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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-02-15 · Heft 20 (15.2.1838) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 20 (15.2.1838)
Date
1838-02-15
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
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80 aber nicht dem Zusammenhänge und den Gründen nach erkannt, ist Alles, was er über den religiös-sittlichen Zustand dcr hiesigen Israeliten beibringt»; oberflächlich ist die Bcurtheilung ihres Benehmens gegen 'Herrn Dr. Pi n ner; oberflä chlich endlich ist die Ansicht, die er von den übrigen Städten unserer Provinz ausspricht. Daß s wir in wissenschaftlicher Hinsicht unseren Glaubensgenossen im übrigen Deutschland nicht nachstehen, hat er nun selbst eingeräumt. Daß dem hiesigen Vorstande die achtbarsten Mitglieder angehören, wer ist so frech, das zu leugnen? Gehören Männer wie Friedländer, Mannheimer, Michaelsohn, Berliner, Rosen Hain und Andere blos zu den Reichen und nicht auch zu den Würdigsten? Ferner bleibe ich bei meiner Behauptung, daß jetzt die Emancipationsfmge hier eben so viel Interesse, und die jüdisch-literarischen Erzeugnisse eben so viel Theilnahme als anderswo erregen. Diese erfreuliche Bemerkung finde ich durch Beobachtung und Umgang mit den gebildetsten Israeliten täglich mehr und mehr bestätigt. Daß Herr I. L. in seiner praktischen Stellung das Gegentheil will erfahren haben, ist Kar zu lächerlich. Ich räume ein, daß er in der Geschaftsftube seimeS Prinzipals mit der polnisch-jüdischen Handelswelt in engere Berührung kommt, als ich; aber ich muß es als höchst anmaßend zurückweisen, daß er die Gesinnung der königsberger Juden besser als ich erforscht zu haben vorgibt. Mit herzerhebender Freudehabe ick seit mehren Jahren die Umwandelung der Gemüther in dieser Beziehung kennen gelernt; hochgebildete Männer, die sonst gegen alles jüdische Interesse kalt waren, sind begeisterte Vertheidiger ihrer unterdrückten und verkannten Glaubensbrüder geworden. Für die Verbreitung der Lektüre unserer gewichtvollen .Schriftsteller unter den hiesigen Juden, die nicht, wie Herr I. L. praktisch falsch rechnet, aus 18, sondern höchstens aus 1300 Seelen oder 200.Familien besteht, sind vftle Privatleute und die wohllöbl. Ressource der Harmonie besorgt. ' : Unsere Religionsangelegcnheiten lassen allerdings noch ches zu wünschen übrig. Wem braucht man das zu sagen? WMf 'irrig ist es, die Schuld davon dem Mangel an Interesse, und nicht vielmehr dem traurigen Umstande beizulegen, daß wir keist? gesetzgebende Autorität besitzen, keine Macht, die das allgemein anerkannte Gute verwirklichen darf. Wahrend in anderen Staaten selbst solche Reformen von Oben her eingeführt werden, für welche die Gemeinden poch nicht reif sind, verbietet man uns selbst diejenigen Verbesserungen, gegen die sich höchstens eine sehr geringe Anzahl von Dunkelmännern auflehnt. So lange ein solch anarchischer Zustand vorherrscht, hat man sich selbst zu dem Wenigen Glück zu wünschen, das von den einsichtsvollen Vorstehern bewirkt wurde. In Berlin und Breslau geschieht durchaus nicht mehr, und Magdeburg hat feine Fortschritte mehr einem glücklichen Zufalle als der innern Nothwendigkeit zu verdanken. Von jener Anarchie giebt übrigens Herr I. L. selbst das auffallendste Beispiel, da man bei geordneteren Verhältnissen schwerlich Leuten dieser Art zu antworten brauchte. Das Betragen der Gemeinde gegen den Uebersetzer des Talmuds habe ich schon früher hinlänglich gerechtfertigt, ich mache nur auf den zweiten praktischen Rechnungsfehler aufmerksam, wodurch die Hälfte der Juden mit 50— 100 Christen verglichen wird; bei einem echt gelehrten Werke, wie die Talmudübersetzung, kommt nicht die ganze Masse in Betracht, sondern lediglich die „Wissenschaftsfreunde." Von der Unzulänglichkeit des letzren Punktes, die Angelegenheiten der Juden außerhalb Königsberg betreffend, kann ich füglich ganz schweigen, da Herr I. £ selbst ihn nicht weiter berührt hat. •) Diese Entgegnung ist der Redaction schon vor einiger Zeit zngekommen. Sie batte gewünscht, daß die Sache nunmehr auf sich beruhe. Zndeß rhut sie einem mehrfachen Wunsche gern Genüge. Uebrigens erweisen die neuesten Nachrichten aus Königsberg, besonders die vom 30. Jan., daß die dortige Gemeinde sehr elirerwoüe Schritte auf der Dahn deö Äuteu und Rechten thue, und bekennt dies die Red. hiermit mit freudigem Herzen. D. Red. Somit nehme ich den Vorwurf der Unwahrheit und der Oberflächlichkeit gegen Herrn I. L. nicht zurück. Beleidigen aber wollte ich ihn hiermit keineSweges, und hierin gar Persönlichkeiten zu erblicken, dessen wenigstens hielt ich seinen Verstand nicht fähig. Man kann der ehrlichste, redlichste Mensch von der Welt sein, und kann nicht desto weniger unrichtige, flache Urtheile fällen. Daß „bekannter Herr I. L." nicht statt berüchtigter (als ob er hier früher irgendwie bekannt geworden wäre) sondern statt unbekannter steht, so viel Scharfsinn hätte ich ihm eben so zugetraut, als ich von seiner Sagacität hoffe, daß er in demselben Satze „werden" statt reden, „den Herren" statt der Herren und weiter oben noch andere Druckfehler gefunden hat. Ob ihm aber einige gute Freunde beipflichteten, ist ganz gleichgiltig; so etwas gehört nicht vor die Oeffenttichkeit. Ich meinerseits erkenne in Sachen der Ueberzeugung keine andere Freundschaft an, als die der Wahrheit allein. Wollte auch ich von solchen Grschichtchen Gebrauch machen, so könnte ich erzählen, wie ein großer Theil der hiesigen gebildeten Juden, bei denen der Artikel in Nr. 48., ich wiederhole es, den gerechtesten Unwillen erregte, mich dringend bat, den unberufenen Verfasser desselben doch ja keiner Antwort zu würdigen, ein anderer aber, der Meinung war, daß ich ihn in meiner Erwiderung schonungslos behandeln möchte; wie ich jedoch Ursache hatte, keiner Partei Folge zu leisten; jener nicht, weil man ja auswärts nicht wissen konnte, daß jene mißbilligende Stimme die eines Predigers in der Geschäftsstube ist; dieser nicht, weil es mir nur um die Sache und nicht um die Person zu thun war, und ich außerdem bei dieser mindestens den guten Willen und die Bescheidenheit zu loben fand. Doch wen kümmern solche Privatneuigkeiten? Ich bedaure nur zu meinen früheren Vorwürfen diesmal noch den hinzufügen zu müssen, daß Herr I. L. in seiner Selbstverteidigung die Grenzen des Anstandes und der Bescheidenheit überschritten hat. Ihm gebührte mir gegenüber eine mildere Sprache; von mir mußte er wohlgemeinte Belehrungen um so lieber annehmen, da ich mir wol die nörhige Sachkenntniß zutrauen darf und ick in keinem Abhängigkeitsverhältnisse zu der Gemeinde überhaup und zu den einzelnen Mitgliedern derstkben insbesondere stehe sondern seit mehren Jahren hier mit meinen Studien beschäftigt hatte ich außerdem täglich Gelegenheit, den Entwickelungsgam der hiesigen Jüden kennen zu lernen. Der Ton, in welchem e gegen den hier fungirenden jüdischen Geistlichen spricht, klingt fü einen I. L. gar zu possirlich; die Kühnheit aber, mit der er de musterhaften jüdischen Hospitals erwähnt, das durch den Schu einer hochgebildeten Dame, der Frau eines unserer größten Aerztt zweckmäßig verwaltet wird, und die Verwegenheit, mit der er voi dem ehrwürdigen Institute der Krankenpflege und der Beerdi gungszunft spricht, daß durch wackere Männer trefflich geleite wird, diese Dreistigkeit näher zu bezeichnen, habe ich bis jetzt noc keinen passenden Ausdruck gefunden. Ehe ich scheide, gebe ich dem Herrn I. L. noch zu bedenken daß man sehr gut den Dativ vom Accusativ unterscheiden un allenfalls für die gewöhnliche Conversatron leidliche Ideen habe kann, und doch Gefahr läuft, sich durch Veröffentlichung derselbe lächerlich zu machen. Ich will gerne glauben, daß er nicht au Verlaumdungssucht, sondern lediglich aus Unwissenheit gesündigt aber wozu die Zahl der oberflächlichen Schwätzer noch vermehren wozu über einen Gegenstand mitsprechen, von dem man selber bi kennt, daß man ihm nicht gewachsen ist? wozu in einer Angeli genheit seine Stimme abgeben, in der auch der geringste Jrrthur vielen Schaden stiften kann? — Jndeß Herr I. L. verspricht sic zu bessern, indem er den löblichen Vorsatz faßt, nichts weiter ei wiehern zu wollen.. So ist denn also doch wenigstens Hoffnun vorhanden, daß er die ihm im Interesse der Wahrheit gegebene Zurechtweisungen endlich verstehen und zu Herzen nehmen wird. Dr. M. Freystadt. Redakteur; Dr. L. Philipps»«. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von 3» B. Hirschfeld.

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