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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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'-X».'i yyrgKfyfi 4 B. Budapest, 23. Februar. Der allgemeine Beifall, mit welchem das Abgeordnetenhaus die Vorlage des Gesetzentwurfes über die Ergänzung"des Einkommens der Seelsorger ausgenommen hat, mag dem Kultusminister Dr. I. Wlassies als Beweis dafür dienen, daß diese Angelegenheit, welche er der Lösung entgegenbringt, überall den lebhaftesten Sympathien begegnet. Die Nothwendigkeit, daß der Staat auch seinerseits dazu beitrage, daß den Seelsorgern aller Konfessionen ein standesgemäßes Existenzminimum gesichert werde, wur^ schon im Jahre 1848 durch die Legislative betont und von allen Kom" fessionen schon seit Jahrzehnten anerkannt. Die Vorlage, welche d^e Regelung dieser Frage bezweckt, trägt auch jenen freisinnigen Prinzipietz, die in den jüngsten kirchenpolitischen Gesetzen ihre Ausgestaltung fandeß, gebührend Rechnung. Es ist nun der erste Fall, daß eine Angelegenheit der Juden! Ungarns als einer Religionsgenossenschaft mit jener dsr anderen rezipirten Religionen gleichartig in einem und demselben Gesetze behandelt wird. Von den wichtigeren Verfügungen, welche die Rabbiner betreffen, wollen wir folgende hervorheben: Das Einkommen der bis zum 1. Januar 1898 bereits organisirten Rabbinerstellen wird zu Lasten der Staatskasse auf jährliche 1600 Kronen beziehungsweise 800 Kronen ergänzt. Anspruch auf eine Ergänzung seines Einkommens auf 1600 Kronen hat nur derjenige Rabbiner, der nachweist, daß er die theologischen Studien nach Absolvirung der 8 Klassen einer Mittelschule an einer theologischen Anstalt mindestens drei Jahre getrieben und daß er eine vorschriftsmäßige Rabbinerqualifikation erhalten hat. Das Einkommen desjenigen Rabbiners, der diese Qualifikation nicht aufweist, wird auf 800 Kronen ergänzt. Nach den heutigen Zuständen erstreckt sich der Gesetzentwurf auf 3867 Seelsorgerämter. Von diesen entfallen 303 (d. i. 7,8 pCt.) auf die jüdische Konfession. Zur Ergänzung des Einkommens der Rabbiner wären 251434 Kronen (d. i. 5,2 pCt.) der für alle Seelsorger erforderlichen Summe) nothwendig. Da jedoch von den ängestelllen Rabbinern kaum fünfzig die entsprechende Qualifikation zur Ergänzung auf 1600 Kronen besitzen, kann die Ergänzung des Einkommens bei diesen daher nur bis 800 Kronen erfolgen. Die Nothwendigkeit und das Maß der Ergänzungen wird auf Grund von Einbekenntnissen von zehn zu zehn Jahren festgestellt. Bezüglich dieser enthält der Entwurf genaue und, wie zugegeben werden muß, liberale Bestimmungen darüber, welche Einnahmen der Rabbiner angeben müßte, und welche Ausgaben er von diesen in Abzug bringen dürfe. — Die Mißstände an der Preßburger orthodoxen Rabbinerschule haben schon seit Jahren zu vielfachen Klagen Anlaß geboten. Auf Anregung des königlichen Schulinspektors Plachy in Preßburg wurden dem Unterrichtsministerium Vorschläge unterbreitet, die geeignet wären, den Uebelständen abzuhelfen. Ein schon vor drei Monaten herausgegebenes ministerielles Reskript bot nun Veranlassung dazu, daß seit Kurzem Vorträge über die ungarische Sprache und Litteratur, so auch die Geschichte Ungarns, gehalten werden. Diese sind aber nur für jene Hörer obligat, die fich der Rabbinerlaufbahn widmen. — Wir haben an dieser Stelle auf die traurigen jüdischen Schulverhältniffe in den Komitaten Märmaros, Bereg, Ung re. hingewiesen, wo ein verschwindend kleiner Bruchtheil der schulpflichtigen jüdischen Schulkinder die öffentliche Schule besucht. Das Komitee des jüdischen öffentlichen Schulfonds hat fich nun zur Aufgabe gemacht, in den genannten Komitaten öffentliche Schulen zu errichten, an denen der Religionsunterricht der Obfrage der Lokalrabbiner überlassen bleibt. Großbritannien. B. London, 25. Februar. Einen ungewöhnlich interessanten Verlauf nahm das Monatsmeeting der Anglo-Jewf sh-Association am 13. d. M. Der erste Punkt der Tagesordnung war die Antwort der Gesellschaft auf die Einladung, welche an den Chowawe Zion zu der zionistischen Konferenz vom 6. März ergangen war. Das ExekuLhy- Komitee schlug die folgende Resolution vor: „Da die Meinungen ützer den Zionismus so weit auseinandergehen, ist es für die Anglo-Jewifh- Association als Körperschaft nicht rathsam, an der Konferenz thslzunehmen". Zur Vertheidigung dieser Resolution führten die Hertzn Sir Philipp Magnus, F. D. Moeatta und der Vorsitzende Claüde G. Montefiore aus, daß die Arbeiten der Anglo-Jewish-Association gestört sein würden, wenn sie der Theilnahme am Zionismus verdächtig erschiene. Sowohl die Beziehungen mit der Alliance würden geschädigt werden, als ganz besonders die Verbindungen mit den fremden Mächten und dem englischen auswärtigen Amt, und auf letzteren beruhe gerade die Möglichkeit für die Anglo-Jewish-Association, zu Gunsten der auswärts verfolgten Juden thatkräftig einzugreifen. Wenn man daher auch nichtblind gegen die Bedeutung der zionistischen Frage sei, müsse die Anglo-Jewish-Association doch ablehnen, fich offiziell mit derselben zu beschäftigen. Obwohl Rev. Gaster, der sephardische Oberrabbiner, dieser Anschauung entgegentrat, wurde die Resolution doch mit großer Mehrheit angenommen. Dann folgte ein sehr interessanter Bericht des Exekutivkomitees über die einzelnen Schulen. Das Exekutivkomitee schlägt die folgenden Bewilligungen vor, die einstimmig angenommen werden : für die Schulen in Chio 400 Mark, in Crajewa 400 Mark, Mynesia 400 Mark, Philippopolos 400 Mark, Saloniki 3000 Mark. Von Nah und Fern. Der Kaiser hat dem Freiherrn Nathaniel «.Rothschild in Wien den Kronenorden erster Klasse verliehen. — Das städtische historische Museum in Frankfurt a. M. erhielt als Geschenk aus den Mitteln der Herren Charles Hallgarten, Leopold Sonnemann und Georg Speyer eine silberne „Sederschüssel". In dem kreisförmigen Mittelfeld ist im Brustschild David mit der Harfe dargestellt, umgeben von einer hebräischen Inschrift. Der breite Rand der Schüssel ist verziert mit sechs durch Festons verbundene Ovalmedaillons, welche die getriebenen, infchriftlich bezeichneten Brustbilder von Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Aron und Moses enthalten. Die äußerst dekorativ wirkende Arbeit ist im Stile Louis XVI. gehalten und gehört somit dem vorigen Jahrhundert an; sie ist sowohl ihrem materiellen Werthe nach — sie "wiegt allein fast sy2 Silber — wie nach ihrer technischen Ausführung eine hervorragende kunstgewerbliche Leistung des 18. Jahrhunderts. — Ein eigenartiger Prozeß wird demnächst in Mainz verhandelt werden. Der Möbelhändler Hahn, der längere Zeit Vorsitzender des antisemitischen Hieformvereins war, klagt gegen diesen auf Entschädigung, weil er durch seine antisemitische Thätigkeit in seinem Geschäft schwer geschädigt worden sei, und man ihm seinerzeit reichlichen Ersatz bei eventuellen Geschäftsschäden versprochen habe. Dieses Versprechen sei seitens des Vereins nicht gehalten worden, weshalb Hahn durch einen Rechtsanwalt Klage erhoben hat. - Der erst vor Kurzem zum Staatsanwalt ernannte Dr. Isidor Baumgarten in Budapest wurde zum Sektionsrathe im Justizministerium ernannt — Am Landes-Rabbiner-Seminar daselbst legten in der vorigen Woche fieben Hörer die Prüfung ab und erhalten morgen in feierlicher Entlassung das Rabbinats - Diplom. — Im kroatischen Landtage hielt der Abgeordnete Tuskan eine antisemitische Brandrede, in der er fich gegen Frank wendete, den er als Söldling der Alliance Israelite bezeichnete. — Aus Begeisterung für den französischen Märtyrer der Gerechtigkeit will der Szekelyhider Bürger Adolf Grünberg seinen Namen auf Adolf Zola ändern. — Der nächste Zionisten-Kongreß findet vom 27. bis 30. August d. I. wieder in Basel statt. — Alberti Franchetti, der auch in Deutschland bekannte Komponist der Opern „Asrael" und „Christoph Kolumbus", ein naher Verwandter des Hauses Rothschild, lebt mit seiner Gemahlin Margherita, geborene Levi, in unglücklicher Ehe. Da in Italien die Ehescheidung nicht eingeführt ist, so beschlossen die beiden Gatten, die Staatsangehörigkeit in einem Lande zu erwerben, wo die Ehescheidung besteht, und dann durch die Gerichte dieses Staates ihre Ehe trennen zu lassen. Sie ließen fich deshalb in München nieder, erwarben die baierische Staatsangehörigkeit und erwirkten sodann in Baiern ihre Ehescheidung. — Eine antisemitische Bereinigung in Paris, La Croisade frangaise, gegründet von dem ehemaligen Portier Donchere und der Marquise de Montesson mit der Aufgabe, den Antisemitismus in Frankreich zu verbreiten, fordert zu Zeichnungen auf. Sie giebt Antheilscheine aus, 500 Francs das Stück, und 10 000 Scheine, also fünf Millionen Francs, sollen das Grundkapital bilden, mit dem die Gesellschaft ihren neuen Kreuzzug gegen die Juden führen will. Wie viel Dumme werden fich finden? Bei der jetzigen Gemüthsverfaffung der Franzosen kann man für nichts einstehen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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