Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben der Juden in Galizien an den Tag, und er fragte den Künstler, wo er diese Studien gemacht habe. — In der letzten Sitzung unseres Kultusvorstandes theilte der Vorsitzende, kaiserlicher Rath Klinger, mit, daß das Präsidium in einer am 15. April d. I. stattgehabten Audienz sich dem neu ins Amt getretenen Ministerpräsidenten Grafen Thun vorgestellt und hierbei Anlaß genommen habe, die Humanitären und kulturellen Interessen sowie dem Schutz der Glaubensgenossen gewidmeten Bestrebungen des Näheren darzulegen, wobei der Präsident nicht unterließ, unter Hinweis darauf, daß die österreichischen Israeliten unentwegt treu zum Kaiser und zum Vaterlande stehen, die äußerst schwierigen Verhältnisse und die Bedrückungen, unter welchen dieselben, insbesondere in Wien, dermalen leben, zu betonen. Der Ministerpräsident habe in seiner Antwort auf den von ihm geleisteten Diensteid hingewiesen, welcher, wie er sich ausdrückte, die Wahrung der Staatsgrundgesetze und somit auch der vollen Gleichberechtigung aller unter der Regierung Seiner Majestät lebenden Staatsbürger beinhaltet, und habe hinzugefügt, er werde sicher den Bestrebungen des Kultusvorstandes seine wohlwollende Unterstützung entgegenbringen. Wir wollen sehen! — Die rührigen Antisemiten haben die Lokalchronik dieser Woche wieder um einige interessante Fälle vermehrt: zuerst ist zum Nachtheil der daran Betheiligten, die ihre Sparpfennige dabei verloren, der von antisemitischen Gründern ins Leben gerufene Verein „Zukunft" eingegangen, weil er seinen Verpflichtungen wegen zu großer Schulden nicht Nachkommen konnte; dann ist nach Unterschlagung von 4500 Gulden aus der Vereinskasse der Vorsteher der Handschuhmacherinnung flüchtig geworden und wird steckbrieflich verfolgt; ferner wurde der Hausvater des katholischen Gesellenvereins in Baden, Josef Ebler, 61 Jahre alt, wegen mehrerer Sittlichkeitsverbrechen in den Anklagezustand versetzt. Und schließlich hat die Brüxer Staatsanwaltschaft gegen den Egerer Redakteur Franz Stein wegen seiner am 3. d. Mts. gelegentlich einer Versammlung des antisemitischen Bolksvereins gehaltenen, die Auflösung dieser Versammlung herbeiführenden Rede die Voruntersuchung wegen Verbrechens der Majestätsbeleidigung eingeleitet. — Dem Regimentsarzt I. Klasse Dr. Leopold Hexz wurde das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen, nebstdem gelangten mehrere jüdische Offiziere anläßlich des Mai-Avancements zur Beförderung. — Der Minister für Kultus und Unterricht hat die Beschlüsse der betreffenden Professorenkollegien auf Zulassung des Dr. Alfred Fischer als Privatdozenten für Anatomie und Embryologie an der medizinischen Fakultät der deutschen Universität in Prag und auf Ausdehnung der venia legendi des Privatdozenten für österreichisches Staatsrecht an dyr deutschen Universität in Prag Dr. Ludwig Spiegel auf das Gebißt der Berrvaltungslehre und des österreichischen Verwaltungsrechtes an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der deutschen Universität in Prag bestätigt. — Bei der Konstituirung des neugewählten Kultusrathes in Lemberg fielen sämmtliche abgegebenen 27 Stimmen aüf Samuel von Horowitz als Kultuspräsidenten. Nach zweimaliger entschiedener Ablehnung seitens desselben wurde beim dritten Wahlgange Dr. Pyk mit 17 Stimmen zum Vorsitzenden und Dr. Schaff zum Vizevorsitzenden gewählt. — In Mißlitz in Mähren ist am 16. d. Mts. im Alter von 86 Jahren Frau Regine Brüll gestorben. Sie war die Tochter des seligen Landesrabbiners von Mähren, Nehemias Trebitsch, die Wittwe des durch Geist und Gelehrsamkeit bekannten Rabbiners Jacob Brüll und die Mutter des seligen Rabbiners Dr. Nehemias Brüll in Frankfurt a. M. Eine edle, mit seltenen Tugenden ausgestattete Frau, genoß sie in weiten Kreisen Liebe und Verehrung. Bei ihrer Beerdigung gab ihr Sohn, Herr Dr. Adolf Brüll aus Frankfurt a. M., der in den Pessachtagen um sie war, den Gefühlen des Schmerzes in einer Leichenrede tiefempfundenen Ausdruck. Am offenen Grabe sprach ihr Schwiegersohn, Herr Dr. Müller, in dessen Hause sie die letztes neun Jahre in Glück und Zufriedenheit verbrachte, rührende Worte d^. i Abschieds. Von Nah und Fern. --- Kommerzienrath Louis Simon, Seniorchef des Hauses Gebrüder Simon, ist zum königlichen Geheimen Kommerzienrath ernannt worden. — Anläßlich seines 70. Geburtstags hat Herr Nathan Bernstein, einer unserer wohlthätigsten Mitbürger, der städtischem Armendirektion 25 000 Mark überwiesen. — Die „Statist. Korrefp." stellt folgende Berechnung der ehelichen Fruchtbarkeit in Preußen auf? Während des 20 jährigen Zeitraums von Anfang 1676 bis Ende 1895 entfielen auf je 1000 Eheschließungen in rein evangelischen Ehen 4147,4, in rein katholischen Ehen 5 047,9 und in rein jüdischen Ehen 3845,2 lebend geborene Kinder. Die Geburten waren also in den katholischen Ehen am häufigsten, in den jüdischen am geringsten. — In Brandenburg a. d. H. feierte unter reger Theilnahme jüdischer und christlicher Kreise das Louis Bomster'sche Ehepaar am 18. d. Mts. das seltene Fest der goldenen Hochzeit. In der festlich geschmückten Synagoge fand eine erhebende Feier statt. Herr Rabbiner Dr. Ackermann hielt die Festrede. — Am 30. d. Mts. feiert Herr Kantor H. Apfelbaum in Gnesen das Fest der silbernen Hochzeit. An demselben Tage begeht derselbe sein 25jähriges Amtsjubiläum. Herr Kantor Apfelbaum ist bereits zehn Jahre als erster Kantor thätig und genießt nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch in weiteren Kreisen große Liebe und Achtung. — Der Privatdozent Dr. Oskar Samter zu Königsberg ist zum leitenden Chirurgen des dortigen städtischen Krankenhauses gewählt worden. — Mit dem 1. Mai scheidet Prediger Dr. Stern aus dem Dienste der israelitischen Gemeinde zu Kiel, um sich dem höheren Lehrfache zu widmen. — Wegen Urkundenfälschung wurde in Köln ein Handlungsgehilfe aus Berlin zu drei Tagen Gefängniß verurteilt. Er gab an, er habe als Israelit keine Stellung finden können und hatte deshalb auf seinem Loosungsschein und auf seiner Quittungskarte seinen Namen Moses in Moser umgeändert. — Ein jüdischer Kaufmann aus Wesel, der in dem naheliegenden holländischen Orte Venlo geschäftlich zu thun hatte, wurde unterwegs im Walde von zwei antisemitischen Radfahrern überfallen und derart mißhandelt, daß er bewußtlos liegen blieb. Ein des Weges kommender Herr, der die beiden Kerle gesehen und erkannt hat, brachte den Verletzten nach Hause. Die Anzeige ist bei den holländischen Behörden gemacht. — In der letzten Stadverordnetenversammlung zu Gießen wurde das 25jährige Jubiläum des Stadtverordneten Homberg er durch eine Ansprache des Oberbürgermeisters gefeiert, in der er die Verdienste des Herrn Hömberger um die Stadt und die Religionsgemeinde in warmen Worten schilderte. Herr Hömberger dankte für die Ehrung und sprach den Wunsch aus, daß die Vaterstadt auch ferner sich gedeihlich entwickeln möge. — Der israelitische Religionsunterricht, der bisher in der Sekunda und Prima des großherzoglichen Gymnasiums zu Kar lsruhe in je einer wöchentlichen Stunde ertheilt wurde, ist auf Antrag des Herrn Stadtrabbiners Dr. Appel mit Beginn des Sommersemesters vom großherzoglichen Oberschulrath auf zwei wöchentliche Stunden erhöht worden. — Der bekannte Philanthrop und Politiker Hermann Trier, Vizepräsident des Folkething (Reichstags), ist zum Präsidenten des Bürgerschaftskollegiums von Kopenhagen gewählt worden. — Der Kaiser von Oesterreich hat den Obersten Heinrich Porger, Kommandeur des Festungsartillerie-Reg. Nr. 6, zum Festungsartillerie-Direktor in Krakau ernannt. — In Ustrzyki, wo die Mehrzahl der Bewohner Antisemiten, wurde Herr Moses Fränkel zum Bürgermeister gewählt. — In Rom ist der bekannte Publizist Leone Carpi, einer der alten Patrioten von 1648, im 88. Lebensjahre gestorben. Er war auch ein guter Jude und hat in einer Schrift: „Die jüdische Rasse vor der Humanität", seine Glaubensgenossen wacker vertheidigt. — Marco Ala tri, eines der Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde in Rom, ist zum Direktor der Bank von Italien ernannt worden. — Der Begleiter von Drumont, Guerin, Besitzer der „Libre Parole", ist in Algier mit acht Tagen Gefängniß bestraft und sofort verhaftet worden. Er hat im Hasen die Menge gegen einen neu angekommenen Passagier aufgehetzt, den er als Juden und Anarchisten bezeichnete. Die Stadt New-Uork zählt 350 000 Juden, Pennsylvanien, Illinois und Kalifornien je 85 000, Ohio 50 000, Maryland 35 000, Miffouri und New-Jerfey je 25 000, Louisiana und Massachusetts je 20 000. — In New-Iork ist der Rabbiner E. Schwab nach vollendetem 100. Lebensjahre und in Philadelphia der ehemalige Präsident der Keneseth Israel Congregation, Philip Lewin, im 62. Lebensjahre gestorben. Er war in Neustadt in Schlesien geboren. — Bon der amerikanischen Presse wird jetzt mit besonderem Behagen die Nachricht verbreitet, daß der Anwalt der Regierung in der Untersuchungskommission über die „Maine", Lieutenant-Commodore Mar ix, ein Jude sei und noch dazu ein Nachkomme Derer, die vor 400 Jahren aus Spanien vertrieben wurden. Das ist in der That eine Ironie der Geschichte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.