Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Geisteskranken eine Art von Heiligen verehrt, macht sich der Jtidei, dort über ihn lustig. Er ist ihm eine unnatürliche Erscheinung, denn er hat für eine geistige Abnormität gar kein Verständniß und meint auch, daß Jener den Spott gar nicht empfindet. Etwas von dieser veralteten und unberechtigten Anschauungsweise ist vielleicht noch heute in der mangelnden Fürsorge für jene doppelt Unglücklichen zurückgeblieben. Hier muß Wandel geschaffen werden. Alle Diejenigen, welche im praktischen Leben stehen, werden uns zugeben, daß hier ein Bedürfuiß vorliegt, welches unbedingt befriedigt werden muß. Wir erhalten regelmäßig Briefe und Anfragen von Rabbinern und Lehrern, von Eltern und Erziehern, was sie mit geistig zurückgebliebenen Kindern oder mit nervenkranken Personen in ihrer Gemeinde anfaugen sollen? Wir sind leider niemals der Lage, einen befriedigenden Bescheid geben zu können. Es giebt wohl verschiedene Anstalten in Deutschland, welche sich diesem Zweck widmen, aber diese stehen fast durchweg auf konfessionellem Standpunkt, d. h. sie sind entweder ausschließlich katholisch oder ausschließlich protestantisch; nnd wenn auch einzelne von ihnen Juden in beschränkter Zahl aufnehmen, so geschieht das selbstverständlich nur unter der bestimmten Voraussetzung, daß diese auch christlich erzogen werden. Dem wollen sich aber viele Eltern und Erzieher ebenso selbstverständlich nicht fügen. Gerade die Behandlung solcher Individuen ist eine sehr heikle, und die Empfindungen und Anschauungen derselben müffen besonders geschont und niit großem pädagogischen Takt behandelt werden. Es giebt Regionen des Nervenlebens, die so empfindlich sind, daß die leiseste Berührung den größten Schaden für alle Organe herbeiführen könnte. Gerade bei geistig Zurückgebliebenen und bei Nervenkranken muß das religiöse Moment besonders zart und vorsichtig behandelt werden. In diesem Umstande ist also die Frage nach dem Bedürfniß und der Nothwendigkeit einer derartigen Institution, wie wir sie eben geschildert, fest begründet, und kein Einsichtiger wird hier die Behauptung au^ustellcn wagen, daß es sich um einen neuen Versuch zur Separation handelt. Wir sind die Letzten, die eine Exklusivität befürworten möchten, wo dieselbe nicht unbedingt nöthig ist. Aber hier ist ein solches Gebiet, und wir möchten daher alle Diejenigen, welche, sei es zum Andenken theurer Verstorbener, sei es aus allgemeiner Menschenliebe, größere Stiftungen zur Abhilfe von Noth und Elend zu schaffen beabsichtigen, auf dieses Gebiet mit allem Nachdruck Hinweisen. Die Woche. f Berlin, 1. Februar. ie Parteien sind jetzt alle mit der Ausstellung der Kandidaturen zu den kommenden Wahlen beschäftigt, und auch wir Juden werden gut daran thun, uns diese Dinge einmal näher zu betrachten, um uns ein Bild zu machen, wie weit die antisemitische Partei bei dieser Wahl mit Aufstellung von Kandidaten vorgeht. Nachstehend geben wir ein Verzeichniß der betreffenden Wahlkreise und der Namen der darin aufgestellten antisemitischen Kandidaten; in Parenthese fügen wir die Bezeichnung derjenigen Partei ein, welche den Wahlkreis gegenwärtig in Besitz hat. Thorn-Kulm-Briesen (Pole) Benfemer. Schlochau-Flatow (Konserv.) v. Mosch. Westpriegnitz (Freist Bolksp.) Wohlfarth. Ruppin-Templin (Freif. Volksp.) Schückerk. Polsdam-Osthavelland (Konserv.) Pauly. Teltow-Beeskow-Storkow (Soziald.) Fröhlich. Arnswalde-Friedeberg (Antis.) Ahlwardt. Landsberg-Soldin (Freist Ber.) Dr. Hampke. Königsberg in der Neumark (Konserv.) Beck. Ueckermünde-Usedom-Wollin (Freist Ber.) Schröder. Stettin (Soziald.) v. Mosch. Belgard-Schievelbein (Konserv.) Sedlatzek und Rene. Neustettin (Antisem.) Prof. Förster und Dr. Ascherdorf. Oels-Wartenberg (Reichsp.) Jenzen. Breslau Ost (Soziald.) Schulz. Breslau West (Soziald.) Liebermann. Landeshut-Jauer (Freist Bolksp.) Müller. Magdeburg (Soziald.) Lindström. Aschersleben-Kalbe (Nationallib.) Strumpf. Oschersleben-Halberstadt (Nationallib.) Schumann. Nordhausen (Freis. Volksp.) Liebermann. Apenrade-Flensburg (Nationallib.) Raab. Schleswig-Eckernförde (Freist Ver.) Graf Reventlow. Pinneberg-Segeberg (Soziald.) Herrmann Eyler. Lkuenburg (Reichsp.) Schack. Hannover (Soziald.) Lindström. Hameln (Nationallib.) Holzgreoe. Göttingen (Welfe) Bode. Goslar (Reichsp.) Lindström. Harburg <Reichsp.) Hottendorf. Hagen (Freist Volksp.) Ahlwardt. Rinteln (Antis.) Vielhaben. Kassel (Konserv.) Schack. Fritzlar-Homberg (Antis.) Liebermann. Eschwege (Antis.) Jskraut. Marburg (Antisem.) Wiegand. Hersfeld (Antis.) Werner. Frankfurt am Main (Soziald.) Hetteler. Bautzen (Antis.) Klemm. Dresden rechts der Elbe (Antis.) Hartwig. Dresden links der Elbe (Antis.) Zimmermann. Dresden Land (Soziald.) Lieber, Meißen (Antis.) Lotze. Pirna Friedberg-Büdingen (Nationallib.) Leopard. Gießen (Antis.) Köhler. Alsfeld-Lauterbach (Antis.) Bindewald. Darmstadt-Groß Gerau (Nationallib.) Bormert. Bensheim-Erbach (Antis.) Hirschel. Bingen-Alzey (Freist Volksp.) Wolf. Eisenach (Freist Bolksp.) Schräder. Meiningen (Nationallib.) Kurzhals. Waldeck (Antis.) Müller. Endlich hat auch noch die christlich-soziale Partei einige Kandidaten aufgestellt, nämlich: Halle-Herford (Nationallib.) Stöcker. Wittgenstein-Siegen-Biedenkopf (Nationallib.) Stöcker. Dillkreis (Nationallib.) v. Oertzen. Wetzlar-Altenkirchen (Nationallib.) Bading. Reuß ältere Linie (Soziald.) Wagner. Noch ist die Aufstellung der antisemitischen Kandidaturen nicht beendet; zu den bisherigen 58 werden sicher noch eine große Anzahl hinzukommen, so daß wir bei der diesmaligen Wahl wohl' mit 100 Kandidaturen werden zu rechnen haben. Sind auch viele derselben nur Zählkandidaturen, so ist doch bei der Zersplitterung unseres Parteiwesens eine große Anzahl sehr ernst und verlangt große Aufmerksamkeit und energische Bekämpfung. * Alle Welt spricht noch immer über Frankreich und die Vorgänge der letzten Wochen, durch die die boulangistische Allianz von Weihwedel und Säbel unverhüllt hervorgetreten ist. Selbst die katholischen Blätter in Deutschland sprechen sich entschieden gegen