuel Mohilewer ist am 10, d. Mts. nach schwerem Leiden im 73. Lebensjahre gestorben. Seine Bedeutung reichte weit über unsere Gemeinde, ja selbst über ganz Rußland hinaus. Er war der Senior der russtschen Rabbiner nach dem Hinscheiden des frommen Rabbi JE. Spector in Kowno. Seine große Gelehrsamkeit, seine seltene Energie, sein lauterer Charakter befähigten ihn zu solcher Ehrenstellung. Seit vielen Jahren hatte er der Kolonisation Palästinas seine besondere Theilnahme zugewendet und vor einiger Zeit sogar eine Reise nach dem heiligen Lande unternommen, um die Verhältnisse in den Kolonien selbst kennen zu lernen. Als der Zionismus fich weiter ausbreitete, war er der Erste, der dieser Bewegung uneingeschränkte Sympathie entgegenbrachte — und nur durch die Autorität seines Namens hat sie in Rußland so weite Kreise ziehen können. Mohilewer war aber auch kein Feind der Bildung und der modernen Kultyr, sondern vielmehr in hohem Maße tolerant, obwohl er selbst in strengstem Sinne orthodox genannt werden durfte. Er war von seltener Klugheit und wußte die Forderungen der Zeit zu würdigen. So war er hei allen Parteien gleich beliebt und angesehen, und selbst Diejenigen, "tzie sein unbedingtes Eintreten für den Zionismus nicht billigten, konnten doch gerade ihm, dem begeisterten Zionsfreunde, ihre Verehrung nicht versagen. Bei ihm kam diese Begeisterung von Herzen, war sie kein politisches oder ökonomisches Kalkül. Den größten Verlust aber erleidet durch das Hinscheiden dieses Froyrmen unsere Gemeinde, die in ihm nicht nur ihren Rabbiner, sondern ihren Führers ja ihren Vater verloren hat. Möge das Andenken des Edlen zum Segen bleiben für kommende Geschlechter! Von Nah und Fern. ----- Am 5. d. Mts. starb hier am Herzschlag die Gattin des-Geheimen Sanitätsraths Blumenthal, geb Lesfer, eine ausgezeichnete Frau, deren Hinscheiden innig betrauert wird. Das Begräbniß fand am 7. d. Mts. unter allgemeiner Theilnahme statt. Am Grabe sprachen Rabbiner Dr. Meiste und Landrabbiner Dr. Feilchenfeld-Schwerin, ein Verwandter der Familie. — Der bekannte Musiker und Redakteur der „Berl. Signale" Philipp Roth ist nach langen Leiden im Alter von 44 Jahren am 9. d. Mts. gestorben. — Frau Franziska Ginsberg und deren Kinder haben zum Andenken an den vor Kurzem verstorbenen Herrn Adolf Ginsberg der jüdischen Lesehalle hier 3000 Mark und dem Verbände der jüdischen Litteraturvereine 2000 Mark überwiesen. — Der Charakter als Justizrath wurde verliehen den Rechtsanwälten und Notaren Dr. Eugen Apolant, A. Brühl, Dr. W. Israel, H. Stern I., F. Rosenbaum hier, E. Callomon in Breslau, Dr. Stern in Magdeburg, Dr. Baer in Frankfurt a. M.,Dr. Loeb in Wiesbaden. — Der Rechtsanwalt Dr. A. Korn vom Kammergericht hat den zum ersten Mal zur Vertheilung gelangenden Preis der Holtzendorff-Stiftung von 2000 Mark für die beste Arbeit über die Deportation als Strafmittel erhalten. — Herr Moritz Manheimer hat der Reuter-Stiftung, einem Asyl, wo über fünfzig Jahre alte, bedürftige Kaufleute oder Handlungsgehilfen aller Konfesstonen neben freier Wohnung, Frühstück, Mittagessen wöchentlich je 3 Mk. erhalten, vor zwei Jahren schon 10 000 Mk. gespendet. Jetzt hat er derselben Stiftung wieder8000Mk. überwiesen. — Der türkischeKonsul inBreslau,CigarettenfabrikantJosefPrzedecki, hat bei seiner Anwesenheit in Konstantinopel vom Sultan eine Einladung zum letzten Selamlik im k. Palais und bei dieser Gelegenheit den Osmanieorden 3. Klasse, sein Bruder Ludwig Przedecki den Medjidjeorden 4. Klasse erhalten. — In Frankfurt a. M. ist in hohem Alter Rabbiner Fromm gestorben. Derselbe verwaltete eine lange Reihe von Jahren das Amt eines Radbiners in der israelitischen Gemeinde zu Homburg v. d. Höhe; später übernahm er die Stelle eines Hausrabbiners bei Baron W. v. Rothschild. — In Hamburg hat der Verband der Thierschutzvereine des deutschen Reichs auf seiner jüngsten Versammlung beschlossen, „an das Reichsamt des Innern die Bitte zu richten, bei Einführung und Regelung der obligatorischen Fleischbeschau Bestimmungen zu treffen, nach welchen sämmtliche Schlachtthiere vor der Blutentziehung zu betäuben find". Wird diesem Verlangen Folge gegeben, so bedeutet das ein Verbot des Schächtens. — Der erste und einzige Schützenkönig jüdischen Bekenntnisses in Sachsen wird wohl Herr Jacob Haller in . Reichenau, einem Fabrikdorf von 8000 Einwohnern in der Nähe von Zittau, sein. Haller, der vor drei Jahren der erste Jude in Reichenau war, hat fich bei dem jüngsten Schießen zu Pfingsten die Würde eines Schützenkönigs erschossen. — Aus Maß loch in Baiern wird berichtet, daß dort der Versuch gemacht worden, die Synagoge in Brand zu stecken. Die Treppe und Vorthüre waren stark mit Petroleum begossen und angezündet. Der von Nachbarsleuten bemerkte Brand wurde rasch gelöscht. Auf die Entdeckung der Brandstifter find 100 Mark Belohnung ausgesetzt. — Die Unterhandlungen mit Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld in Prag wegen Üebernahme des Berliner Rabbinats haben zu keinem Resultat geführt. Dr. Ehrenfeld bleibt in Prag. — Nicht, wie irrthümlich gemeldet wurde, der Rechtsanwalt Dr. M. Staub in Berlin, sondern Professor Dr. M. Staub in Budapest wurde von der ungarischen Akademie zum korrespondirenden Mitglied ernannt. — Der bisherige spanische Botschafter in Wien, Marquis Hoy os, soll dem „Neuen Wiener Tageblatt" zufolge eine Studie über die Geschichte der spanischen Juden zu veröffentlichen die Abstcht haben. — Rabbiner Dr. M. Levin in Grodno ist zum Kronrabbiner in Jekaterinoslaw gewählt worden. — In Belgrad ist Lieutenant Schönemann gestorben, der zuerst die Militär-Karriere eingeschlagen, um dann später Künstler zu werden, und der als Maler fich einen Namen erworben hat. — In Saloniki kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Juden und Bulgaren, die seit einiger Zeit in sehr schlechten Beziehungen zu einander stehen. Die Türken, die dazu kamen, nahmen sofort für die Juden Partei uyd wandten fich ebenfalls gegen die Bulgaren. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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