Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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\\ verstorbenen ehemaligen Herausgebers des „Fremdenblatt", Jstdor Ritter von Klarwill, statt. — In der für die Juden Galiziens so wichtigen Angelegenheit der Gründung eines Seminars zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer ist eine wichtige Entscheidung des Kultusministeriums ergangen. Auf Antrag des Landesausschufses erklärte sich der Landtag für die Kreirung einer oder zweier Professuren für jüdischen Religionsunterricht am k. k. Lehrerseminar. Das Unterrichtsministerium ist jedoch anderer Meinung und hält die Gründung eines besonderen Religionslehrer-Seminars für geeigneter. Mit Berufung auf das Gesetz erklärt aber das Ministerium die Gründung einer solchen Anstalt als Sache der betreffenden Religionsgenoffenschaft, verspricht jedoch, unter Wahrung des staatlichen Aufsichtsrechtes, der zu gründenden Schule eine bis zum vierten Theile der Kosten reichende Subvention. Das Ministerium hat sich aber auch bereit erklärt, den jüdischen Religionsunterricht im gesetzlichen Ausmaß an dem k. k. Lehrerseminar in Lemberg schon jetzt für alle jüdischen Zöglinge als obligat zu erklären und für diesen Unterricht eine Lehrkraft zu bestellen, der zur Ausfüllung des gesetzlich vorgeschriebenen Stundenmaßes auch der Religionsunterricht an einer der Mittelschulen überwiesen werden soll. Auf diese Weise soll dem höheren Unterricht in dem Religionslehrer-Seminar vorgearbeitet werden. — b. Budapest, 8. Mai. Im Laufe der Debatte über die Ergänzung der Seelsorgerbezüge haben es die Abgeordneten Saghy und Polonyi für gut befunden, heftige Angriffe gegen die Judenschaft vorzubringen. Der Abgeordnete Moriz Mezei, welcher in einem vom ganzen Hause mit verdienter Aufmerksamkeit angehörten Vortrag seine Ansichten über diese Neuerung würdig und objektiv darlegte, ohne aber „vom Standpunkte der besonderen Interessen der jüdischen Konfession" zu sprechen, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, jenen intoleranten Gesetzgebern gegenüber, welche sich darüber entrüsteten, daß in den Rahmen der Vorlage auch die Rabbiner einbezogen wurden, in überzeugender Weise nachzuweisen, wie ungerecht es wäre, diese grundsätzlich von den Wohlrhaten des Gesetzes auszuschließen, und wie nichtig die Vorwände sind, welche für diese Ausschließung ins Treffen geführt wurden. Denn ebenso wenig wie der Patriotismus der Juden angezweifelt werden kann, ebenso unrichtig ist die Behauptung, als besäßen sie keine Organisation, und als ständen sie den Kulturbestrebungen der ungarischen - Nation indifferent gegenüber. Die vaterländische Judenheit nimmt sich immer und überall ihr Antheil an der Förderung des nationalen Staates heraus, und in gewissen Theilen sind die Juden die kräftigsten Stützen der kulturellen Entwickelung. Ihr uneigennütziges Wirken charakteristrt ja auch der Umstand, daß sie von der Vorlage keinerlei Vortheile zu erwarten haben. Die Ziffer, welche in der Motivirung des Gesetzentwurfes bezüglich der Juden angegeben ist, irrt vielleicht um eine ganze Million. Die finanziellen Vortheile sind minimal. Wenn von allen Seiten über die hohen kirchlichen Abgaben geklagt wird, hätte wohl die israelitische Konfession, bei welcher die Kultussteuer die höchste ist, gleichfalls in das allgemeine Klagelied einstimmen können. Der Gesetzentwurf habe für die Juden nur darum große Bedeutung, weil er ihnen die gleiche Behandlung angedeihen läßt wie den anderen rezipirten Konfessionen. Die Rede Mezeis wurde mit großem Beifall auf. genommen. — In Kirchdrauf starb Rabbiner Peter Singer im Alter von 83 Jahren. Seine Gelehrsamkeit wurde in allen Kreisen hoch geschätzt. — Der israelitische Landes-Stipendiumverein bewilligte 43 Hörern der hiesigen Universität und des Landes-Rabbinerseminars Stipendien im Gesammtbetrage von 4300 fl. — In Mako wurde Dr. Armin Kecskemeti zum Rabbiner gewählt. Holland. SS Amsterdam, 13. Mai. Professor Dr. S. S. Rosenstein, der bekannte Pathologe an der Universität Leiden, feierte am vorigen Sonnabend das 25jährige Jubiläum seiner akademischen Thätigkeit an dieser Universität. Der Rektor der Universität und die medizinische Fakultät überbrachten ihr Glückwünsche, und als der Jubilar am Morgen den Hörsaal betrat, fand er ihn im reichen Blumenschmuck, worauf ihm ein Student ein Geschenk seiner Zuhörer, eine kostbare Radirung von Maris, überreichte. Professor Rosenstein, über dessen wissenschaftliche Bedeutung vor einigen Jahren, als er das 25 jährige Jubiläum seiner akademischen Thätigkeit überhaupt feierte, umständlich berichtet wurde, hatte im Jahre 1882 einen Ruf an die Universität Amsterdam erhalten und auch bereits angenommen, aber der damalige Minister des Innern, Pynakker Hordyk, machte von dem der Regierung zustehenden Rechte, nach dem die Ernennungen für die Lehrstühle an der städtischen Universität von ihr bestätigt werden müssen, Gebrauch und verweigerte diese Bestätigung, so daß also Dr. Rosenstein der Universität Leiden erhalten blieb. Von Nah und Fern. -- Für den erledigten Posten eines Berliner Rabbiners wird auswärtigen Blättern wieder einmal der Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld in Prag genannt. Auch der Name des Rabbiners Dr. Kopfstein in Beuthen ist in einigen Blättern in diesem Zusammenhang genannt worden. — Die verwittwete Frau Geh. Kommerzienrath Schwabach hat zu Ehren ihres am 23. Februar d. I. verstorbenen Ehegatten, des Geh. Kommerzienraths Schwabach, die Summe von 100 000 Mark zur Bertheilung an verschämte Bedürftige ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses dem Magistrat übergeben. — Herr Julius Roth sie in hier hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. —Professor Dr. Hirschberg ist zum korrespondirenden Mitglied der Real Academia de Medicina y Cirugia de Barcelona ernannt worden. — Dem praktischen Arzt Dr. med. Hermann Lewandowski ist der Charakter als Sanitätsrath verliehen worden. — Am 12. d. ist hier der Konsul und Fabrikbesitzer Arnold Friedmann im 59. Lebensjahre gestorben. — In Witkowo drangen während der Abendandacht am 1. d. M. drei Personen in die Synagoge, störten durch wüstes Geschrei den Gottesdienst und flüchteten dann, ehe man ihrer habhaft werden konnte. Sie wurden jedoch als beim Maurermeister Werner hier beschäftigte Maurer erkannt und sehen nun ihrer Bestrafung entgegen. — Kantor A. Weill in Eichstetten ist zum 1. Kantor und Lehrer in Dessau gewählt worden. — Frau Baronin Hirsch hat zu dem Bau eines jüdischen Knaben-Waisenhauses in Prag 10 000 Gulden gespendet. — Der tchechische - antisemitische Redakteur Franz Strougal in Prag wurde wegen Betrugs zu drei Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Er hatte 1897 dort ein antisemitisches Blatt gegründet und dabei sich betrügerische Manipulationen zu Schulden kommen lassen. — In Casale ist am 4. d. im Alter von 73 Jahren der Baron Emilio Vitta, Mitglied des dortigen Munizipalraths und des jüdischen Gemeindevorstandes, gestorben. An dem Leichenbegängniß betheiligte sich die ganze Stadt. — In Asti ist am 8. d. das Monument in Gegenwart des Königs und des Hofes enthüllt worden, das der Komm. Leonetto Ottolenghi, ein glaubenstreuer Jude, zur Erinnerung an das Jubiläum der italienischen Freiheit der Stadt geschenkt hat. — Bei den französischen Wahlen sind nur zwei Juden, Bischoffsheim und Klotz, gewählt worden. Zwei andere, Josef Reinach und M. Cremieux, kommen in die Stichwahl, der Erstere allerdings ohne Aussicht auf Erfolg, und drei sind — allerdings mit ziemlich starker Stimmenzahl — ganz durchgefallen, nämlich Leon Cohn, Jean Javal und Elie May. — Der jüngst verstorbene Begründer des Handfertigkeitsunterrichts, August Abrahamson, hat seine Besitzung Nääs, auf der sich u. a. das auch von zahlreichen Ausländern besuchte Seminar zur Ausbildung von Handfertigkeitslehrern befindet, mit allen Gebäuden und Kunstschätzen sowie 360 000 Kronen dem Staate vermacht. — Der französische Gesandte in Petersburg hat sich mit der Bitte an die russische Regierung gewendet, dieselbe möge in russischen Zeitungen die Fortsetzung der Kampagne zu Gunsten von Dreyfus verhindern. — Der persische Konsul Josef Landau in Warschau hat den russischen Annen-Orden 2. Klaffe erhalten. — In Simferopol ist eine Ahendschule für erwachsene jüdische Arbeiter eröffnet worden. — Der Korrespondent der „Jewish World“ hat die Apotheke und das Spital der Mission in Jerusalem besucht und jene ohne Beschäftigung und dieses leer gefunden. Die Seelenfängerei in Jerusalem scheint also für einige Zeit lahmgelegt zu sein. — In Mogador ist wieder eine Mordthat an einem armen Juden begangen worden. Ein Hausirer Abchira war seit zwei Monaten verschollen. Jetzt hat man erfahren, daß er in dem Dörfchen Brouhat, in der Provinz Shiadma, ermordet worden ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.