Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Krakauer Staatsanwaltschaft hat die von einem Geistlichen veröfferÄlichte antisemitische Broschüre: „Geheimnisse der Juden", welche bereits in 5000 Exemplaren zur Verbreitung gelangt ist, nunmehr mit Beschlag belegt. — Der antisemitische „Glos Narodu" veröffentlicht eine amtliche Zuschrift der Bezirkshauptmannschaft in Wieliczka, in welcher das von antisemitischer Seite verbreitete Gerücht, daß die antisemitischen Exzesse in Wieliczka durch ein gegen den Reichsraths - Abgeordneten P. Szponder gerichtetes Judenkomplot verursacht worden seien, als uürichtig bezeichnet wird. — In Prag fand am 14. und 15. d. Mts. itn Sitzungssaal des jüdischen Rath Hauses die diesjährige Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Böhmen statt. Im Vordergründe der ernst und würdig geführten Verhandlungen stand die Berathuyg über den Lehrplan für den Religionsunterricht an den Mittelschulen, über welchen Namens des Ausschusses Dr. A Kurrein ein Referat erstattete, das dem Religionsunterricht neue, praktische Ziele steckte. — Bemerkenswerth ist eine Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Baron Banffy, in der er den Antisemitismus verurtheilt. „Die Richtung," sagt Baron Banffy unter anderem, „welche besonders die Volkspartei einzuschlagen beliebt, wendet sich gegen alle Autoritäten, auch gegen die auf kirchlichem Gebiete; sie ist geeignet, die gesammte gesellschaftliche Ordnung zu untergraben. Bon Seite der Volkspartei wird heute gegen das Judenthum mit der christlichen Moral argumentirt. Diese Argumentation wird am Ende auch dahin führen, Gegensätze zwischen den einzelnen christlichen Glaubensbekenntnissen zu schaffen. Derartige Schlagworte hat man auch im Mittelalter vor der Bartholomäusnacht gehört, und solcher Schlagworte bedarf das Land nicht. (Lebhafter Beifall rechts.) Ich bin glücklich, in einem solchen Kreise aufgewachsen zu sein, in dem die Menschen nie nach Religion und Glaubensbekenntnissen klasstfizirt wurden (Eljenrufe rechts), und würde es sehr bedauern, wenn ich jetzt in einen solchen Kreis kommen müßte. Ich habe meine Ansicht in der Judenfrage schon vor Langem gekennzeichnet. Als ich meine Obergespanstelle antrat, machte bei mir die Deputatian der orthodoxen jüdischen Gemeinde ihre Aufwartung. Ter Führer dieser Deputation richtete an mich eine deutsche Ansprache. Dies mißfiel mir, und ich gab dem offen Ausdruck. Ich sagte: „Ich erkenne die Juden nur als Konfession, nicht als Nationalität an. Denn die Juden sind ein ergänzender Faktor der ungarischen Nation. Wenn die Juden auf diesem Wege fortschreiten und sich selbst nur als Konfession bekennen, so werden sie einen nützlichen Theil der ungarischen Nation bilden." Dies war und ist meine Ansicht. Der Ton aber, den die Bolkspartei anzuschlagen beliebt, wird nicht dazu führen; er ist geeignet, das Judenthuin aus der Nation auszuscheiden. Wenigstens richtet sich das Bestreben dahin, doch hoffe ich, ohne Erfolg. Wir dürfen die Gegensätze nicht verschärfen, müssen im Gegentheil bestrebt sein, sie auszugleichem" Amerika. 6. H. New-Uork, im März. Die ungarische Gemeinde Oheb Zedtzk, deren Rabbiner, Dr. Philipp Klein, die strikteste Orthodoxie repräsentirt, feierte ihr 25 jähriges Jubiläum. An das strikt koschere Banket schloff sich — der Berichterstatter muß zu seinem tiefen Schmerz die Wahrheit melden — ein Tanzkränzchen an. — Dr. Emil G. Hirsch in Chicago sprach neulich davon, daß auch hier im Lande der Freiheit sich eine Aristokratie bilde — was unzweifelhaft wahr ist —, und daß diese Aristokratie logischerweise zum Antisemitismus führen müsse. In diesem Zusammenhänge erwähnte er auch der Gesellschaft vaugdtss of the Revolution, welche sich aus den Nachkommen Derjenigen, welche im Unabhängigkeitskriege gefochten haben, zusammensetzt. Auf die Proteste der Gesellschaft, daß sie jedem Antisemitismus fern stehe, widerrief Hirsch diesen Theil seiner Rede in einer von der Kanzel vHrlesenen Erklärung. Wie sehr Hirsch Recht hatte, geht aus einer in der „Chicago Tribüne" enthaltenen Notiz hervor, wonach ein Mitglied der genannten Gesellschaft gesagt hatte: „Ich sehe nicht ein, welches Recht Juden oder irgend eine andere Klasse von hergelaufenem Volk (alierrs) haben soll, die Motive oder Handlungen irgend einer von gebürtigen Amerikanern gebildeten Gesellschaft zu kritistren. Wenn ihnen unsere Wege nicht anstehen, mögen sie unserem Lande fern bleiben." — Eine eigenthümliche Schulfrage bewegt die jüdische Gemeinde in Montreal. In der Provinz Ouebec des britischen Nordamerika ist das Schulsystem nach katholischem und protestantischem Bekenntniß getheilt. Den Juden steht es frei, zu erklären, welchem Schulfonds sie ihre Steuern zugetheilt wissen wollen. Sie haben sich alle für den protestantischen Schulfonds entschieden. Dadurch erwächst diesem die Last der Erziehung von tausend Schulkindern, zumeist Kindern armer russischer Emigranten, während die Steuern jüdischer Steuerzahler unverhältnißmäßig niedrig sind. — In der Staats-Legislatur von Ohio sagte der Abgeordnete Adams mit Bezugnahme auf den Einfluß des Senators Alfred M. Cohen, er hätte nichts dagegen, wenn die Juden die Politik Palästinas bestimmen wollten; die Verwaltung des Staates Ohio sollten sie den berechtigten Faktoren überlassen. — In Trenton, New-Jersey, sagte der Staatsanwalt Croßley in seinem Plaidoyer gegen einen jüdischen Angeklagten, der Gott der Juden sei das Geld. Seine Entschuldigung in der Tagespresse, hervorgerufen durch ein Entrüstungsmeetiug, war sehr lahm. — In der New-Iorker „Nation", der angesehensten Wochenschrift des Landes, klagt Salomon Reinach in Paris die Jesuiten der Anstiftung der jüngsten Skandale an. Gleichzeitig frohlockt der in Cincinnati publizirte „Catholic Telegraph" darüber, „daß die beschnittenen aliens in Frankreich nunmehr in das Ghetto zurückgedrängt werden würden, aus dem sie nie hätten befreit werden sollen". — Der Jargon hat sich den Weg bis an die Küste des stillen Ozeans gebahnt. In San Francisco erscheint seit Kurzem eine Zeitung in „Wddish". Hingegen hat die angesehenste New-Iorker „Jargon-Zeitung" seit Kurzem eine englische Beilage. Zeichen der Zeit! Von Nah und Fern. --- Herr Dr. B. Friedmann, bisher in Grätz, ist zum Rabbiner der hiesigen Bne Berith-Gemeinde gewählt worden. — Gegen den Reichstagsabgeordneten Liebermann v. Sonnenberg ist Anklage auf Grund des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb erhoben worden. In einer Volksversammlung in der Andreasstraße theilte der Genannte mit, daß die Firma Wertheim ihn wegen Geschäftsschädigung verklagt habe. Den Grund zur Klage bilden Aeußerungen des genannten Abgeordneten, die bei ähnlicher Gelegenheit — in öffentlicher Versammlung — gethan wurden. — Rabbiner Dr. Rülf ist anläßlich seines Scheidens aus Memel von dem dortigen Litteraturverein zum Ehrenmitglied ernannt worden. Zum Nachfolger des Herrn Dr. Rülf wurde auf seinen Vorschlag Dr. Emanuel Car leb ach, Sohn des Rabbiners Dr. Carlebach zu Lübeck, einstimmig gewählt. — In S a g a n verabschiedete sich am letzten Sonnabend Herr Kantor Wolfgang, welcher Sagan verläßt, um am 1. April die Stelle eine Kultusbeamten der Synagogengemeinde in Schwerin a. W. zu übernehmen. — In Kempen starb am 18. v. Mts. plötzlich der Redakteur des „Kempener Anzeigers", Wilhelm Gottheiner, im 52. Lebensjahre. Er war viele Jahre Mitglied des Korporationsvorstandes. Der Verblichene war allgemein geachtet und beliebt. — In Paderborn feierte kürzlich der Lehrer und Prediger L. Weiler sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, welcher Liebe und Achtung sich der bewährte Beamte zu erfreuen hat. — In Braunschweig wurde der Antisemitenführer Fischer vom Landgericht wegen Unterschlagung zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt und für den Zeitraum von zwei Jahren für unfähig erklärt, als Rechtsanwalt zu fungiren. — In Prag starb der Senior der dortigen Aerzte und früherer Dozent an der Universität Dr. Jacob Schütz im 82. Lebensjahre. Als medizinischer Schriftsteller hat sich Schütz auch im Ausland bekannt gemacht. — Bon den anläßlich der antisemitischen Exzesse in Wieliczka verhafteten 18 Personen wurden 11 freigelassen; gegen fünf Christen und zwei Juden wurde die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet. — Die geographische Gesellschaft in Paris hat Herrn Eduard Foa für seine Durchquerung Afrikas, von der Mündung des Zambest bis zum Congo, die große goldene Medaille verliehen. — In Oran ist Hain Berichou, einer der angesehensten Israeliten Algiers, von 1858—78 Generalrath und lange Zeit Präsident des israelitischen Konsistoriums, im 84. Lebensjahre gestorben. — In Rom veröffentlicht das amtliche Journal ein königliches Dekret, mittelst welchem die jüdische Gemeinde ermächtigt wird, am Tiberstrande ein Terrain anzukaufen und auf demselben eine neue Synagoge zu erbauen. Unsere Kultusgemeinde will für diesen Bau eine Biertelmillion Lire verausgaben. Druck und Verlag von Ruovls Mo ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.