Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Gestrrrrtch-Ungarn. O Wien, 17. Januar. Am 15. d. Mts. feierte Herr Em^nuel Baum garten unter allgemeiner Theilnahme seinen siebzigstes Geburtstag. Aus Kremsier, der alten Judenstadt, stammend, widckete er sich, nach seinem definitiven Aufenthaltsorte ziehend, immer den öffentlichen Funktionen, er trachtete, sein reiches Wissen auf allen Gebieten, insbesondere auf dem der jüdischen Geschichte, zum Wohle s seiner Glaubensbrüder zu verwerthen, und wie Helle Freude empfand er stets, wenn er ein gutes Werk für die Juden ausführte. Mit jungen fahren schon als Bethausvorsteher konnte er dieses Amt zu seiner und zur Zufriedenheit Derer, die ihn hierzu bestimmten, ausüben, und als er feine bewährten Dienste der Wählerschaft für die nicht so leichten Dienste eines Kultusvorstehers anbot, welch letztere ihm denn auch übertragen wurde, und die er durch zwei Dezennien inne hatte, da konnte Baumgarten seine Fähigkeiten im besten Lichte erscheinen lassen, speziell nach der auf ihn gefallenen Wahl zum Obmanne der 2. Sektion des Unterünchtswesens. Daß diese einen ganzen Mann benöthigte, der sich.in all den zahlreichen Fragen auskennen muß, und gerade Baumgarten hierfür auserkoren ward, ist wohl das beste Zeugniß für seine außerordentlichen Fähigkeiten. Baumgarten hat auch hervorragenden Antheil an der Einführung des Jugend-Gottesdienstes in den beiden Hauptsynagogen, und zeigte er sich auch auf einem anderen Platze seinen Aufgaben vollkommen gewachsen, auf dem Sitze eines Landes- Schulrathes, den er durch kurze Zeit mit vollen Ehren eingenommen. Als Schriftsteller bewährte sich Baumgarten ebenfalls, und zwar übernahm er die Uebersetzung des Buches Ruth und später die des religionsphilosophischen Werkes „Herzenspflichten" von Bachja ibn Pakuda ins Deutsche, sowie er zahlreiche selbständige Arbeiten durchführte, die ihm einen litterarischen Namen machten. Als die letzte Wahl nach dem alten Statut für den Vorstand der Kultusgemeinde erfolgte, es war im Jahre 1890, da erstanden dem trefflichen Manne Feinde in sa^kicher und Gegner in persönlicher Sache und veranlaßten durch ihre , Agitationen, daß Baumgarten dieser Körperschaft nicht mehr angchören sollte. Aus Kränkung über diese Unbill hat Baumgarten fii^vom öffentlichen Leben zurückgezogen und ist jetzt nur noch literarisch Hätig. Möge dem Jubilar ein hohes Alter beschieden sein, ein Alter voll Freude, Gesundheit und Glück! (Wir schließen uns diesem Wunsche aus vollem Herzen an. Die Red.) — Aus dem Rath hause komryt die Kunde, daß Dr. Lueger „amtsmüde" sei. Die Nachricht mutz aber mit großer Behutsamkeit ausgenommen werden, denn sie steht mit dem innersten Wesen, mit dem maßlosen, brennenden Ehrgeiz des derzeitigen Wiener Bürgermeisters in grellstem Widerspruch. Aber wenn sie auch psychologisch unwahrscheinlich ist, so verleihen ihr doch die realen Verhältnisse eine gewisse Wahrscheinlichkeit, denn tatsächlich ist die Partei, welche Herr Lueger durch eine Jahrzehnte lange, ebenso mühevolle als skrupellose Agitation aus den dümmsten, rohesten und beutegierigsten Elementen der Großstadt zusammengebacken hat, am Ende ihrer HZeisheit angelangt. — Das Budweiser Tschechenblatt „Budivoj" veröffentlicht eine briefliche Aeußerung des Obmannes des Jungtschechenklubs, Dr. Engel, über den Antisemitismus, welche folgendermaßen lautet: „Sollte der Antisemitismus Eingang in die jungtschechische Partei erlangen, so würde für mich kein Platz mehr darin sein, denn ich beharre auf dem Standpunkte der faktischen und vollen Gleichberechtigung, und einer ehrlichen Humanität. In dieser Beziehung kann ich keine Kompromisse anerkennen. Ich habe stets nach den angeführten Grundsätzen nicht blos theoretisch, sondern auch praktisch (und dies nicht wenige Male zu meinem eigenen und nicht geringen persönlichen Schaden!) gehandelt, und ich werde mich an denselben jetzt, im vorgerückten Alter, gewiß nicht versündigen! Ich wünsche keine Popularität auf Kosten von Moralitätsprinzipien." — Im Laufe dieses Monats wird Oberstlieutenant v. Egidy auf Einladung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Mell Vortrag halten, der Abend verspricht ein genußreicher zu rverdÄl. — Zwei Blättchen, die sich durch nichts als durch ihre erMdfen Schimpfereien über die Juden auszeichneten, die „Christliche Extrazeitung" und die „Christliche Arbeiterzeitung", haben vom 1. d. Mts. an zu erscheinen aufgehört. /— Unter den Offizieren, die anläßlich der Hochwasser-Katastrophe im Jahre 1897 vom Kaiser §>urch rühmende Anerkennung belobt wordensind auch mehrere Israeliten vertreten. . - > : Aon Nah Und Fern. ----- Dem Geheimrath Julius Schwabach, Chef der Firma S. Bleichröder, wurde das Großkreuz des österreichischen Franz-Jvseph- Ordens und das Großkreuz des Ordens der italienischen Krone verliehen. Dem Generaldirektor Isidor Loewe wurde der königl. spanische Militär - Verdienst - Orden dritter Klasse verliehen. Bei dem letzten Ordensfeste erhielten Geheimer Sanitätsrath Dr. A. Ba er und Generaldirektor Juliüsburger hier, Justizrath Korpulus in Breslau und Notar Levy in Saarburg den Rothen Adlerorden vierter Klasse. — Die Gehälter der israelitischen Lehrer der Provinz Posen find auf Veranlassung der Regierungen in Posen und Bromberg ebenfalls neuerdings geregelt worden, und zwar Haben die israelitischen Schulgemeinden vieler Städte, wie Ostrowo, Rakel, Strelno, Schrimm, Exin, Schneidemühl, Jarotschin, Gnesen re., ihren Lehrern mit Rücksicht auf die durch rituellen Haushalt ihnen erwachsenden größeren Kosten ein weit höheres Diensteinkommen gewährt, als es die christlichen Lehrer beziehen. Für die höhere Bemessung war zum Theil auch der Umstand maßgebend, daß die jüdischen Lehrer infolge der geringen Zahl der Vakanzen weit später als christliche Lehrer ins Amt und somit auch später in den Genuß der staatlichen Amtszulagen treten. -- Zum Vorsitzenden des Stadtverordnetenkollegiums in Jnowrazlaw wurde auch diesmal Fabrikbesitzer Julius Levy wiedergewählt. — In St. Johann a. d. Saar starb der Mitbegründer und Mitinhaber des Bankhauses Lazard, Brach und Co., M. Lazard, 57 Jahre alt. Er mar erster Vorsitzender des Vorstandes der israelitischen Gemeinde, Freistagsmitglied und Stadtverordneter und in den 70er und 80er Jahren auch Mitglied der Handelskammer. — In Mainz ist am 12. ds. der Institutsdirektor Heinrich Berger im 42. Lebensjahre gestorben. Derselbe war auch durch belletristische Arbeiten bekannt. — In Kopenhagen wurde Bezirksrabbiner Dr. H. Goitein aus Nachod in Böhmen einstimmig zum zweiten Rabbiner gewählt. — Der klerikale Abgeordnete de Beauregard ließ ankündigen, er wolle in der französischen Kammer einen Gesetzentwurf einbringen, der die Freizügigkeit der Juden aufhebt und ihnen verbietet, sich in den Grenzdepartements niederzulaffen. Seine Parteifreunde bestimmten ihn, seine Absicht einstweilen noch nicht zu verwirklichen. — Bor einiger Zeit suchte ein französischer Offizier Namens Dreyfus die Bewilligung nach, seinen Namen ändern zu dstrfen, und — ein merkwürdiges Zusammentreffen — vor einigen Tagen erhielt dieser Offizier die von ihm erbetene Erlaubniß, sich von nun ab Picquart zu nennen. — Bei den Neüjahrsavancernents in der französischen Armee wurden — trotz alledem und alledem — der Eskadronchef in der Artillerie Mayer-Samuel zum Oberstlieutenant, der Kapitän im Geniekorps Schweitzer zum Bataillonschef und der Interpret Baruch bei der Division in Konstantine zum Generalinterpreten ernannt. Außerdem erhielt Professor G. Hayem in Paris das Offizierkreuz der Ehrenlegion, und der Kapitän I. B. Fränkel, Gasion Pollonais und der Generaldirektor E. S. Uhlwann wurden zu Rittern der Ehrenlegion ernannt. — Der Afrikareisende E. Fort, der den dunklen Erdtheil vom Zambefi bis zum Kongo durchstreift hat, ist nach Paris zurückgekehrt. ~ In London ist am 7. ds. Eryest Hart, der Herausgeber des British Medical Journal, ein allgemein angesehener Mann, im 62. Lebensjahre gestorben. — Die Königin von England hat Sir Saul Samuel, der bis vor Kurzem General-Agent von Ntzu- Süd-Wales in London war, bei seinem Rücktritt. von diesem Posten zum Baronet erhoben. — Nach den Angaben des statistischen Amtes gab es in Rußland am 1. Januar 1896 2149» Advokaten, wovon 211 gleich 9.8 pCt. jüdische, und 1203 Advokaturadjunkten, wovon 389 gleich 32,3 pCt. jüdische. Die Appellationsgerichte hatten die folgenden Zahlen. Saratav 87 Advokaten, wovon kein einziger jüdisch, Kasan 72, wovon 3 jüdische, Moskau 375, wovon 15 jüdische, Charkow 174, wovon 7 jüdische Petersburg 419, wovon 57 jüdische, 262 Adjunkten, wovon 99 jüdische, Warschau 495, wovon 75 jüdische, 207 Adjunkten, wovon 91 jüdische, Odessa 179, wovon 30 jüdische, 207 Adjunkten, wovon 91 jüdische. Durch die Herabsetzung der Zahl der jüdischen Advokaten auf 10 pCt. müssen viele Juden zurücktreten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich - für die Redaktion: M a-x B a u ch w i tz in Berlin.