Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 7. März. Die Sitzungen des niederösterreichischen Landtages bieten jetzt wieder einmal den Antisemiten Gelegenheit, Skandalszenen zu veranstalten, diesmal jedoch zur Abwechslung gehen die Schimpfereien nicht über die Juden allein nieder, sondern die Christlich-Sozialen und die Deutsch-Nationalen — also Antisemiten, jedoch verschiedener Couleur — bekriegen einander. — Die Grazer Wählerschaft hat dem klerikalen Abgeordneten Hagen Hofer wegen seines Verhaltens die schärfste Mißbilligung und Verachtung ausgesprochen. — Hier hat sich abermals ein Wohlthätigkeitsverein „Zum heiligen Rudolf" aufgelöst, weil der Kasstrer desselben ein eifriger Antisemit es vorgezogen, mit dem Gelbe des Vereins das Weite zu suchen. — Schlechter erging es den beiden anderen wackeren Ariern: dem Kasstrer des Loosvereines in Dornbach, Carl Dänisch, und dem Kasstrer der Pflasterer-Genossenschaft, Josef Prochaska, welche Beide ihrer Defraudationen wegen zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt wurden. — In Krakau fand während der Aufführung des Theaterstückes „Das neue Ghetto", von Th. Herzl, eine antisemitische Demonstration statt, doch konnte das Stück zu Ende gespielt werden. Mehrere Demonstranten wurden polizeilich abgestraft, andere werden seitens der Schulbehörden zur Verantwortung gezogen werden. — Die hiepge Sparkasse hat unter anderen Schenkungen auch dem israelitischen Frauenverein, sowie mehreren anderen jüdischen Humanitätsanstalten namhafte Spenden zukommen lassen. — In Triest starb vor kurzem Baron Joseph Morpurgo nach kurzem Leiden an Lungenentzündung im 82. Lebensjahre. Mit Baron Morpurgo schied eine der bekanntesten Gestalten Triests. Der Verstorbene gehörte seinerzeit als Chef dem im Jahre 1890 in Liquidation getretenen Welthause Morpurgo & Parenie an und war einer der bekanntesten Financiers Triests. Sein Name war namentlich auch in Wien, Italien und Frankreich sehr bekannt. Fokst bei allen Triester Gründungen der früheren Zeit war er betheiligt. Er bekleidete bis zu seinem Lebensende die Stelle eines Direktors der ^ssieurariovi dsnerali, gehörte der Verwaltung der Oesterreichischen Gasgesellfchaft an und bekleidete eine ganze Reihe anderer Aemter und Ehrenstellen. Morpurgo war auch belgischer Generalkonsul. Geradezu grenzenlos war sein Philantropismus; er gehörte allen Wohlthätigkeits- Vereinen der Stadt an. Schweden. x. Stockholm, 5. März. In unserer Gemeinde ist der Sonntags? gottesdienst, natürlich neben dem uralten Sabbathgebet, seit einigen Jahren für die Wintermonate eingeführt und zwar mit großem Erfolg durch unfern verehrten Herrn Rabbiner Dr. Klein, der flch auch zu der in Berlin mit solchem Eifer ventilirten Frage in einem Schreiben an Herrn Gustav Levinstein sehr entschieden folgendermaßen ausgesprochen hat: „Tausend Dank für Brief und Broschüre. Das war ein Wort zur rechten Zeit, das seine segensreichen Wirkungen in den Gemüthern nicht verfehlen wird. Nur des Muthes und der Ausdauer von Jhre^ und Ihrer Gesinnungsgenossen Seite bedarf es, und der Sieg muß Ihnen schließlich zufallen, denn Sie kämpfen für die Wahrheit, für unser heiligstes Erbe, das durch besoldete und unbesoldete „Säulen des Exils" uns entrissen werden soll, und der Gott der Wahrheit wird Ihnen beistehen. Sie wollen erfahren, ob unser Sonntagsgottesdienst zur Hebung des religiösen Sinnes in unserer Gemeinde beigetragen hat? Darauf antworte ich: Kommen Sie und prüfen Sie selbst. Am Sonntag den 6. März haben wir hier einen Sonntagsgottesdienst; sind Sie verhindert, so veranlassen Sie doch zwei oder drei Ihrer Gesinnungsgenossen und Sie werden, das ist meine feste Ueberzeugung, Thatsacheu gegen das erbärmliche Raisonnement der Berliner anführen können. Ich will Ihnen dann auch noch persönlich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen und Ihnen vielleicht auch einige praktische Winke geben können, die zur Verwirklichung Ihrer „Forderung", an der die Zukunft des deutschen Judenthums hängt, etwas beitragen dürften. Ihr sehr verehrlicher Gesinnungsgenosse Dr. G. Klein." Non Nah und Fern. ---- Aus dem Wettbewerb um den ersten Michael Beer-Preis, der in einer Summe von 2250 Mark besteht, ist unter drei Bewerbern der von vielen Ausstellungen her bekannte Maler David Mos6 als Sieger hervorgegangen. Mos6, der Sohn eines Kunstlithographen, stammt aus Wien und hat auf der Münchener Akademie seine Studien gemacht. Auf der vorjährigen Kunstausstellung in München erhielt er für fein Bild „Begrabene Hoffnung" die kleine goldene Medaille. — Die nächste Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin, in welcher die Spezialdebatte über „Reformen im Religionsfchulwesen" stattfinden soll, wird erst Sonnabend den 12. März, Abends Sl/2 Uhr, in Wittners Restaurant, Königstr. 29, abgehalten werden. — Ahlwardt hat in Spandau eine arge Enttäuschung erlebt. In seiner Glanzperiode wurde er in Versammlungen, die er dort abhielt, von Tausenden empfangen, und den Gipfel seines „Ruhmes" erreichte er, als ihm unter frenetischem Jubel der Menge von dem Hauptmann a. D. Herter ein Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt wurde. In dieser Woche kam er wieder nach Spandau, um über Judenflinten, Zola und Dreyfus zu sprechen, natürlich gegen 30 Pfennige Eintrittsgeld. Aber nur sieben Zuhörer waren erschienen. Ahlwardt hielt es unter seiner Würde aufzutreten. — Am 24. v. M. feierte Kommerzienrath Marcus Hepner mit seiner Gattin zu Krotoschin das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Da Frau Kommerzienrath Evalina Hepner geb. Daniel Lachmann in Schubin geboren ist, so hat das Jubelpaar eine bedeutende Geldsumme an den dortigen Magistrat und den jüdischen Vorstand zur Bertheilung unter die Stadtarmen, ohne Unterschied der Konfession, eingesandt. — Rabb. Dr. S. Auerbach in Halberstadt hat unter allgemeiner Theilnahme seiner Gemeinde, seiner Schüler und zahlreichen Freunde das 25jährige Jubiläum seiner dortigen Amtswirksamkeit gefeiert. — Vom 3.-5. März fand an der Jakobson-Schule in Seesen (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des Herzog!. Regierungskommissars, Herrn Schulraths Prof. E>. Dr. Koldewey, Gymnasialdirektors aus Braunschweig, die Reifeprüfung statt. Sämmtliche 26 Schüler der ersten Klasse, die zugelassen waren, bestanden dieselbe. — In Hamburg wurde Herr Siegmund Hinrichssen mit großer Majorität wieder zum ersten Präsidenten der Bürgerschaft erwählt. Dieses Amt ist nächst dem Senat das höchste Ehrenamt, welches Hamburg zu vergeben hat und ist Herr S. Hinrichssen schon zu wiederholten Malen damit betraut worden. — Die „Goth. N. Nachr.", das Antisemiten- und Bündler- Organ Thüringens, hören zu erscheinen auf —Die Sitte, den Scheitel in der Mitte zu tragen, soll jüdischen oder judenchristlichen Ursprungs sein! In einer sehr gelehrten Arbeit über die Geschichte der Christusbilder aus der Feder des Berliner Professors der kirchlichen Archäologie Nikolaus Müller, die in dem gegenwärtig im Erscheinen begriffenen vierten Bande der „Protestantischen Encyklopädie" steht, macht dieser Gelehrte darauf aufmerksam. Nun müssen sich unsere antisemitischen Studenten diese ihre Lieblingsfrisur schleunigst abschaffen. — In Prag ist Dr. Julius Fischer aus Raab zum Prediger der Tempelgemeinde gewählt worden. — Der Nekrolog dieser Woche ist leider ein sehr großer: In Paris ist Simon Lazard, einer der Chefs des großen Bankhauses Lazard fröres in Paris und San Francisco im 69. Lebensjahre, in Neuilly Theodore Ullmann, der Vorsteher der dortigen Gemeinde, in Nancy der Artilleriehauptmann Leopold Franck in Folge eines unglücklichen Sturzes vom Pferde im 43. Lebensjahre, in Florenz Cav. Marco Treves, der älteste und einer der angesehensten Architekten der Stadt, in Livorno der Rabbiner Israel Costa, ein gelehrter Mann und begeisterter Patriot, in London Sylvester Samuel, ein einflußreicher Politiker und glaubenstreuer Jude und Leopold Beddington, ein angesehenes Mitglied der dortigen Gemeinde gestorben. — Der italienische Ministerrath übertrug dem Schatzminister Luzzatti interimistisch auch das Portefeuille der Posten und Telegraphen. — Als Stadtrabbiner von Riga für das Triennium 1898—1900 ist von dem Gouverneur von Livland der Kollegienrath Arzt Isidor Michelson bestätigt worden. — Das russische Ministerium des Innern hat entschieden, daß der Betrag der Koscherfleischtaxe von 80 000 Rubel in Jekaterinoslaw nicht für den Bau eines Mädchengymnafiumsdaselbst, sondern zur Errichtung eines jüdischen Hospitals zu verwenden sei. — Die Kommission zur Begründung eines Rabbinerseminars in Petersburg hat sich jetzt endgiltig konstituirt. — Der Kongreß der Kuräer in Eupatoria hat kürzlich stattgefunden und u. A. Herrn Dr. A. Harkavy in Petersburg mit der Abfassung einer Geschichte des Kuräerthums betraut. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.