Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228743--63179-3290391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

und der hiesige Advokat Dr. Pattai Justizminister werden soll. Diese Konzession an die Christlich-Sozialen würde die Wahlreform zu einem rechten Danaergeschenk für die Juden Oesterreichs machen. Pattai ist schon lange Ministerkandidat; er ist deshalb auch sozusagen ein Salonantisemit. Damit sind aber auch seine Qualitäten erschöpft. Sollten^diese^ wirklich genügen, um in Oesterreich Justizminister zu werden? Es^wäre sehr traurig — aber bei uns ist ja leider nichts unwahrscheinlich Daß "'damit jede Aussicht begraben wäre, das Wiederaufnahmeverfahren gegen Leopold Hilsner einzuleiten, ist selbstverständlich. — Die Errichtung eines jüdischen Obergymnasiums in Budapest ist eine Tatsache geworden. Aus drei Stiftungen stehen dafür zirka 2V2 Millionen Kronen als Fonds zur Verfügung. Die Anstalt soll den Namen „Anton Freystädtler Ritter von Kövesgyürsches Israelitisches Obergymnasium" führen. Die Angelegenheiten des Gymnasiums sollen durch ein vom Stifter bestelltes Kuratorium geleitet werden, in welches auch der Vorstand der Gemeinde fünf Kuratoren mit einer Funktionsdauer von drei Jahren entsendet. Die Gemeindebehörden haben den Beschluß zur Durchführung des Planes und der Modalitäten einstimmig gefaßt. — — Am 12. d. ist hier der Landesgerichtsrat Dr. Emanuel Weber im 53. Lebensjahre gestorben. Derselbe war als Richter sehr angesehen. Er war aber auch ein glaubenstreuer Jude, der bis zum Tode streng orthodox lebte und in den letzten Jahren sich sogar der Zionistischen Bewegung eifrig angeschlossen hat. Von Ash und Fern. — Juden als Kandidaten zum Reichstag sind von liberalen Parteien bisher aufgestellt in Berlin (L. Rosenow und Justizrat Cassel) Rastenburg-Gardauen (Justizrat Lichtenstein), in Hanau (Rechtsanwalt Dr. Heilbrun--Frankfurt a.M.), Lauenburg Herzogtum (Rechtsanwalt Dr. Sgf. Heckscher-Hamburg), Brieg - Ramsla u (Fabrikbesitzer Louis Lo ewenthal), Königsberg i. N. (Sanitätsrat Dr. Peyser). — Der antisemitische Turnerbund zählt nach seiner eigenen letzten Aufstellung im ganzen 143 Vereine mit 12 924 Vereinsangehörigen. Von diesen fast 13 000 Vereinsangehörigen sind aber nur 5482 ausübende Turner. — Oberkantor Joseph Epstein und Frau Clara geb. Bobrecker begehen am 28. d. M. das Fest der silbernen Hochzeit. — In Sachen des Schächtverbots hat der Magistrat zu Küstrin beschlossen, ein Probeschächten im Schlachthose vorzuuehmen und hierzu die Magistratsmitglieder eingeladen. — Der Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Cohn in Liegnitz, der mit Ablauf des Jahres aus seinem Vorsteheramt und aus dem Kollegium scheidet, wurde zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. — Mit dem 1. April k. I. errichtet die Stadt G lei Witz eine Vorschule für die höheren Lehranstalten und hat an diese den seit Jahren an der Simultanschule wirkenden Lehrer Salomon berufen. Herr Salomon dürste wohl der einzige jüdische Vorschullehrer in Preußen sein. — In Hamburg ist Gustav G. Cohen im 77. Lebensjahre gestorben. Er war eines der angesehensten und eifrigsten Mitglieder der Gemeinde. Bei der Leichenfeier sprach Professor B. Marburg, der Schwiegersohn des Heimgegangenen. — Wie wir kurz vor Schluß des Blattes erfahren, ist am 23. d. M. in Seesen infolge eines Herzschlages der Direktor der Jacobson-Schule, Professor Emil Philippson, im 55. Lebensjahre gestorben. Ein! Nekrolog folgt in der nächsten Nummer. — Dieser Tage feierte in 1 Grodno in Litauen die bekannte polnische Romanschriftstellerin Elise von Orzezsko ihr vierzigjähriges Schriftstellerjubiläum. Es ist bekannt, daß sie eine ganze Anzahl jüdischer Erzählungen („Eli Makower", „Der starke Simson", „Meier Ezchowitsch" n. a. geschrieben .hat. — Der Rittmeister Pjetusch, der einen für die Regierungs- 4 — kreise unbequemen Bericht über den Siedlecer Pogrom erstattete, der jetzt im Auslande veröffentlicht worden ist, wurde seines Amtes enthoben und nach einer anderen Stadt versetzt. — Der dirigierende Senat hat erläutert, daß sein Ukas vom 25. Oktober 1901, durch welchen den in Kurland lebenden Juden der Getränkehandel verboten wird, sich auf alle Juden ohne Ausnahme bezieht, auf welcher j Grundlage sie auch immer in Kurland leben mögen. — Der Minister; des Innern Stolypin telegraphierte dem Jrkutsker General-! gouverneur folgende Anordnung: „Wollen Sie gefälligst die Aus-! Weisung der Juden einstellen, die den Forderungen des Zirkulars des! Jahres 1904 Nr. 1723 und den Verordnungen des Ministeriums vom j 25. Oktober sub Nr. 21356 nicht entsprechen." — Der berüchtigte; Antisemitenhäuptling, der famose Pawolakz Kruschewan, ein ( „edler" Rumäne, der Veranstalter der großen Metzelei in Kischinew j im April des unglücklichen Jahres 1903 unter der Aegide des nicht | minder „bekannten" Ministers von Plehwe, eines Deutschen, wurde! vom Kischinewer Bezirksgericht für seinen Appell an die Christen, die. Juden zu boykottieren, zu einer Strafe von 200 Rubel verurteilt. — Herr S. Steinberg schenkte der Palästinagesellschaft in Odessa 10 000 Pfd., um eine Schule in einer der dortigen Kolonien zu gründen. — In Kiew wurde ein bewaffneter Ueberfall in oer Wohnung des Bankiers Halgerin gemacht. Es gelang der Polizei,! alle vier Räuber dingfest zu machen, ohne daß sie einen Schuß ab- : feuerten. Alle Arretierte erwiesen sich als Arbeiter. Man fand bei ihnen drei geladene Revolver und einen Dolch. — Am 22. v. M. fand in Petersburg eine Sitzung des Komitees der Partei der Volksfreiheit statt. Unter den zwölf Kandidaten, die zur Wahl aufgestellt wurden, befinden sich I. W. Gessen (für Odessa) und A. A. Kaufmann. — In der Abendsitzung des Zentralkomitees der Friedenserneuerung wurde in der jüdischen Frage folgende Resolution angenommen: „Nach Beurteilung der jüdischen Frage findet das Komitee, daß nachdem das Programm der Partei die volle Gleichberechtigung aller Nationalitäten anerkannt, so. ist es selbstverständlich, daß die Partei auch die Gleichberechtigung der Juden anerkennt: infolgedessen ein besonderer Beschluß in dieser Frage nicht erforderlich ist. — Der gewesene Deputierte der Stadt Wilna in der ersten Duma, Rabbiner Dr. Lew in, der vor kurzem zum Prediger der russisch-jüdischen Gemeinde in New Jork gewählt wurde, ist vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt in Audienz empfangen worden. — In Amsterdam ist Lopez de Leao Laguna, der seit 1889 Rat am höchsten Gerichtshof war und in juristischen Kreisen hohes Ansehen genoß, gestorben. — In Paris ist der Oberst Mannheim im 75. Lebensjahre vor kurzem gestorben. Er genoß als Lehrer der Geometrie an der Artillerieschule hohes Ansehen und bewahrte sich stets warme Sympathie für alle jüdischen Interessen. — Baron Edmund Rothschild wurde mit 22 gegen 15 Stimmen, welche letzteren auf Mounet- Sully von der Comedie Franeaise fielen, zum Mitglied der Akademie der Schönen Künste gewählt. — Die Akademie hat Herrn Rabbiner Louis Lewy in Dijon einen Preis von 500 Fres. bewilligt für sein Werk: „Die Familie im israelitischen Altertum." — In Paris hat sich eine Zadoc Kahn-Gesellschaft gebildet, deren Zweck ist, französische Juden auf literarischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet zu fördern oder deren Witwen und Waisen zu unterstützen. — Der König von Italien hat dem Rabbiner Benedetti in Pisa den Orden der Krone von Italien verliehen. — Jakob H. Schiff, der unermüdliche Philantrop, hat dem Fond des Removal-Komitees, dessen Aufgabe darin besteht, die einwandernden osteuropäischen Juden auf das flache Land der Provinz zu verteilen, eine Million Dollars überwiesen. * Grlchsktlichr Kotnm. Profit Haase-Bock! Bayern und Schlesien sind unbestreitbar die Bierprovinzen Deutschlands und Breslau ist, was Vierkonsum betrifft, das schlesische München; wer in Breslau gewesen ist, weiß, daß dort in allen besseren Restaurants mit Vorliebe „Haase-Bier" getrunken wird. Auch in der deutschen Reichshauptstadt und deren Vororten hat sich dieses ausgezeichnete Bier seit seiner Einführung in allen bierverständigen Kreisen eingebürgert. Sein Wohlgeschmack und die mit Recht gerühmte Bekömmlichkeit mehren die Zahl seiner Konsumenten von Tag zu Tag. Der steigende Umfang des Geschäftsverkehrs der Berliner Hauptniederlage beweist dies eklatant. Es handelt sich eben um ein Bier, was dem Münchener in nichts nachsteht, dabei aber weit süffiger ist, und das „Haase-Bo<k-Bier" gar gilt den Bierkennern seit lauge als ein besonders exquisites Produkt der Braukunst. Dieses Bock-Bier nun kommt von heute ab in allen Lokalen, welche Haase-Bier führen zum Ausschank und auch zum Versand durch die Hauptniederlage, Schlesischestr. 28. Deshalb rufen wir unseren lieben Landsleuten heut wieder mal recht kräftig zu: „Prosit Haase-Bock!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.