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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-25 · Heft 8 (25.2.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 lehnte der christlich - soziale Dr. Pattai anläßlich einer Ehebruchsverhandlung den Vorsitz des jüdischen Richters Dr. Pick ab, was selbstverständlich nicht gestattet wurde, und so mußten sich die beschuldigten arischen Gatten dem Urtheilsspruche des jüdischen Richters unterwerfen. — Daß es noch humane Priester giebt, hat der Bischof von Waitzen, Konstantin Schuster bewiesen, der dem Waitzener Krankenhause und dem Waitzener Waisenhaufe, denen er bereits 180000 fl. zugewendet, neuerdings 40 000 fl. geschenkt unter der Bedingung, daß die Kranken und die Waisen in diese beiden Institute ohne Rücksicht auf ihre Konfession ausgenommen werden. — Dem Polizeirathe Bernhard Frankel wurde der Titel eines Regierungsrathes verliehen. B. Budapest, 15. Februar. Der vor zwei Jahren verstorbene Fabrikant Adolf Machlup hat unter anderem einen Betrag von 400 000 Kronen für einen wohlthätigen Zweck hinterlassen. Die Testamentsvollstrecker haben bekanntlich beschlossen, dieses Kapital dem ungarländischen Verein vom Rothen Kreuze behufs Errichtung eines Genesungsheims zu überlassen. In der letzten Sitzung wurde der Antrag verhandelt. Geheimrath Graf Csekonies würdigte in schwungvollen Worten den Wohlthätigkeitssinn des Erblassers, worauf nach der Genehmigung der Stiftungsurkunde Kardinal Dr. Schlauch mit seinerbekannten Eloquenz das erhebende Moment dieser Stiftung betonte und den Antrag stellte, daß in dem Genesungsheim auch die Namen der Testamentsvollstrecker, die, gleichwie der Erblasser, der jüdischen Religion angehören, verewigt werden sollen. Der Pester Kultusgemeinde wurde das Recht gesichert, ein Viertheil der im Heim unterzubringenden Personen vorzuschlagen. — Eine Kandidatenrede, wie man sie heutzutage selten aus dem Munde eines katholischen Priesters zu hören bekommt, hat der Graner Domherr Stephan Rossival in Warin gehalten. In seiner Rede erklärte der Kandidat, der gegen einen der antisemitischen Bolkspartei angehörenden Kandidaten auf Wunsch des Fürstprimas von Ungarn auftrat, daß er für die Herstellung des konfessionellen Friedens sei und unter Berufung auf seine geistliche Würde und seine Anhänglichkeit für die katholische Religion seine Achtung gegenüber anderen Religionen und sein Ziel, die Pflege der konfessionellen Toleranz, besonders hervorhob. — Ein interessanter Preßprozeß kommt in kurzer Zeit zur Austragung. Ein Advokaturskandidat trat vor einem kroatischen Geistlichen zum Christen thum über. Ein Eszegger Blatt brachte darüber einen Artikel, in dem hervorgehoben wurde, daß der katholische Seelsorger den jungen Mann mit den.Worten entließ: „Sie können sich glücklich preisen, daß Sie eine Religion verlassen haben, die keinen Gott kennt." Rabbiner Dr. Kaufmann in Birovitza schrieb zur selben Zeit in einem Wiener Blatte einen Artikel über diese Aeußerung. Der Geistliche strengte nun gegen das Eszegger Blatt und den Rabbiner Kaufmann wegen Ehrenbeleidigung einen Preßprozeß an. — Frau Baronin Hirsch gedenkt ihrer menschenfreundlichen Thätigkeit, die sie in Ungarn entfaltet, eine andere Richtung zu geben. In ihrem Aufträge wurden die Vorarbeiten besorgt, wie die Aktion stabilistrt werden könnte. Es wird geplant, Kaufleuten und Gewerbetreibenden, die ohne ihr Verschulden zu Grunde gingen, zinslose Darlehen zu gewähren, die in zwanglosen Theilzahlungen dem Fonds zurückgezahlt werden sollen. — In Fünfkirchen sollten anläßlich der Einführungsfeier des Bischofs Hetyey die Konfessionen ihre Aufwartung machen. Die Abordnungen der reformirten, evangelischen und jüdischen Gemeinden erschienen aber nicht, da man diesen unter 29 Abordnungen die 13. und 14. Stelle zuwies, was die Gemeinden, als mit ihrem Ansehen nicht vereinbar; ablehnten. — Dem Großhändler Emil Ullmann de Baranyavar wurde der Titel eines königlichen Rathes verliehen. Amerika. C. H. New-York. Mitte Februar. Am 23. Januar wurde die Generalversammlung der Mitglieder des hiesigen Mount Sinais Hospitals abgehalten. Das Hospital, welches etwa 220 Betten faßt, behandelte im abgelaufenen Jahre 2996 Kranke, wenig mehr als die Hälfte der Hilfesuchenden. Bon diesen waren 65pCt. in unentgeltlicher Pflege. In der mit dem Hospital verbundenen Poliklinik wurden nahezu IM 000 Patienten behandelt. Außerdem wurden Krankenpflegerinnen in Häuser geschickt, wenn der Belagraum des Hospitals die Aufnahme schwerkranker Applikanten nicht zuließ. Die Einnahnlen des bgelaufenen Jahres betrugen 120000 Dollars. Der Bau eines neuen Hospitals ist eine dringende Nothwendigkeit und wird sich nicht mehr lange ausschieben lassen. — Am 26. Januar starb in Cincinnati James Brown. Er war 1834 in Schlesien geboren, war während einer Legislaturperiode Mitglied des Senates im Staate Ohio und zur Zeit seines Todes im Kuratorium der Universität Cincinnati. Er war einer unserer tüchtigsten und besten Männer. — Jacob H. Schiff hat der öffentlichen Bibliothek in New-Iork 10 000 Dollars für eine semitische Abtheilung gespendet. Salomon Loeb läßt ein Haus für die Wohlthätigkeitsgesellschaft für den Betrag von 150 000 Dollars errichten. Von Nah und Fern. ---- Generaldirektor Isidor Löwe (Ludwig Löwe u. Co., A.-G.) ist zum königlichen Kommerzienrath ernannt worden. — Dr. Otto Köbner, Sohn des Geh. Raths Professor Dr. H. Köbner, ist zum Hilfsarbeiter im Marine-Ministerium ernannt worden. — Die Antisemiten haben ihrer Presse zufolge 78 Reichstags-Kandidaturen aufgestellt. Davon sind 17 Kandidaturen in jetzt konservativ vertretenen Wahlkreisen aufgestellt worden. — Wie ausländische Blätter berichten, haben die Rabbiner Zadoe-Kahn-Paris, Hildesheimer-Berlin, Hirsch- Hamburg, H orovitz-Frankfurt, Ehrenreich-Rom undGüdemann- Wien ein hebräisches Warnungsschreiben gegen den Mädchenhandel erlassen. Der Brief ist an alle Rabbiner und Rabbinatsverweser in Galizien, Rumänien und Rußland gerichtet, denen zur Pflicht gemacht wird, doch alle Eltern darauf aufmerksam zu machen, daß sie ihre Töchter nicht Leuten zweifelhaften Rufes anvertrauen, die sie durch Versprechungen von lukrativen Dienststellen an sich locken, um sie dann zu unsittlichen Zwecken nach Amerika oder Afrika zu transportiren. In dem Schreiben wird der Adressat aufgefordert, Jeden, der sich mit Mädchenhandel beschäftigt, aus der Gemeinde zu stoßen, und schließlich die Zuversicht ausgesprochen, daß es auf diese Art gelingen werde, das Uebel auszurotten. — Das Lehrerseminar in Hannover hat durch den kürzlich erfolgten Tod des Lehrers L. H. Sommer einen schmerzlichen Verlust erlitten. — In Posen hat der Vorstand der Anwaltskammer zum Vorsitzenden den Geheimen Justizrath Orgler und zum stellvertretenden Schriftführer Justizrath Salomon gewählt. — Die bekannte schlesische Dichterin Friederike Kempner auf Friederikenhof bei Namslau hat die Centenarmedaille erhalten. — Bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen, die am 15. Februar stattfanden, behaupteten die Antisemiten lediglich das von ihnen innegehabte Mandat. Sie hatten im Ganzen 24 Kandidaten aufgestellt. — Der Israelitische Unterstützungs- Verein in Wiesbaden versendet seinen 27. Jahresbericht. Die Einnahmen sind von 12105,65 Mark im Jahre 1896 auf 13 990,23 Mark, die Ausgaben von 10291,69 Mark auf 13571,06 Mark (davon an 1035 durchreisende Fremde und auswärtige Kurgäste 2337,10 Mark) gestiegen. Das Vereins-Vermögen beträgt 23490,90 Mark. — Der Oberprimaner Kurth Wolfs aus Gelsenkirchen erhielt für vorzügliche Leistungen das vom Kaiser gestiftete Werk: „Deutschlands Seemacht". — Seitens der protestantischen Geistlichkeit in S ch w ab a ch ist Beschwerde darüber geführt, daß beim Tode eines Israeliten in Schwabach die Musik vom Thurmeder protestantischen Stadtpfarrkirche herab geblasen hat; gleichzeitig wurde der Magistrat ersucht, in Zukunft einen derartigen Aergerniß erregenden Akt zu verhüten. Das Schwabacher Magistratskollegium hat die Beschwerde noch nicht beschieden, sondern beschlossen, vorerst Erkundigung über das Eigenthumsrecht am Thurm einzuziehen. — In Federieia ist der Kommerzienrath H. L. Hirsch, ein frommer, wohlthätiger und allgemein beliebter Mann, im 78. Lebensjahre gestorben. — Alfred Eichholz, Lektor am Emanuel College in London, ist zum königlichen Schulinspektor ernannt worden. Derselbe ist ein Schwiegersohn des Chief Rabbi. — S. Schechter ist von der Universität in Cambridge zum Doktor der Litteratur honoris causa ernannt worden. — In Nizza sind der englische Maler Isidor S. Donn und die amerikanische Schriftstellerin Dora Hort gestorben. — In Bombay ist S. M. Moses einstimmig zum Präsidenten der dortigen Bank erwählt worden. Druck und Verlag von Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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