Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 uns aus Agram noch gemeldet: Badovinac, der sich durch seine antisemitischen Allüren bekannt gemacht hat, wurde kürzlich nach St. Georgen versetzt. Er reiste_ Sonntag mit dem Nachtschnellzug nach Wien ab. In Steinbruck verließ er das Kupee und vergiftete sich. Es ist bereits festgestellt, daß Badovinac Defraudationen verübt hat, deren Höhe zwischen 20 000 und 30 000 Gulden angegeben wird. Badovinac bekannte sich offen als Antisemit und stand mit dem bekannten Sisfeker Antisemitenführer Tuskan auf dem besten Fuße. Die Affäre erregt großes Aufsehen. — Im 70. Lebensjahre ist hier die aus einer der ältesten österreichischen RabbinerfamMen stammende Frau Josefine Karpeles, geb. Buchheim, gestorben. Die Verblichene war eine Frau von großen Geistesgaben, edlem Herzen und hoher Gesinnung. Sie war die Wittwe des durch seine Predigtsammlungen bekannten früheren hiesigen Rabbiners Elias Karpeles s. A. und die Mutter des Redakteurs dieses Blattes. Friede ihrem Andenken! — Hier ist im Alter von 30JahrenDr.N. Brand, ein begabter Journalist und Mitarbeiter der „N. Fr. Presse", gestorben. Ferner starb im Alter von 72 Jahren der Albert Freiherr v. Rothschild'sche Domänen-Direktor, Kovmierzienrath I. M. Bettelheim. Schweden. % Gothenburg, 7. Mai. Gestern starb in Nääs August Abrah amson, der Gründer des weltbekannten Handarbeitsseminars in Nääs, einige Meilen von Gothenburg, wo sich alljährlich >ine Anzahl Lehrer und Lehrerinnen aus aller Herren Länder zusammenfinden, um hier ihre Ausbildung im Handfertigkeitsunterricht zu erhalten. August Abrahamson war am 20. Dezember 1817 in Karlskrona geboren und entstammt von aus Deutschland eingewanderten Eltern. Er wurde Kaufmann und gründete später ein Kurzwaarengeschäft, das bald eines der größten Geschäfte in Gothenburg wurde. Nachdem er hierbei ein großes Vermögen erworben, kaufte er 1868 das prächtig gelegene Landgut Nääs, auf dem er sich zur Ruhe setzte. Etwa zehn Jahre zuvor hatte er sich mit der vielgefeierten Sängerin Euphrosyne Leman in Stockholm verheirathet, und sein Haus war ein Sammelpunkt von Künstlern und Kunstfreunden. Doch schon nach etlichen Jahren verlor er seine Frau, ein Verlust, der ihn tief niederbeugte und veranlaßte, in Wohlthätigkeitsbestrebungen Zerstreuung zu suchen. Erst schenkte er der Musikalischen Akademie einen Stipendienfonds, dann, 1872, legte er auf Nääs eine Handfertigkeitsschule für Knaben und zwei Jahre später eine Arbeitsschule für Mädchen an. Damals wußten die Leute aber diesen neuen Unterrichtszweig noch nicht zu schätzen, und der Stifter mußte Anfangs die Kinder noch obendrein dafür entschädigen, daß sie seine Schulen besuchten. 1888 gingen diese ein. Aus ihnen war aber inzwischen das berühmte Handarbeitsseminar entstanden. Schon 1875 war neben der Handfertigkeitsschule für Knaben eine höhere Abtheilung eingerichtet worden, die zur Ausbildung von Handfertigkeitslehrern diente, und diese Abtheilung entwickelte sich im Laufe der nächsten Jahre zu einem Seminar, zu dem, wie erwähnt, jetzt Volksschullehrer aus allen Welttheilen kommen. So hat der kleine Flecken Nääs in Schweden internationale Bedeutung erhalten, und von ihm aus wird die schwedische Handarbeitsmethode über die Welt verbreitet. An die Spitze des Seminars hatte Abrahamson seinen Neffen Otto Salomon gesetzt, in dem er den richtigen Mann gefunden hatte. Als der Deutsch-Israelitische Gemeindebund vor etwa zwölf Jahren daranging, den Handfertigkeitsunterricht für die jüdischen Schulen in Deutschland einzuführen, standen ihm Abrahamson und Salomon mit Rath und That wacker zur Seite. Das Andenken des edlen Mannes sei zum Segen! Von Nah und Fern. ---Die Londoner Judenmission hat im Jahre 1697 schlechte Geschäfte in Berlin gemacht. Trotz 740 Hausbesuchen, 73 Versammlungen und der Vertheilung von 7100 Drucksachen hat sie keine einzige Seele zu erobern vermocht. Schade um das schöne Geld. — In dem' Prozesse, den das Waarenhaus A. Wertheim gegen Herrn Lieber-, mann von Sonnenberg, der eine die Firma schädigende Erzählung in öffentlicher Versammlung verbreitet hatte, auf Grund der Paragraphen des unlauteren Wettbewerbes geführt hat, ist der Verklagte zu einer an die Firma zu zahlende Buße von 1000 Mark verurtheilt worden^ — Der Regierungsrath a. D. Dr. Ernst Magnus hat den Kronenorden 3. Klaffe, derKommerzienrath Edmund H elf ft den Kronenorden 4. KlasA' erhalten. — Der Kaufmann Hartwig Golds chm idt hat wegen feinet Berdienste um. die vorjährige Ausstellung in Stockholm' vom König von Schweden den Wasä-Orden erhalten. — Der Prozeß Guttmann in New-Iork, von dem wir in voriger Nummer berichtet, ist nun zu Gunsten des Berliner Magistrats entschieden worden. Der Verstorbene, ein früherer Schüler des Werder'schen Gymnasiums, bestimmte, daß die Stipendien aus seinem Legat von 30 000 Mark zum mindesten 54 Mark und höchstens 300 Mark für das Jahr betragen dürfen, und drückte den Wunsch aus, daß israelitische Schüler bevorzugt werden sollten, da Stipendien für diese in Berlin selten seien. — Kantor und Lehrer Rawitscher in Marienbürg ist zum 1. Juli in gleicher Eigenschaft nach Schlochau berufen worden. — Baron Cohn in Dessau hat zum Todestage Kaiser Wilhelms, dessen Privatschatulle er bekanntlich verwaltet hat, 10 000 Mark der Großherzogin von Baden für den badischen Frauenverein überwiesen. — Am 7. d. starb im 76. Lebensjahre Herr Gustav Hirsch, der Seniorchef der bekannten Firma Aron Hirsch u. Sohn, Halberstadt. Er war ein streng religiöser und wahrhaft edler und wohlthätiger Mann, der Leiter des zur Firma gehörenden großen Messingwerks bei Gberswalde, welches er, nachdem es im Jahre 1864 aus dem Besitz des Staates in den der Firma übergegangen war, vermöge seiner Thatkraft und seiner großen technischen Kenntnisse zu einem Etablissement von bedeutendem Ruf umgestaltete.—In Leipzig ist an Stelle des verstorbenen Herrn A. Werthauer der Fabrikbesitzer D. Magnus zum Vorsteher der Gemeinde gewählt worden. — Die Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands hält ihre Generalversammlung in Mainz (kl. Saal des Konzerthauses) am 16. und 17. Mai ab. Aus der Tagesordnung stehen: Bericht über die Vereinigung und ihre Kommissionen, deren Konstituirung nach Richtung und Umfang der Thätigkeit, Anträge betreffend Restaurationen in Bädern (Feilchenfeld), Druck des Pent.-Kom. v. Hoffmann (Hildesheimer), Bestimmungen über niöfilttf (Petuchowski), Anträge nach § 17 des Statuts. — Die Tagung der zweiten ordentlichen Synode in Karlsruhe ist für die dritte Oktoberwoche in Aussicht genommen. — In Nord-Brabant und Limburg haben verschiedene, dem Agitator Pastor Thissen und Konfraters blindlings folgende Bauern erklärt, ihr Vieh an keinen jüdischen Händler oder Metzger mehr verkaufen zu wollen. — Während des Peffachfestes haben in Slivno in Bulgarien arge Exzesse gegen die Juden stattgesunden, aber erfreulicherweise sind auch diesmal die bulgarischen Behörden mit großer Energie eingeschritten und haben die Bewegung im Keime erstickt. — Ein merkwürdiger Fall von unschuldiger Berurtheilung ist in Viterbo vorgekommen. Drei dortige Juden, David Pellegrini, Leone Balle und Antonio Beneditti, waren zu einer Strafe von 20 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden, weil sie, trotzdem sie immer ihre Unschuld betheuerten, überführt sein sollten, den Gutsbesitzer Salvator Pezzi ermordet zu haben. Jetzt ist plötzlich der Priester von Bassano di Jnto, der Sohn des Ermordeten, Gratiliano Pezzi, verhaftet worden und mit ihm 4 Männer, denen nachgewiesen wurde, daß sie auf Anstiften des Priesters falsches Zeugniß gegen die „verfluchten Juden" abgelegt haben. — Moyses G. Bergel, der 15 Jahre Konsul von Belgien in Gibraltar war, hat vom König von Belgien das Ritterkreuz des Leopoldordens erhalten als Anerkennung für seine langjährigen Dienste. — Im englischen Unterhause richtete kürzlich ein Abgeordneter Pichersgill eine Anfrage an den Staatssekretär des Innern, ob in der That in dem Gefängniß von Wormwood Seubbs eine Synagoge eingerichtet worden sei, und wieviel Gefangene jüdischen Glaubens sich dort befinden. Der Staatssekretär antwortete darauf, daß in diesem Gefängniß sich gegenwärtig nur 37 jüdische Gefangene befinden, eine sehr kleine Ziffer für die große Zahl von Juden in London. Dennoch sei auch für diese eine Synagoge nöthig, und ist dieselbe deshalb errichtet worden, ebenso wie eine katholische Kapelle, und finden regelmäßige Sabbathgottesdienste statt. — In Baku hat Fürst Wolkowsky, der neu ernannte Polizeichef, am 22. März alle Juden ausweisen lassen, selbst diejenigen, welche schon seit einer Reihe von Jahren ansässig waren. Diese Maßregel trifft mehr als 100 Familien. Auch aus Libau meldet man die Ausweisung einer Anzahl von Juden, die mittelst Gendarmeneskorte nach Kowno, wo sie Wohnrecht haben, abgeschoben wurden. — Ein aschkenastscher Jude, Iellin, ist jüngst mit großer Majorität in den Stadtrath von Jerusalem gewählt worden. Er ist ein Eingeborener von Jerusalem und auch bei den Nichtjuden angesehen, wofür der beste Beweis ist, daß eine große Anzahl Mohamedaner seine Wahl unterstützte.. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. mmmm