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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-22 · Heft 16 (22.4.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 16 (22.4.1898)
Date
1898-04-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Emil Brosch und Heinrich Karplus zu Bauräthen und den Ingenieur Arthur Edler von Mises zum Oberingenieur im Eisenbahnministerium ernannt. — Der berühmte Professor an der Landes-Musikakademie und Cellist David Popper hat in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete des Musikunterrichts und der Mustkkunstdas Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens erhalten. — Dem „Neuen Wiener Tageblatt" ist es gelungen, einen würdigen Helfer des Pfarters Dr. Josef Deckert bei seinen Insinuationen gegen die Juden zu entdecken, der wahrscheinlich jetzt die Rolle des verschollenen Achron Brimanus ausgefüllt hat. Es ist der Konvertit Dr. Lazar Samuel Judawits Edler v. Sülelmed, ein katholischer Missionar, der als angeblicher Rabbiner einerseits in Judenkreisen Proselyten machte, andererseits — und das war seine Hauptaufgabe — Priestern nach dem Schlage Deckerts falsche Uebersetzungen aus dem Talmud lieferte. Judawits von Sülelmed, der erst vor wenigen Wochen aus Wieü'geflüchtet ist, stand zu Pfarrer Deckert in den engsten Beziehungen und hat auch „Geldunterstützungen" von ihm bezogen. Ob diese aus reiner Nächstenliebe gegeben wurden oder ob andere Beweggründe Pfarrer Deckert zu dieser „Unterstützung" des getauften Juden und gegenwärtigen katholischen Missionars veranlaßt haben, ist vor der Hand nicht untersucht, sondern einfach die Thatsache berichtet worden, für welche das Blatt auch schriftliche Beweise in Händen hat. Als Judawits von Sülelmed aus Wien floh, mußte er seine Korrespondenz zurücklassen. Diese befindet sich in Händen der Redaktion, darunter auch eigenhändig geschriebene, mit Unterschrift versehene Mittheilungen des Herrn Dr. Josef Deckert, Pfarrers von Weinhaus. Weitere Enthüllungen werden wohl nicht ausbleiben. 6. Budapest, 15. April. In der verflossenen Woche hat es im ungarischen Abgeordnetenhause eine ganze kleine, unwesentliche Antisemitendebatte gegeben. Herr Mücsy und seine Gesinnungsgenossen glaubten, wenn auch blos in ihrem eigenen Namen, ihrer Trauer darüber Ausdruck geben zu müssen, daß Ungarn unter die Herrschaft des „Judaismus" gerathe, und daß es wohl anstehen würde, dem Beispiele der Christlich-Sozialen, besonders der Wiener, zu folgen, mit deren Streben sie sympathisiren. Die Abgeordneten Rosenberg, Neumann u. A. m. haben auf diese Ausführungen in durchaus würdiger und sachlicher Weise geantwortet. Mit scharfen Worten rügten der Ministerpräsident Baron Bünffy, Minister Darünyi und der Referent A. Hegedüs die gefährlichen reaktionären und antisemitischen Umtriebe der katholischen Volkspartei, welche dem Antisemitismus zustrebt, um zu der in anderen Ländern so tief wirkenden Reaktion zu gelangen. Daß es bei uns in Ungarn nicht so bald dazu kommen wird, dafür dürfte der ehrliche Sinn unseres Volkes bürgen. — Die israelitischen Gemeinde- Distriktspräsidenten hielten ihre ordentliche Jahresversammlung ab und beschlossen, nach Erledigung der lausenden Angelegenheiten die Berücksichtigung ihrer in Angelegenheit der israelitischen Autonomie an das Kultus- und Unterrichtsministerium gesandten Unterbreitungen zu urgiren. Aus diesem Anlaß beschäftigten sie sich auch mit der Vorlage über die Ergänzung der Seelsorgerbezüge. Im Motivenbericht desselben wird gesagt, daß sich die Wohlthaten der Kongrua auf 303 Rabbiner erstrecken werden, deren Gehälter, auf 800 fl. ergänzt, eine Summe von 91136 fl. beanspruchen. Die israelitische Landeskanzlei beleuchtete die dem Ministerium bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfes zur Verfügung stehenden Daten mit Folgendem: Nach den bestehenden Normativen braucht der Rabbiner blos vier Klassen der Mittelschule absolvirt zu haben, wobei in Betracht gezogen werden muß, daß die Gemeinden das Rabbinat mit einem „Verweser" oder „Religionslehrer" besetzen können. In der That fungiren in dem überwiegenden Theil jener 303 Gemeinden, deren Liste dem Ministerium vorgelegt wurde, nur „Rabbinatsverweser", von denen kaum zehn die festgestellte Qualifikation besitzen und einen Anspruch zur Ergänzung ihrer Bezüge auf 800 fl. besitzen. Für diese werden höchstens 3000 fl. beansprucht, während für die Ergänzung auf 400 fl. — den gegenwärtigen thatsächlichen Zustand in Betracht genommen — nur 4735 fl. erforderlich sind. Demgemäß werden die Interessen der israelitischen Konfession dadurch nicht besonders gefördert, und würde es vielmehr dem Privatinteresse der Rabbiner. entsprechen, wenn der gegenwärtige Modus der Seelforgeunterstützung bei entsprechender Erhöhung der Unterstützungsfummen weiter bestehen würde. Gleichwohl begrüßt die israelitische Landeskanzlei den Entwurf, welcher auf Grundlage des G. A. XX 1848 und in den neuesten kirchenpolitischen Gesetzen niedergelegten großen Prinzipien angefertigt wurde, mit Freuden. — Der ungarländische Rothe Kreuz-Verein plant für den Kriegsfall die Organisation eines Meldungsbüreaus, welches dem Publikum über die auf dem Schlachtfelde verwundeten und gefallenen Angehörigen genaue amtliche Aufklärung ertheilen soll. Mit der Leitung desselben sollen die Seelsorger der verschiedenen Konfessionen betraut werden. Seitens der hiesigen Kultusgemeinden haben sich Rabbiner Dr. Samuel Kohn und Dr. R. Goldberg zum Jnspektionsdienst gemeldet. Von Nah und Fern. — Der Geheime Sanitätsrath Dr. Barschall hier hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der Bankier Moritz Helfft, ältester Chef der Firma Helfft u. Friedländer, ist am 17. d. M. im 73. Lebensjahre gestorben. Seinen Verlust betrauern mit der Familie und zahlreichen Freunden besonders der Brüderverein und die Gesellschaft der Freunde, deren Vorstand der Verstorbene angehörte, und andere wohlthätige Vereine. — In Thorn feierte der Kaufmann Louis Kali scher das 50jährige Bürgerjubiläum, zu dem ihm der Magistrat ein Glückwunschschreiben übersandte. — In Ratibor ist der Rittergutsbesitzer Julius Zender im 63. Lebensjahre gestorben. Derselbe war lange Mitglied des Vorstandes der Gemeinde, der er vor zwei Jahren 10 000 Mark zur Anschaffung einer Orgel gespendet hat. — In Kempen (Rheinland) ist die jüdische Elementarschule wegen zu kleiner Schülerzahl von der Regierung zu Düsseldorf aufgelöst worden. — Der Finanzausschuß der baierischen zweiten Kammer hat die Petition des israelitischen Lehrervereins für das Königreich Baiern um einen Zuschuß zur Unterstützungsstiftung des genannten Vereins der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. — In Kobersdorf ist, allgemein betrauert, der Oberrabbiner Lazar Alt gestorben. Bei dem Begräbniß erschien die gesammte katholische Gemeindevertretung mit dem Pfarrer Matray an der Spitze. — In Modena traten eine Mutter und deren junge Tochter, die Braut eines Juden, zum Judenthum über und änderten ihre Namen in Noemi und Ruth. Die Rabbiner Cammes, Laibe und Cantoni bildeten das Kollegium. — In Asti hat ein angesehener jüdischer Bürger der Stadt ein Denkmal zu Ehren der Einigung Italiens zum Geschenk gemacht. Bei seiner Enthüllung wird König Humbert in eigener Person anwesend sein. — Kapitän Sapino vom 16. savoyischen Regiment, der bei den Kämpfen in Afrika bei Adowa verwundet worden, hat die militärische Verdienstmedaille erhalten. — In Mailand ist Michele Treves, das älteste Mitglied der berühmten Buchhändlerfirma, gestorben. — In Paris ist der berühmte Arzt und Hygieniker Dr. Jules Worms im 68. Lebensjahre gestorben. Er war Direktor des Rothschild-Hospitals. — Max Nord au hat ein fünfaktiges Schauspiel: „Dr. Cohn" vollendet, das die Tragödie eines getauften Juden behandeln soll. — Emile Zola hat als letzten Zeugen für seinen zweiten Prozeß Alfred Dreyfuß selbst, den Gefangenen der Teufelsinsel, vorgeladen. — Gegen die Judeneinwanderung in England richtet stch die im Oberhaufe von Lord Hartwicke eingebrachte Bill. Sie würde zur Berathung kommen, wenn das Unterhaus infolge der Geschäftslage nicht früher zur Behandlung der Vorlage kommen sollte. — In Leeds ist der Major Louis Francks im 79. Lebensjahre gestorben. — In Jamboli in Bulgarien fanden am Osterfest Unruhen gegen die Juden statt, da das alte Märchen von dem Verschwinden eines christlichen Mädchens verbreitet war. Als der Pöbel gegen die Synagoge zog, schritt die Polizei ein, und berittene Patrouillen trieben das aufgehetzte Volk zurück. — In Witebsk ist der treffliche Dr. med. A. Koroltschuk, der in Schrift und Wort für seine Glaubensgenossen eingetreten, im 38. Lebensjahre gestorben. — Baronin Hirfch hat für das jüdische Waisenhaus in Wilna 20 000 Rubel gespendet unter der Bedingung, daß die dortige Gemeinde aus stch 15 000 Rubel für den gleichen Zweck beschafft. — Nathan Lewy, ein früherer Schüler des Rabbinerseminars in Paris, ist zum Großrabbiner von Korfu gewählt worden. — Der Lieutenant der Marine Raphael Lion ist am 6. v. Mts. in Aadjia in Madagaskar im 24. Lebensjahre im Kampfe für sein Vaterland gefallen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz ip Berlin.

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