Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228281--54663-3290817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die Aufmerksamkeit ihrer englischen Brüder auf die Verfolgungen lenken möchten, denen sie noch immer ausgesetzt sind. Den Petenten mußte erwiedert werden, daß man jetzt schon bestrebt sei, alles zu thun, was man nur gegen die Verfolgungen thun könne, daß aber leider die Erfolge der aufgewendeten Mühe nicht entsprechen. Auch aus Jemen kommen schlechte Nachrichten, die Juden dieser arabischen Provinz sind von den Lokalbehörden argen Bedrückungen preisgegeben, und leider läßt sich hiergegen nichts machen, denn die türkischen Behörden, die nominell die Provinz verwalten, sind ganz ohne Autorität im Lande, das in einem latenten Aufstande fich befindet. Für je einen englischen Lehrer an den beiden Allianceschulen in Kairo und Alexandrien bewilligte die Versammlung 1000 M. sowie 400 M. für die Schule in Bombay. Aus Teheran ist die Nachricht eingegangen, daß dort die Schule eröffnet ist. Da der von der Alliance gesandte Lehrer noch nicht eingetroffen ist, so erhalten die ca. 1O0 Knaben einstweilen Unterricht in Religion und Hebräisch. — Der jährliche Bericht des jüdischen Taubstummenheims ist erschienen. Gegenwärtig sind 33 Kinder, 18 Knaben, 15 Mädchen, in der Anstalt, doch soll dieselbe erheblich erweitert werden, so daß 54 ausgenommen werden können. Die durch die Vergrößerung entstehenden Kosten belaufen sich auf 220 000 Mark, von denen 100 000 Mark schon vorhanden sind, während 120 000 Mark durch einen Aufruf aufgebracht werden sollen. Rußland. (D Petersburg, 1. Juni. In Rußland wird seit dem Vorjahr das Branntweinmonopol eingeführt, wonach nicht nur die Fabrikation des Schnapses, sondern auch der Ausschank desselben fortan unter Aufsicht des Staates und nur durch die von demselben eigens angestellten Personen erfolgen darf. Hierdurch ist ein großer Theil der Bevölkerung, welcher bisher dem Schankgewerbe oblag, Unterhaltung von Schankstuben sowie sonstigen Verkauf des Branntweins betrieb, nachgerade brodlos geworden. In besonders großer Anzahl beschäftigte sich mit dem Branntweinverkauf die jüdische Bevölkerung des Weichselgebietes und des nordwestlichen Rußlands, vornehmlich auf dem flachen Lande, und gar viele Tausende von Familienvätern.suchen nun, meist vergebens, nach einem anderen Broderwerb. Der russische Minister des Innern hat nun an alle Landräthe, besonders an die Starosten in den Dörfern, ein Cirkular erlassen, wonach strengstens nachzuforschen sei, womit fich diejenigen Juden jetzt beschäftigen, welche bisher das Schankgewerbe betrieben und nun aus demselben verjagt sind. Die Nachforschungen werden von den Ortsbehörden sehr rigoros gehandhabt, fast schonungslos, und nicht selten werden bei den Leuten in der Nacht Haussuchungen vorgenommen. — Der Unterrichtsminister seinerseits hat letzthin alle Schulbehörden wiederum darauf ausmerksam gemacht, daß den jüdischen Lehrern in den jüdischen Volksschulen, gleichviel, ob es sich um Gemeinde- oder Staatsschulen handelt, die Rechte des Staatsdienstes nicht zutheil werden, auch dürfen ihnen nicht die für den Lehrerstand jüngst eingeführte Medaille Alexanders III. sowie andere Auszeichnungen bezw. Verdienst-Medaillen verliehen werden. Don Dah und Fern. — Dem Oberarzt und Assistenten am Koch'schen Institut für Infektionskrankheiten Dr. A. Wassermann wurde der Titel eines Professors verliehen. — Der berühmte Kupferstecher Prof. Louis Jacoby feierte am 7. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag. — In Bochum hat Herr I. Mendel, einer der angesehensten Männer der jüdischen Gemeinde, unter allgemeiner Theilnahme zugleich mit seiner silbernen Hochzeit das 25 jährige Bestehen seiner renommirten Firma gefeiert. — In Cleve wurde ein Arbeiter wegen Beleidigung und Mißhandlung des Kaufmanns Fr. Spier zu zwei Monaten Gefängniß verurtheikt. — In Crefeld wurde der Redakteur der antisemitischen „Deutschen Zeitung" wegen Beleidigung jüdischer Kaufleute zu 130 Mk. Geldstrafe verurtheilt. In beiden Fällen wurde den Beleidigten die Befugniß zugesprochen, den erkennenden Theil des Urtheils auf Kosten der Verklagten in der „Deutschen Zeitung" und im „General-Anzeiger" veröffentlichen zu lassen. — Der verdienstvolle Sekretär der israelitischen Gemeinde zu Dresden, Herr Max Bergmann, feierte am 1. d. M. unter allgemeiner Theilnahme sein Äöjähriges Amtsjubiläum. - In München würde Dr. Israel Finkelfcheerer aus Breslau zum Hilfsrabbiner und Religionslehrer gewählt. — Die Gemeinde in Korfu hat von der Baronin Hirsch eine Subvention von 4000 Fres. für 2 Jahre erhalten, außer dem Beitrage von 1000 Fres., den die Baronin jetzt schon für die Mädchenschule jährlich leistet. — Luigi Luzzati ist zum dritten Male als Schatzminister in das neue italienische Ministerium berufen worden. — Als ein Kuriosum wird von den spanischen Blättern aus Tanger ein Fall verzeichnet, bei dem ein jüdisches Mädchen ihre ganzen Ersparnisse den spanischen Behörden übersandte als einen Beitrag zu den Unkosten des Krieges mit Amerika. — Hartwig Derenbourg ist mit großer Majorität zum Mitglied der Academie des inscriptions et heiles-lettres in Paris gewählt worden. - Dr. Victor Walich wurde zum Proseffor an der medizinischen Fakultät der Sorbonne ernannt. —In Paris ist der Publizist Armand Rosenthal, unter dem Pseudonym Jacques Saint-Cöre bekannt, im 43. Lebensjahr gestorben. — Selbst beim Grand Prix trieben die Franzosen Judenhetze. Als das Baron Rothschild gehörige Pferd „Roi foleil" den Preis gewann, ertönten Rufe: „Tod den Juden! Nieder mit Rothschild!" Die Barone Alfons und Gustav Rothschild erklärten sofort, die 250 000 Francs, die ihr Pferd ihnen gewann, den Pariser Armen zu überlassen. — Bei dem Empfang in Saint-Etienne sagte Felix Faure zu dem ihn begrüßenden Rabbiner der dortigen Gemeinde: „Ich habe den Ausdruck der Empfindungen der jüdischen Gemeinde mit Genugthuung empfangen. Ich verspreche Ihnen, nach dem Maß meiner Kräfte stets die Gefühle der Brüderlichkeit zur Geltung zu bringen, die Sie beanspruchen, und ich bin überzeugt, daß Sie nach dem Maß Ihrer Kräfte stets dem Vaterland und der Republik dienen werden." — Bei den Kammerwahlen in Belgien ist auch diesmal der Senator Levi - Montefiore mit großer Majorität gewählt worden. — König Leopold von Belgien war gerade zur Zeit, als die Wahlen zur Deputirtenkammer stattfanden, in Algier. Er hatte Gelegenheit, die antisemitischen Demonstrationen zu sehen, und hat sich sehr abfällig über dieselben ausgesprochen mit der ironischen Frage, ob denn Algier noch französischer Besitz sei? Auf seine direkte Veranlassung ist denn auch in Tanger ein Jude zum belgischen Generalkonsul ernannt worden. — Der Minister hat gestattet, daß in Südrußland Sabbathfchulen für jüdische Kinder, wie eine solche bereits in Odessa besteht, errichtet werden. Es soll nun eine zweite in Odessa, eine für Knaben in Simferopol und eine für Mädchen in Feodosia begründet werden. — Die russische Theatergesellschaft hat ein Gesuch an den Generalgouverneur von Moskau gerichtet, jüdischen Künstlern den Aufenthalt in dieser Stadt zu, erlauben. — Der Zar hat die über die Exzedenten von Spola verhängten Strafen abermals erheblich gemildert, obwohl schon die höhere Instanz die vom ersten Gericht festgesetzten bedeutend vermindert hatte. So erhalten die Höchstbestraften nur sechs Monate Zwangsarbeit statt vierzehn und die Anderen dementsprechend weniger. — Kapitän Samuel Bastekar vom 12. Infanterieregiment in Bombay ist zum Major ernannt worden. Da Bastekar zu den Bni Israel gehört, md Eingeborene nachden neuen Gesetzen in der Armee nicht mehr avaneiren sollen, ist diese Auszeichnung um so ehrenvoller. — Die amerikanische Einwanderungsbill von Senator Lvdge, die im Senat schon angenommen war, und die im vorigen Jahre nur an dem Veto des Präsidenten Cleveland scheiterte, ist diesmal im Repräsentantenhaus durchgefallen, obwohl der Präsident Mae Kinley sie kräftig unterstützte. — Unter den kalifornischen Freiwilligen, die nach Manila abgingen, sind mehr als 100 Juden, darunter auch Major Harry Weinstock. General Salomo ns, der aus dem Bürgerkriege rühmlichst bekannt, hat feiste Dienste angeboten und von der Regierung ein Kommando erhalten. — In Philadelphia hat sich das erste Freiwilligenregiment zum Kampfe gegen Spanien gebildet, das nur aus Juden besteht. Nach einer Ansprache des Rabbiners Roseneranz meldeten sich am Sonntag, 15. Mai, über 300 Rekruten, wovon mehr als 50 Dienstzeugnisse aus dem russischen Heere aufzuweisen hatten. Sie treten unter das Kommando von Benj. Gordon, unterwerfen sich einer ärztlichen Untersuchung und werden, wenn für tauglich befunden, einexerziert. Sie sollen das „erste jüdische Freiwilligenregiment" formtreu und aus New-Iork den nöthigen Zuzug erhalten, um vollzählig zu werden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.