Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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als Rabbiner Ln Stockholm, wie'er beinahe ein Vierteljahrhundert treu und gewissenhaft seinem Berufe lebte, bis ihn die Abnahme der körperlichen Kräfte zwang, sein Amt niederzulegen. Aber, so führt die Fakultät weiter aus, „in der ganzen Zeit verbanden Sie das Studium der archäologischen mit dem fleißigen Studium der humanen Wissenschaften. Außer den im Drucke erschienenen selbständigen Werken ist eine Menge Ihrer wissenschaftlichen Beiträge in der periodischen Litteratur vorhanden." Das schön ausgestattete Diplom, das von dem Dekan der Fakultät, Professor H. Dropsen, unterzeichnet ist, erneuert die vor fünfzig Jahren ertheilte Doktorwürde und schließt mit warmen Wünschen für die fernere Lebenszeit des Herrn Dr. Lewysohn, denen wir uns freudig anschließen. Rußland. K. Kiew, 2. Januar. Einer Korrespondenz der „Now. Wl." entnehmen wir folgende Angaben über die jüdische Bevölkerung der Stadt und des Gouvernements Kiew. Kiew hat jetzt gegen 250 000 Einwohner, von denen über 20 000 Juden sind; da aber in den bei der Stadt gelegenen Dörfern Demiewka und Nikolskaja Sslobadka ebenfalls eine Menge Juden leben, die meist in Kiew ihren Lebensunterhalt erwerben, so mag die jüdische Bevölkerung Kiews wohl 40 000 betragen. Alle Lehranstalten, das Kadettenkorps und das Institut ausgenommen, werden von sehr vielen jüdischen Schülern besucht. Die Norm von zehn Prozent wird bei ihrer Annahme nicht immer eingehalten. In der Universität des heil. Wladimir waren im vorigen Jahre 2600 Studirende, davon 21 Prozent Juden. Besonders groß ist die Anzahl der Juden in der medizinischen Fakultät, wo sie 40 Prozent ausmachen. In diesem Herbst bestanden 150 Studenten das medizinische Schlußexamen und erhielten die Würde eines Arztes. Von ihnen waren 72 Orthodoxe, 70 Juden, 3 Lutheraner und 7 Katholiken. In der Kommerzschule sind. 50 Prozent der Schüler Juden, im Walker'schen Progymnasium übersteigt die Anzahl der Juden bedeutend die der Christen. Die hiesige gebildete jüdische Bevölkerung bemüht sich schon lange um die Erlaubniß, jüdische Schulen in Kiew zu eröffnen. Jetzt ist wiederum ein solches Gesuch erneuert worden. Die Juden planen u. a. auch die Errichtung einer Samstagsschule für Erwachsene. Die Bevölkerung des Kiew'schen Gouvernements übersteigt 31[2 Millionen, von denen 500 000 Juden sind. In den verschiedenen Städten des Gouvernements leben gegen 150000 Juden, und die übrigen 350 000 leben in den Flecken und Ortschaften, von denen manche fast ausschließlich von Juden bewohnt sind. Afrika. 6. Algier, 31. Dezember. Abermals ist es hier zu antisemitischen Krawallen gekommen, die freilich durch das energische Eingreifen der Polizei im Keime unterdrückt worden sind. Als der Führer der antisemitischen Partei heute auf dem Place du Gouvernement vorüberging an zwei Cafes, welche zum größten Theil von Juden frequentirt werden und zur fraglichen Zeit auch fast nur von Israeliten besetzt waren, ertönten aus der Menge Pfiffe, die jener Mr. Regis auf sich bezog. Er griff einen der vor dem Cafe sitzenden Juden thätlich an, dieser wehrte sich. Beiden kamen aus der Menge ihre Freunde zu Hilfe, und binnen Kurzem gab es eine regelrechte Prügelei in großem Stile. Schon ertönten auch wieder die Rufe: »ä bas les juifs“, und es wäre zu argen Exzessen gekommen, wenn nicht ein großes Polizeiaufgebot eingeschritten wäre und 10 der Exzedenten verhaftet hätte. Die Menge war sehr erregt, weil man Rufe gehört hatte ä bas les Frangais, imi; man beschuldigte die Juden, diese ausgestoßen zu haben. Doch hat sich bei der Untersuchung sofort herausgestellt, daß dieselben von einer Französin herrührten, die von dem Balkon eines am Platze gelegenen Hauses aus damit die Massen gegen die Juden aufzuregeu suchte, was ihr nur zu gut gelang. Max Regis, der Anstifter, ist verhaftet worden. — Am 31. v. Mts. fand in Relizaire, Provinz Oran, die Wahl zum Stadtrath statt, und es siegte die Liste der antisemitische^ Partei, der „guten und ehrlichen Bürger", wie fie selbst sich nannte^ freilich nur mit einer Mehrheit von 10 Stimmen. Jetzt ist durch Beschluß des Präfekturrathes die Wahl auf Grund eines Protestes dek Republikaner aufgehoben worden, weil der Nachweis erbracht wurde, daß diese Partei der „ehrlichen Bürger" Bestechung zu Wahlzwecken in der ungenirtesten Weise geübt hatte. Sie bleiben überall dieselben, die Herren Antisemiten. Von Nah und Fern. — Der Kaiser hat dem Legationsrath im Auswärtigen Amte Dr. Cahn den Titel eines Geheimen Legationsrathes verliehen. — Dem bekannten Chemiker Professor Dr. Karl Liebermann ist der Charakter eines Geheimen Regierungsrathes verliehen worden. Professor Liebermann, der im 56. Lebensjahre steht, ist Extraordinarius an der Universität und etatsmäßiger Professor in der Abtheilung für Chemie und Hüttenkunde an der Technischen Hochschule. — Der außerordentliche Professor in der medizinischen Fakultät und Direttor des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhauses zu Berlin Dr. A. Baginsky hat das Offizierkreuz des Ordens der italienischen Krone erhalten. — In Breslau ist am 26. v. M. der bekannte Hofmusikalien- und Buchhändler Kommisfionsrath Julius Hainauer im 71. Lebensjahre nach langen, schweren Leiden gestorben. — Der Badearzt Dr. Hertzka in Karlsbad hat den Titel Sanitätsrath erhalten. — Eine wichtige Entscheidung hat der russische Senat soeben getroffen, nämlich, daß das Aufenthalts- und Wohnrecht derjenigen Juden, welche ihrer Wehrpflicht genügt hätten, durch keinerlei Bestimmungen einzuschränken sei, sondern stch dieselben ihren Aufenthaltsort im ganzen Reich selbst wählen könnten. — Der ordinirende Arzt am St. Petersburger Alexander-Hospital Dr. I. Tuwim wurde zum Kollegien-Assessor, die Aerzte am jüdischen Krankenhause in Warschau Dr. Rosenthal und Dr. Zimmermann, ferner die Herren Dr. Ginzberg in Krestez und Dr. Fradkin in Jaroslaw wurden zu Hofräthen ernannt. — Eine neue Ackerbauschule für Juden wird demnächst auf Veranlassung der Herren Rubin und Rabbinowitsch in Orlof eröffnet werden. An der Aufbringung der nöthigen Fonds haben sich auch' Christen betheiligt; einer der ersten Zeichner war Graf Janishewitz, welcher 600 Rubel zur Verfügung stellte. — Der bekannte Mäcen W. Wissotzky in Moskau hat dem Odessaer Zweigverein der „Gesellschaft für Verbreitung der Bildung unter den Juden Rußlands" 4300 Rubel überwiesen, um damit einen Preis für die beste hebräisch-historische Arbeit zu begründen, welcher alle drei Jahre zur Bertheilung gelangen soll. Die ersten Preisaufgaben lauten: „Der Kosakenkrieg in Kleinrußland und Polen", und „Geschichte der neuhebräischen Litteratur". — In Minsk ist am 1. v. M. ein verdienstvoller jüdischer Gelehrter, Naftali Maskileison, gestorben, der fich durch die Herausgabe eines wichtigen historischen Quellenwerkes bekannt gemacht hat. — Bon 124 Arabern, welche seinerzeit wegen der Exzesse in Mostaganem verhaftet wurden, sind 105 zu je vier Monaten, neun zu acht Monaten Gefängniß verurtheilt worden, nur zehn wurden freigesprochen. Damit sind auch diese Ausschreitungen gegen die Juden gesühnt. — Wie aus Tripolis gemeldet wird,veranstalteten mehrere Tausend Araber außerhalb der Thore eine kriegerische Kundgebung, wurden aber von türkischen Truppen umzingelt. In der Stadt wurden schleunigst alle Läden geschlossen. Am 17. Dezember fanden Unruhen im Dorfe Amrus statt, wo fast alle jüdischen Häuser geplündert wurden. 30 Aufrührer sind verhaftet worden. — Mr. Ludwig Wiener aus Kapstadt, ist der Präsident der Vereinigung aller Handelskammern von Süd-Afrika. Derselbe erfreut sich in dem ganzen Lande der größten Achtung. — In Johannesburg hat Alderman Harry Salomon am 24. November den Grundstein zu einer weiteren neuen Synagoge gelegt. — In Buluwayo wurden zu Stadträthen am 24. November gewählt die Herren Saber, Sam. Levis und Hirschler. Der Letztere ist zum Vorsitzenden des Sladtrathes einstimmig erkoren worden. — Die Pest wächst leider von Neuem in Bombay auch bei unseren Glaubensgenossen. Sechs Fälle trafen die Bene Israel, von denen einer tödtlich verlief. Auch in Poona starben mehrere Juden an der Pest, bis jetzt sind nahezu 20 Todesfälle hier vorgekommen. Auch auf den Dörfern haust die Seuche immer noch fürchterlich, so werden viele Erkrankungen aus Tasgaen im Bezirk Sattara gemeldet, während in Awas und Ashtami die Juden schwer von der Cholera zu leiden haben. In Poona ist ein besonderes jüdisches Pestspital eröffnet worden, an dem die jüdischen Militärärzte hervorragend Antheil haben. — Zum dritten Male hintereinander ist Mr. E. Solomon zum Bürgermeister von Freemantle in West-Australien gewählt wordey. Er hatte 1948 Stimmen gegen 778 seines Gegners. Noch öfter darf dieser nach dem hiesigen Gesetz diese Ehrenstelle nicht bekleiden. Druck und Verlag von NuDols Masse in Berlin. . Verantwortlich für die Redattion: M a x B a u ch w itz irr Berlin.