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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-18 · Heft 7 (18.2.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 und energischer Mann, besaß hebräisches Wissen, huldigte dem Fortschritt, und was wir besonders hervorheben müssen, er war ein Jude im vollen Sinne des Wortes, dem das Wohl und Weh seiner schwergeprüften Glaubensbrüder sehr am Herzen lag. Was er wurde, hatte er sich selbst und seiner hohen Intelligenz zu verdanken. Er bekleidete hier in der jüdischen Gemeinde viele Ehrenämter; er war Vorsitzender im Kuratorium der „Talmud-Thora", Vorsteher der Synagoge in der Puschkinstraße, Vorsteher der „Chewrah-Kadischah", Verwaltungsrath des Komitees der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" und Ehrenmitglied mehrerer wohlthätiger Anstalten. An dem Leichenbegängniß betheiligten sich Tausende von Menschen. Im Trauerhaufe sprach sein Freund und Kollege Rechtsanwalt Pitkiß und schilderte in trefflicher Weise den Lebensgang des Verklärten. Alle Anstalten, in denen er viele Jahre hindurch wirkte, waren vertreten und widmeten demselben Kränze. Auf dem alten Friedhof, an der Seite seiner ihm vorangegangenen Gattin, wurde er beigesetzt. Oberkantor Minkowsky mit dem Chore intonirten die Trauergesänge und brachten das „El Molo Rachmim" in ergreifender Weise zum Vortrage. Wir persönlich beklagen schmerzlich den viel zu frühen Heimgang des trefflichen Mannes, mit dem uns eine fünfundzwanzigjährige Freundschaft verband. Wir schätzten in ihm den unabhängigen, geraden Charakter, den scharfen Verstand, der ihn auszeichnete, sein fortwährendes Streben, sein Wissen zu bereichern, und ganz besonders den treuen Sohn seines Volkes. In seinem Testamente bekundete er jenen Geist der Liebe für das Wohl seiner, armen Glaubensbrüder, denen er Zeit seines Lebens ein eifriger Beschützer war. Er vermachte für hiesige wohlthätige Anstalten einen Betrag von fünfundzwanzigtausend Rubeln, welche in der Reichsbank für ewige Zeiten deponirt bleiben, und zwar: 1. Dem jüdischen Hospital 4000 Rubel; die Zinsen davon find für einen kranken Juden bestimmt. 2. Dem jüdischen Waisenhause 3000 Rubel; die Zinsen davon für einen Knaben mit Bevorzugung einer elternlosen Waise auf der landwirthschaftlichen Farm. 3. Dem jüdischen Greisenasyl 3000 Rubel zur Erhaltung eines Greises. 4. Der jüdischen Handwerkerschule „Trud" 3000 Rubel für eine elternlose Waise. 5. Der Gemeindeschule „Talmud-Thora" 6000 Rubel; , die Zinsen davon an Schüler, die diese Schule beendigt haben, und die in eine Mittellehranstalt eintreten werden, ebenfalls für elternlose Waisen. 6. Dem hiesigen Komitee zur „Verbreitung der Bildung unter den Juden . in Rußland" 4000 Rubel; die Zinsen davon als Stipendium für einen.« jüdischen Studenten der Universität. 7. Dem hiesigen jüdischen Wöch-' nerinverein 2000 Rubel; die Zinsen hiervon an arme Wöchnerinnen. Sollte eine dieser Anstalten reorganistrt oder gänzlich geschlossen werden, so ' übergeht das Kapital nebst Zinsen an eine andere, dieser ähnlichen und entsprechenden jüdischen Anstalt; sollte aber statt der aufgelösten wohlthätigen Anstalt eine gleiche nicht eröffnet werden, so übergeht das Kapital nebst Zinsen der geschlossenen Anstalt an eine andere jüdische wohl- , thätige Anstalt, laut Beschluß der Verwaltung der aufgelösten Anstalt., Aus diesem Testamente erfahren wir, daß der Verklärte alles reiflich^ überlegt hat. Sein Gedächtniß wird für immer gesegnet bleiben! Friede' seiner Asche! Von Nah und Fern. -- Der König von Italien hat Herrn Dr. A. Berliner, hier, das' Großkreuz des Kronenordens in Anerkennung der Forschungen verliehen, die der vortreffliche Gelehrte speziell über die Geschichte der. Juden in Rom veröffentlicht hat. — Professor Dr. Georg Galland/ Dozent an der technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, ist von der, Historischen Gesellschaft zu Utrecht zum Ehrenmitglied ernannt worden. Der Maler Max Liebermann ist zum Mitglied der Akademie der Künsten ernannt worden. Außerdem hat der gefeierte Künstler den Titel „Professor" und vom König von Schweden das Ritterkreuz des Nord-, stern-Ordens erhalten. — Dr. Joseph Löwenthal, der vor Jahren, im öffentlichen Leben Berlins vielfach hervortrat, ist im 57. Lebensjahre gestorben. Er war einige Jahre hindurch Vorsitzender des Fortschrittlichen Vereins vor dem Halleschen Thore. Löwenthal war ursprünglich Redakteur und Schriftsteller. — Der Geheime Kommerzienrath Albert Hahn, Inhaber der Firma Albert Hahn, Röhrenwalzwerk, ist im Alter von 74 Jahren gestorben. — Weshalb Emile Zola sich so energisch für Dreyfus ins Zeug legt, dafür hat „Freideutschland" (am 10. Hornung- ' Feb.) die unwiderleglichsten Beweise. Das Antisemitenblatt schreibt, Zola und sein Vertheidiger Labori seien Italiener, „Beide vermuthlich mit einem Zusatz von Judenblut". Nun weiß es alle Welt. Unsere Antisemiten sind doch findige Leute! Die französischen Kollegen Leisten dagegen wirklich nichts Besonderes. Höchstens dichten sie dem Bertheidiger, dem Generalstaatsanwalt und wer weiß, wem noch — jüdische Frauen an. Labori hat am Montag diese Nachricht dementirt. — Geheimer Regierungsrath Dr. Pieck, Mitglied der Gisenbahnverwaltung in Altona, hat den »ussischen Stanislausorden II. Klasse erhalten. — Die Thäter, welche in der Nacht vom 15. zum 16. November v. I. in der israelitischen Schule in Gelsenkirchen eine furchtbare Zerstörungswuth bethätigt hatten (flehe Ztg. d. I. vom 26. November v. I), sind verhaftet worden. — In Saargemünd ist der Rabbiner Samuel Bern he im, der dort seit 1833 amtirte, gestorben. — Der „Metzer Zeitung" zufolge sollen sämmtliche bisher in den südlichen und östlichen französischen Grenzdepartements in Garnison gelegenen Offiziere israelitischer, insbesondere elsaß-lothringischer Herkunft ins Innere und nach dem Süden Frankreichs versetzt worden sein. Die Maßregel wird auf die Affäre Dreyfus zurückgeführt. — Bon der deutsch-französischen Grenze werden Exzesse gegen die Juden gemeldet. In Giromagny bei Belfort zog in der Nachts von Sonntag auf Montag eine größere Menschenmenge unter Toben und Schreien durch die Straßen und plünderte Kaufläden, deren Besitzer Juden waren. — Das Urtheil des Pariser Zuchtpolizeigerichts (Strafkammer) in der Berleumdungsklage des Deputirten Joseph Reinach gegen Rochefort lautet auf fünf Tage Gefängniß und 1000 Francs Geldstrafe sowie auf 2000 Francs Entschädigung wegen Verleumdung. Veranlassung zu dem Prozeß war, daß Rochefort den Deputirten Reinach beschuldigt hatte, er habe ein gegen Esterhazy gerichtetes Dokument gefälscht oder fälschen lassen; dieses Dokument sollte angeblich dazu dienen, im Prozeß Esterhazy als Belastungsmaterial Verwendung zu finden. — Aus Warschau wird telegraphirt: Ein entsetzlicher Unglücksfall wird aus Zdzienciol (Gouvernement Grodno) gemeldet. .-In der dortigen Synagoge wurde gestern bei überaus starker Betheiligung eine Gedächtnißfeier für den verstorbenen Rabbiner abgehalten. Der überfüllte hölzerne FrauenchA stürzte plötzlich ein. Es entstand eine große Panik, und Alles drängte nach dem Ausgang. Hierbei wurden zwölf Frauen, fünf Männer und drei Kinder zu Tode erdrückt, während viele Männer und Frauen schwer oder leicht verletzt wurden. Die Synagoge wurde bis auf Weiteres von der Polizei geschlossen. — Das Komitee für die Anlage einer Wasserleitung in Jerusalem hat sich aufgelöst. Die türkischen Autoritäten in Konstantinopel sind nämlich nicht zu bewegen, den nöthigen Ferman, den der Sultan selbst schon versprochen hat, herauszugeben. — Die Anglo Jewish Association versendet einen Aufruf über die entsetzliche Hungersnoth unter den Juden Marokkos: „Von den Vorständen der jüdischen Gemeinden in Marokko und Tanger sind uns schreckliche Nachrichten über die Hungersnoth in der erstgenannten Stadt zugegangen. Die Stadt Marokko zählt ungefähr 12 000 Juden, von denen der größte Theil seit langer Zeit infolge der schlechten Ernten und Geschäftsverhältnisse der letzten vier Jahre halb verhungert ist. Die wenn auch wenigen wohlhabenden Mitglieder der Gemeinde haben dem Uebel widerstehen können, allein infolge der Einwanderung vieler Tausender armer Juden aus den benachbarten Orten, wo man sie brandschatzte und ruinirte, hat sich die Situation verschlimmert. Diese Unglücklichen kampiren jetzt mit Weib und Kind in der Stadt Marokko unter freiem Himmel." — Die leider immer noch steigende Wuth der Pest hat die Notabilitäten der jüdischen Gemeinde zu Bombay veranlaßt,, eine Versammlung einzuberufen, um ein eigenes Pestspital in das Leben zu rufen. Eine Kommission wurde mit der Aufgabe betraut, die nöthigen Schritte chu thun, während eine zweite die dringend erforderlichen Sammlungen dort und in London ins Leben rufen sollt Dr. W. M. Hcuffkin hat mit seinem Pestserum, das zwar auch nicht unfehlbar ist, doch die glänzendsten Erfolge erreicht. Sechs Jmpfstationen sind von der Stadtgemeinde Bombay errichtet, aber leider ist das Vorurtheil der Eingeborenen einer weiteren Ausbreitung der Impfung noch hinderlich. Druck und Verlag von Rudotf Masse in Berlin. .Verantwortlich für die Redaktion: M ax Bauch Witz in Berlin. . .

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