Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Feier hatten fich am Mittwoch Abend circa 300 Soldaten aller Waffengattungen und auch einige Invaliden aus dem hiesigen Jnvalidenhause eingefunden. Der Schriftführer des Vereins, Inspektor der Stantseisenbahn-Gesellschast Leopold Spitzer, eröffnete die Feier mit einer Ansprache an dje Soldaten, in der er sie Namens des Vorstandes begrüßte, worauf den Soldaten das warme Nachtmahl verabreicht wurde. Gestern Abend wurde diese Abspeisung für die Soldaten in der Anstalt wiederholt. — In Budapest fand, zu Ehren des zum Geheimen Rathe ernannten Honvedhusaren-Rittmeisters Grafen Geza Andrassy im Gentry-Kasino ein Banket statt, bei welchem der Gefeierte einen viel bemerkten Toast hielt. Er sagte unter anderem: „Ich habe die allerhöchste Auszeichnung meiner treuen Thätigkeit als Staatsbürger zu danken, welche ich auch im Interesse des volkswirthschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlseins auf Grund der ewigen Wahrheiten der Gleichheit und Brüderlichkeit entfaltete. Stellen wir uns alle auf den Standpunkt der patriotischen Pflicht, stellen wir alle religiösen unh gesellschaftlichen zersetzenden Kämpfe ein, und besiegen wir mit vereinteü Kräfte unsere in- und ausländischen Feinde! Mich und meine Familie ' kennt man als Philosemiten, und mit vollem Rechte, in erster Linie darum, weil wir immer davon überzeugt waren, daß die vaterländische Judenschaft immer als wahre Ungarn mit uns gekämpft, gelitten hat' und jetzt mit uns gemeinsam zu genießen strebt. In zweiter Linie darum, weil ich in Mexiko die Tausende im Elend schmachtenden Juden gesehen habe, die geradeso leben wie unsere Juden vor dem Jahre 1848, eine verfolgte, unterdrückte Raffe auf dem freien demokratischen Boden. Welcher Gegensatz besteht zwischen unseren wirthschastlichen Gegnern' und uns! Unsere Antisemiten mögen sie aber nicht nachahmen und sie?, nicht beneiden. Lieber mögen sie sich der riesigen finanziellen und Volks-; wirthschastlichen Thätigkeit unserer patriotischen Judenschaft ohne Rückhalt auf das Aufrichtigste anschließen und in dem alltäglichen Kampf um das materielle Wohl mit der genialen Kraft und der Arbeitsliebe der *: ungarischen Raffe mit den Juden gemeinsam streben und siegen. Dann werden alle Ungarn demokratische Aristokraten, d. i. die Allerbesten sein." — In Baden wurde ein eifriger Antisemit wegen politischer Umtriebe vom Lehramte suspendirt; nachträglich erfährt man jedoch, die Suspendirung des bekannten christlich-sozialen Agitators Volksschullehrers Josef Burischer erfolgte weniger politischer Umtriebe s halber, als auf die Anzeige wegen sträflichen Umganges mit Schulmädchen. Die Affäre erregt großes Aufsehen, da Burtscher, von; klerikaler Seite protegirt, Privatunterricht in den höchsten Kreisen ertheilte. — Der emeritirte Ober-Kantor und Religionslehrer am Fünf- * Hauser Tempel der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Leopold Stern, Mitglied des Ortsschulrathes im XV. Bezirke, feierte am 7. d. ' das vierzigjährige Jubiläum seiner amtlichen Thätigkeit in dieser Gemeinde. Dem Jubilar, der sich als Funktionär und als Schulmann * auf ba§ Verdienstvollste bethätigt und auf diesen Gebieten auch litterarisch mit Erfolg gewirkt hat, wurden aus diesem Anlasse mannigfache! Ehrungen bereitet. — Der Kaiser hat dem Herrn Naftali Tittinger-' in Czernowitz den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Die > Sammlungen des Jüdischen Museums haben auch im Laufe des Monats März Bereicherungen durch zahlreiche Spenden aus Oesterreich- > Ungarn und Deutschland erfahren. Insbesondere seien hervorgehoben: Das Original der Wiener Hagadah von Aaron Wolff Herlingen, kayserlicher Bibliotheeschreiber, aus dem Jahre 1738, ein prachtvolles^ Manuskript auf 38 Pergamentseiten mit Miniaturen und reichen | ornamentalen Verzierungen von der Hand des berühmten Meisters; ferner Hofschutzfreiheit der Kaiserin Maria Theresia für die Juden Samuel und Löw Leidersdorfer in Wien, vom Jahre 1758. Beide werthvollen Objekte find Geschenke des Herrn und der Frau Dr. Moriz Passauer in Wien; ferner 2 Hofschutzfreiheiten des Kaisers Carl VI. für Simon Michel, vom Jahre 1716, und desselben Kaisers für Samuel Simon, vom Jahre 1727, letztere mit dem großen kaiserlichen Jnsiegel. Von Herrn Dr. Gustav Karpeles in Berlin ist eine größere Anzahl von Autographen gespendet worden. Nunmehr sind auch die der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gehörigen Reliquien nach Salomon Sulzer, Josef von Wertheimer, Leopold Kompert und I. N. Mannheimer, bestehend aus Büsten und Porträts der Genannten- Ehrengeschenken, Diplomen, Adressen rc., welche diesen Persönlichkeiten bei festlichen Anlässen gewidmet worden sind, im Jüdischen Museum zur Aufstellung gelangt. Von Nah und Fern. ----- Im Jahre 1695 wurden in Berlin bestraft wegen Verbrechen und Vergehen im Ganzen 304 Juden, darunter waren zum ersten Male bestraft 178, zum zweiten Male 40. zum dritten Male 33, öfter als dreimal 53. Herr M. Friedländer in Schulitz ist, nachdem er bereits seit 10 Jahren daselbst Stadtverordneter war, nunmehr zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. — Dr. Julius Lewit, Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, ist zum Rabbiner der Synagogengemeinde S to lp in Pommern gewählt worden. Herr Dr. Lewit hat das Rabbinat zum Pefsachfest bereits übernommen. — Dr. Seligsohn in Tirschtiegel ist zum Stabsarzt für Kiautfchou ernannt worden. — Am 24. v. Mts. fand die erste Volksschullehrerprüfung am israelitischen Seminar in Kassel statt. Der Provinzialschulrath Dr. Otto führte den Vorsitz bei der Prüfung, in der sämmtliche 7 Examinanden bestanden. — Seit dem Jahre 1871 bis zum Jahre 1895 hat sich die jüdische Bevölkerung der Rheinprovinz von 38 435 auf 49 018 oder um 30,1 pCt. vermehrt. In. der gleichen Zeit hat sich die Gesammtbevölkerung der Provinz von 3 579 347 auf 5 106 002 oder um 42,6 pCt.vermehrt. —Hauptmann a. D. Joseph Gernsheim steht seit 25 Jahren an der Spitze des Kriegervereiks in Worms.. Aus diesem Anlaß wurde ihm dieser Tage eine Ehrentafel überreicht. — Das Großherzogl. Ministerium des Innern hat in den jüngsten Wochen verfügt, daß die Rabbinate in Hessen den Titel „Großherzogl. Rabbinat" zu führen berechtigt sind. — Zum Rabbiner in Saargemünd wurde Dr. Netter aus Buchsweiler gewählt. — Am 11. d. Mts. brachten mehrere Hundert Personen dem seit einigen Tagen in Triest weilenden Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, vor dem Hotel eine Katzenmusik dar. Sie riefen: „Nieder mit Lueger!" „Hinaus mit Lueger!" Die Demonstranten-waren zumeist Sozialisten. Nach 10 Minuten zerstreute sie die Polizei und nahm vier Verhaftungen vor. — Frau Baronin Hirsch hat zu Gunsten armer Waisenkinder in Budapest eine Johanna Bischitz - Stiftung im Betrage von 600000 Kronen errichtet. — Am. letzten Sonntag ist in allen griechischen Kirchen in Konstantinopel ein Hirtenbrief des ökumenischen Patriarchen verlesen worden, oer die Griechen in eindringlichen Worten ermahnt, mit den Juden in bestem Einvernehmen zu bleiben. Wie es heißtist dieser. Hirtenbrief durch die Hohe Pforte veranlaßt worden, um anläßlich des Osterfestes alle Ausschreitungen zu vermeiden. — Nach dem Ende 1897 veranstalteten Census zählt jetzt Aegypten 10 Millionen Einwohner, unter denen 25 200 Israeliten sind, von denen jedoch der größte Theil theils in Alexandrien, theils in Kairo lebt. Kleine jüdische Gemeinden giebt es dann noch in Heluan, Port-Said, Suez, Jsmailiah (letztere drei Städte liegen am Suezkanale) Damenhous u. f; w. — Der greise Dichter David Levi in Turin hat anläßlich des letzten Erinnerungsfestes das Grobkreuz des italienischen Lazarusordens erhalten. — Das Rabbinerseminar in Rom geht seit der Demission des Oberrabbiners Dr. Ehrenreich seinem völligen Verfall entgegen. Es hat weder Lehrer noch Hörer. — Der französische Ministerrath beschloß infolge der Interpellation wegen der Judentumulte in Algier, die nachdrückliche Bekämpfung des Antisemitismus und die strengste Ahndung weiterer Ausschreitungen anzukündigen. Also doch! — Der jüdische Artillerie-Oberstlieutenant Francfort wurde auf der Fahrt in einem Eisenbähnabtheil von einem Mitreisenden Namens Coquerel beleidigt. Bei der Ankunft in L'Orient forderte Francfort Coquerel und verwunoete seinen Beleidiger im Degenzweikampf an der rechten Schulter. — In London ist der Direktor der Ltepne^ Jewish Lebools, Payne, gestorben; er war 26 Jahre Direktor der genannten Anstalt. Seine Beerdigung fand unter allgemeiner Theilnahme statt. Ferner ist daselbst Jsaac P. Cohen, eines der eifrigsten Mitglieder im Exekutivkomitee des Board of Guardians, am 25. v. Mts. gestorben. — Die Generalversammlung der Gesellschaft des jüdisch-theologischen Seminars in New- Iork hat in diesem Jahre in Philadelphia stattgefunden. Zum Andenken an den sel. Dr. S. Morais wurde ein Fonds begründet, zu dem die Baronin Hirsch 6000 und I. H. Schiff 5000 Dollars gespendet haben. Die Einnahmen betrugen in den beiden letzten Jahren 18 302 und die Ausgaben 18261 Dollars. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.