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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-07 · Heft 49 (7.12.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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7V. Jahrgang. No. 49. 11 A Hi A1H A Berlin, 7. Dezember 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchssandel oder Post sin Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen viertelzässrl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Juden als Konservative. _ Berlin, 4. Dezember. An der „Konservativen Monatsschrift", aus der uns hier neulich — und noch dazu von einem Juden — ein Appell an unser religiöses Gewissen vorgetragen wurde, lasen wir vor einer Reihe von Jahren eine Serie geschichtlicher Aufsätze, in denen ersichtlich die Tendenz vorwaltete, uns Juden als einen „Staat im Staate" hinzustellen. Wir möchten vor allein, da jetzt auf die veränderte Richtung der „Konservativen Monatsschrift" uns gegenüber hingewiesen wurde, zunächst auch mit einem Bilde aus der Vergangenheit antworten. Vor etwa 25 Jahren fuhren wir mit einem hervorragenden Rabbiner, der u. a. den ersten Verband preußischer Synagogengemeinden begründet hat, zu einem jüdischen Verbandstag. Auf dem Bahnhof einer kleinen Stadt sahen wir einen Gutsbesitzer mit einem Juden sprechen, der geschäftlich mit ihm verhandelte, wobei der Jude, den Hut in der Hand, demütig gebeugt vor ihm stand. Der oben geschilderte Rabbiner sagte uns damals: „Sehen Sie, da haben Sie heute 1880 noch den richtig-en Juden des Mittelalters". Zu solchen Heloten wollen uns Juden heute noch viele Konservative stempeln. In den Pirke Aboth, den „Sprüchen der Väter", steht: „Meide falschen Schein!" Wenn wir Juden auch als geborene Optimisten geneigt sind, heute überall die idealen Seiten herauszusuchen, sobald jemand — und sei es auch die früher gut antisemitische „Konservative Monatsschrift" — an uns im Namen der Religion unserer Väter und des Vaterlandes appelliert, so ist doch in der Politik (und hier handelt es sich bei dem Appell an die Juden, daß sie politisch konservativer werden sollen, doch für die Konservativen bei den Wahlen um eine reine aktuelle Opportunitätsfrage) Mißtrauen eine hervorragende politische Tugend, da uns ja bisher die Konservativen noch niemals eingeladen haben, mit ihnen gemeinsam aus der Suppe zu essen, geschweige denn uns bei ihrer mit Aemtern und Stellungen reich besetzten Kompottschüssel zu beteiligen. Jedesmal vor den Wahlen hat man uns bisher solche Schalmeien vorgetragen, hat in die Reihen der für verfassungsgemäße Gleichberechtigung Kämpfenden Mißtrauen und dadurch auch bis in unsere eigene Gemeinschaft hinein nur Unfrieden und Mißstimmung getragen. Soll sich dieses Schauspiel bei den nächsten Reichstagswahlen, die sehr bald und spätestens in einem Jahre fällig sind, wiederholen? Wir wollen deshalb in einem Rückblick Nachweisen, daß von jeher eine große Zahl höchst einflußreicher Juden in konservativem Sinne gewirkt haben, daß ihnen aber gerade in Deutschland, im Gegensatz zn anderen Ländern, aber meistens von allen Seiten übel mitgespielt worden ist. Schon vor 1848 hat der Kommerzienrat Wilhelm Beer, der Bruder Meyerbeers, in einer besonderen Schrift die Idee der konservativen Partei vertreten. Ihr eigentlicher Begründer war der Jude Stahl. In der konservativen Partei haben dann Juden wie Rubino, Beer, Friedberg u. a. eine wichtige Rolle gespielt. In der Reaktionszeit haben jüdische Konservative in der Presse wie in den Vereinen die Anschauungen Manteuffels mit großer Entschiedenheit vertreten. Im preußischen Herrenhause saß Mayer Karl v. Rothschild als Konservativer. In Krakau ist am 26. v. M. der Hofrat Julia» Klaczko, der Sohn eines jüdischen Uhrmachers aus Wilna, im 78. Lebensjahre gestorben. Der Mann war der geistige Führer der polnischen Konservativen fast vierzig Jahre hindurch! Aus des Reichskanzlers Fürsten Chlodwig „Erinnerungen" ist in diesem Blatte bereits die Stelle abgedruckt worden, in der ein so staatserhaltend gerichteter Mann wie Fürst Hohenlohe sich über die konservative Wahlmache des verstorbenen Gerson Bleichröder recht entrüstet und lebhaft beklagt. Und das war zu einer Zeit, als Fürst Bismarck für solche Wahlen nach seinem Sinn einen scharfen Druck von oben, von autoritativer Seite, einsetzte. Wer steht denn heute hinter der „Konservativen Monatsschrift"? Werden die Liberalen ä la Hohenlohe sich in der Polemik der Wahlkämpfe dabei nicht zuerst wieder über „die Juden" entrüsten? Vom „Vorwärts" ganz zu schweigen, der bereits in seinem früheren Jahreskalender am Neujahrstage als wichtige Gedenknotiz die Stelle aufnahm : „Der Jude Ballin" schrieb an dem und dem Tage dies und das an die „Hamburger Nachrichten".. . Jüdische Amtsrichter, Kommerzien-, Sanitäts- und andere Räte werden bei den nächsten Wahlen ohnehin ihre politische Stellung mit ihrem Amt in Einklang bringen, wie wir alle ja, ob Juden oder Christen, sich stets nach unsrer Decke strecken müssen. So ist es nun einmal in dieser sehr irdisch aus realen Bedingungen aufgebauten Welt. Wenn ein Idealist es gut mit seinen Glaubensgenossen meint, wird er sie nicht als einen „Staat im Staate" der Wut des über Brot- und Fleischwucher entrüsteten Volkes in Bausch und Bogen ausliefern wollen; zumal „die Konservativen" sich ja neuerdings, seit der Berufung Dernburgs und dem Rücktritt Podbielskis, wieder als agrarische Fronde, selbst gegen den Kaiser, aufzuspielen anfangen. Ohne jeden Zweifel, der Jude ist königstreu und neigt zum Konservatismus, vor allem in den Grundlagen des sittlichen Wirkens und des Familienlebens, die ja auch die Fundamente des Staates sind. Werden diese Dinge angegriffen.

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