Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 20 (15.2.1838)
- Date
- 1838-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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n. 3«n«»0. Allgemeine N». s«. Zeitung des Audenthums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit Kömgl. Sächsischer allergnä'digster Concession.) Leipzig, dm 15. Februar 1838. Zeitungsnachrichten. Lemberg, I. Febr. (Privatmitth.). Der segensreiche wohlthätige Einfluß, den der Geist der Zeit gegenwärtig auf unsere Mitbrüder israelitischen Glaubens, fast in allen Staaten Europas äußert, offenbart sich auch bei mehren in Galizien größtentheils in Finsterniß noch schmachtenden Glaubensgenossen, obgleich nur im geringen Grade. Und mit Recht können wir hoffen, daß der Kampf der finstern barbarischen Vorzeit mit dem gegenwärtigen, aufgeklärten, humanen Zeitalter werde sich, obgleich die Gegenpartei sehr mächtig ist und noch viele Anhänger zählt, doch zum Vortheile der Menschheit endigen. Denn die gute Sache muß trotz allen Hemmungen triumphiren, und die Wahrheit wird endlich die verstockten Herzen erleuchten, und die Lüge und den Trug verscheuchen. Freilich gibt es bei uns noch sehr wenige vom Geiste der wahren Bildung und Humanität durch-- drungene, wissenschaftlich gelehrte Männer, die durch ihre Ansichten, Lehren und Beispiele Segen nnd Heil den übrigen Mitbrüdern spenden könnten; die jüdische Wissenschaft ist bei uns noch eine zarte tropische Pflanze, die nur hie und da wie in Treibhäusern gezogen wird. Zweckmäßig eingerichtete Schulen für die Ausbildung des Geistes und Herzens unserer jungen Generation sind unserem Lande noch fremd, wir haben nur Eine eigentliche jüdische Schule in Tarnopol, von der ich nächstens eine Nachricht ihrem Blatte mittheilen will. Die Reformen der Synagoge bleiben bei uns gänzlich unbeachtet, indem alles aufkeimende Neue von unserer fanatischen Sekte, von den Chasidim (von dieser Sekte will'ich später ausführlicher sprechen), die einen unvertilgbaren Haß jedem Fortschreiten der Cultur geschworen haben, mit einer besondern Wuth ausgerottet und vertilgt wird. Dennoch nimmt bei uns allmälig immer mehr die Anzahl der erleuchteten Männer aus dem Mittelstände zu, und bei Manchen erwacht schon das Bewußtsein der Menschenwürde, der Sinn für das Wahre und Rechte, die Vaterlandsliebe, aus dem Schlummer, und das Streben, den physischen und intellectuellen Zustand zu verbessern,, wächst. — Ja, der Reiz der bessern Sache wird gewiß sein, wenn unsere weise Regierung, die von dem Geiste der Zeit und der Humanität in allem Thun beseelt ist, ebenfalls eine größere Thätigkeit zur Beförderung des Wohles der jüdischen Unterthanen zeigen wird, wie es fid) mit Bestimmtheit Nachweisen laßt. Aber die in ihrer Frömmelei Versunkenen, ohne selbst gründliche talmudische Kenntnisse zu besitzen, ohne Studium der hebräischem Literatur, stellen sich an die Spitze, als Vertheidiger der Orthodoxie, bestreben sich den hartnäckigen verderblichen Fanatismus, den . verwahrlosten, für jedes Zeitgemäße unempfänglichen Geist, die unerschütterliche Halsstarrigkeit gegen bessere Gesinnungen und heilige Gefühle, in ihrer Gemeinde anzufachen, zu erhalten, und jeden zeitgemäßen Fortschritt, jedes heilsame Neue auszurotten, oder durch Bannflüche zu vertilgen. Ein Gefühl der. Freude durchströmte daher jeden Gutdenkendett bei der Nachricht, daß der gebildete, vielseitig Gelehrte S alomoJudaRapoport, der durch seine gründlichen, herrlichen Schriften Einen einnimmt, zum Kreisrabbinen von Tarnopol gewählt wurde. Dieser Umstand ist schon deswegen für uns wichtig, indem dadurch die Schranken der Vorurtheile eingerissen werden, die bis jetzt manchen würdigen Mann, blos aus dieser Ursache, weil er außer den talmudischen noch andere nützliche Wissenschaften besaß, und hinlänglich gebildet und gelehrt war, von jeder Wirksamkeit abgehalten haben. Wir erwarten aber auch mit Recht, daß Herr Rapoport mit seinen ausgezeichneten Kenntnissen, mit seinem heiligen Eifer für das Bessere, den Keim des Edlen, Guten und Wahren unter Israel zu herrlichem Gedeihen bringen,- die Entwickelung des Geistes und religiösen Gefühls stärken, und vieles Gute zum Wohle seiner in dieser Hinsicht glücklichen Gemeinde und des ganzen galkzischen Judenthums befördern wird. Gott verleihe ihm Segen, Muth und Kraft, seinem jetzigen Berufe würdig vorzustehen, seine verwahrlosten Glaubensgenossen erleuchten, ihnen den schönen Pfad der Vollkommenheit und wahren Tugend zeigen, und eine bessere Zukunft eröffnen zu können. Odessa, 6. Jan. Der Reichsrath hat in Betreff der Judencolonien unter Anderem als Gutachten festgesetzt: „Alle im cherson'schen Gouvernement befindlichen Juden-Colonien, namentlich a) Sejdeminucha, b) Bobrowyj Kut, c) Groß- Nagartow, d) Jefengar, e) Kamjanka, f) Jslutschistaja, g) Jngulez und b) Jsrailewka, sollen fortan unter der dortigen Gouvernements-Obrigkeit und dem General-Gouverneur von Neurußland und Bessarabien, als den obersten Chefs jene- Bezirks, stehen. Zur unmittelbaren Beaufsichtigung sowol der obengenannten bereits bestehenden, als auch der noch künftig mit Unterstützung der Regierung auf Kronlandereien im cherson'schen und andern neu-russischen Gouvernements zu gründenden Colonien, werden verabschiedete, oder auf unbestimmten Urlaub entlassene Unteroffiziere von guter Aufführung als Aufseher angestellt. Die Ober- Aufsicht über diese, so wie über alle Juden-Colonien im cherson'schen Gouvernement wird einem Dirigirenden übertragen,