Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228737--63075-3290275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
noch eine Frage der Zeit, daß auch die übrigen Logen, die im „Großlogenbuüd" vereinigt sind, „endlich" diese Bestimmung sich zu eigen machen und somit einen veralteten Zopf dev Freimaurerei abschneiden werden. — Wie neulich berichtet, haben die Herren Dr. Petuchowski-Berlin und Dr. Freimann-Holleschau hier Gastpredigten gehalten; seitdem sind zu gleichem Zweck hier gewesen: Dr. Nobel-Leipzig, Dr. Fink-Wien und gestern Dr. Funk-Boskowitz. Wie es heißt, soll noch ein Herr aus Süddeutschland kommen und dann wird die Wahl vorgenommen. - Wird diese Angelegenheit erledigt sein, dann beginnen wieder Kantorenproben, da der bewährte und hier sehr beliebte Oberkantor Süßkind mit Ablauf des Kalenderjahres aus der drei Jahrzehnte innegehabten Stelle eines Oberkantors scheidet, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. — Kassel, 9. November. Die Polizeiverordnung des hiesigen Regierungspräsidenten vom 2 Februar 1903 bestimmt in § 6: „Das Schlachten (Schächten nach jüdischem Ritus) darf nur durch erprobte Schächter, deren Befähigung von dem zuständigen Rabbiner sestgelegt ist, ausgeführt werden." Der Strafsenat des K.ammergerichts hat diese Bestimmung für rechtsungültig erklärt. Er sprach aus, daß sie sich entweder mit dem Tierschutz befassen oder die religiösen Interessen der Juden wahren wolle. Weder der eine noch der andere Gegenstand sei aber dem polizeilichen Verordnungsrecht unterstellt. o. Frankfurt a. M., 11. November. Ein hiesiges Bankgeschäft hatte einen Beamten, der einem Kollegen gegenüber einen beschimpfenden Ausdruck, der sich auf dessen jüdische Konfession bezog, gebraucht und der auch schon früher eine bei der Bank angestellte Dame erheblich beleidigt hatte, auf Grund des 8 70 des Handelsgesetzbuchs ohne Kündigung sofort entlassen. Das Kaufmannsgericht hat der Klage des Angestellten auf Vergütung des Gehalts bis zum 31. Dezember stattgegeben, indem es sich auf den Standpunkt stellte, daß eine derartige Beschimpfung nicht als Grund für eine sofortige Entlassung betrachtet werden könne. Da der Wert des Klageobjekts mehrere hundert Mark beträgt, ist Berufung ans Zivilgericht zulässig, vor dem nunmehr die Sache zur neuen Verhandlung kommt, da, wie man uns mitteilt, die beklagte Bankfirma Berufung einlegen wird. Gesterreich-Nugsrli. Wien, 12. November. Ein Sturm im Glase Wasser! Einer unserer jüngeren Rabbiner hat jüngst im Leopoldstädter Tempel eine Rede gegen die galizischen Juden gehalten, anläßlich eines Prozesses, der hier viel Staub auswirbelte. Was der Prediger sagte, war leider nur zu richtig — ob es aber opportun war, derartige heikle Fragen gegenwärtig von der Kanzel herab zu erörtern, ist freilich eine andere Frage, die zu beantworten ich mich nicht kompetent fühle. Jedenfalls gab es eine Debatte in der öffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes, die dem Ansehen des Rabbinerstandes nicht gerade genützt hat. — Am 3. d. fand hier die Einweihung des neueröffneten Bet-h a-Midraschim2.BezirkeFerdinandstr.23statt. Die alten Räume waren nicht mehr zu benutzen. Lektor Friedmann hielt bei dieser Gelegenheit eine so geistvolle und lebensprühende Ansprache, dast sich alle Festgäste über diese jugendliche Lebenskraft des fälschlich Totgesagten herzlich freuten. — Als Lehrer für die neuerrichtete Bildungsanstalt für jüdische Religionslehrer wurden berufen: Rabbiner Dr. Feuchtwang für Religionslehre, Propheten und Hagiographen, Rabbiner Dr. S. Gelbhaus für Pentateuch, Rabbiner Dr. M. Grunwald für biblische und jüdische Geschichte, Rabbiner Dr. A. Kaminka für Gebetbuch und hebräische Grammatik u. m. a. — Die philosophische Fakultät der Leipziger Universität hat dem mährischen Landesrabbiner Dr. B. Placzek zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum das Jubeldiplom übersendet, bei welchem Anlasse der Dekan, der Geh. Hofrat Professor Dr. E. Beckmann, den Glückwünschen der Fakultät ehrenvollen Ausdruck gab. — Am 30. v. ist in Brünn der kaiserliche Rat David Mandl gestorben, von dem ein hiesiges Blatt mit Recht sagt: Sein ganzes Wesen war mit der Entwicklung der Brünner Kultusgemeinde eng verwachsen. Es ist keine Uebertreibung, wenn man von ihm behauptet, er sei durch viele Jahre, seit dem Jahre 1861 bis auf die jüngste Vergangenheit, die Seele in dem Körper der Kultusgemeinde gewesen. Wahrhaft unermüdlich war er bestrebt, die Einrichtungen unseres Kultus, Gottesbienstund Wohl« tätigkeitseinrichtungen, zur Blüte zu bringen. Ehre seinem Andenken! — Auch in Kroatien fängt man schon an. mit einem Pogrom gegen die Juden zudrohen. Es wurden Proklamationen an das Volk in tausenden von Exemplaren verteilt, in welchen zu Judenmassakers aufgefordert wird. Einige Personen, die die Proklamationen unter das Volk verteilt haben, sind bereits festgestellt worden, und man hofft, die Verfasser und Verbreiter derselben bald zur Rechenschaft ziehen zu können. * Von MH und fern. ----- Die Reichsschul kom Mission, welche am 6. November unter Leitung des Wirkt. Geh. Ober-Regierungsrat, Präsidenten Dr. Kelch in Berlin zusammentrat, besuchte am 7. d. M. die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin, welche unter Leitung des Direktors Dr. Holzmann steht. Der Besuch steht in Zusammenhang mit dem der Anstalt gewährten Rechte zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährigen Militärdienst an die Zöglinge der Anstalt. — Professor Dr. Landau hier ist zum Geh. Medizinalrat ernannt worden. — Der Verein für Arbeitsnachweis (begründet von den Berliner Logen U. O. B. B., kostenloser Stellennachweis für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer) hat durch seine Vermittlung im Monat Oktober d. I. 204 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 97 Personen vorübergehende Beschäftigung nachgewiesen. — Der von jüdischen Blättern in der vorigen Woche gefeierte Prof. Dr. B. Fränkel hier ist ein geborener Christ. Ebenso ist der Geh. Sanitätsrat Dr. Bockenhei mer aus Frankfurt a. M. ein frommer Katholik! — Graf Pückler-Klein - Tschirne stand in dieser Woche abermals unter der Anklage der Anreizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I. Vor Eintritt in die Beweisaufnahme tauchte im Kollegium die rechtliche Frage auf, ob nicht die jetzt inkriminierten beiden Reden aus dem Jahre 1906 schon durch das Urteil vom 20. Oktober, das eine fortgesetzte Handlung angenommen habe, erledigt seien. Der Gerichtshof hat daher beschlossen, die Sache bis zum Eintritt der Rechtskraft der Entscheidung der 9. Strafkammer vom 20. Oktober zu vertagen. — In Breslau ist der Kantor Tobias Mandelstamm aus Frankfurt, der dort 22 Jahre lang in Treue und Hingebung seines Amtes gewirkt, nach kurzem Krankenlager gestorben. — Die Königin Wilhelmine der Niederlande kaufte auf der diesjährigen Ausstellung in Dresden ein Exemplar der vom Bildhauer- Jacob Pleßner, Berlin, modellierten kleinen Gruppe „Italienische Bettelweiber", die augenblicklich auch in per Wiener „Secession" sowie auch in Frankfurt a. M. bei Hermes nebst anderen Bronzen Pleßners ausgestellt ist. Auf der Ausstellung deutscher Kleinplastik in Leipzig (bei P. H. Beyer Sc Sohn), die im Laufe dieses Monats eröffnet wird, wird Pleßner mit einer größeren Kollektion von Arbeiten vertreten sein. — Kommerzienrat Siegmund Meyer in Hannover hat die Rote Kreuzmedaille III. Klasse erhalten. — Das Repräsentantenkollegium der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg nahm einstimmig ein neues Gemein de sta tut an, das eine freiheitliche Entwicklung der Gemeindeinstitutionen vorsieht, beispielsweise die Beteiligung der Frauen an der Armen-und Wohlfahrtsverwaltung. — Herr N. Sokolow hat auf Grund eines vom E. A. K. gefaßten Beschlusses die Führung des Generalsekretariats der zionistischen Organisation im Zentralbureau in Köln übernommen. — Herr- Gabriel Ritter (gest. 1902) und dessen Ehefrau Rosa (gest. 1905) hinterließen testamentarisch der Israelitischen Kultusgemeinde München ein Kapital von über 200000Mark „zur Errichtung einer Wohltätigkeitsanstalt zur unentgeltlichen Verabreichung rituell zubereiteter Speisen an arme Angehörige der israelitischen Kultusgemeinde München, insbesondere an solche, welche wegen Krankheit oder nach überstandener Krankheit stärkender Kost bedürfen". Im Vollzüge dieser Stiftung wurde am 1. d. M. die »Rituelle Speiseanstalt, Gabriel und Rosa Ritter'sche Stiftung", Buttermelcherstraße 12/0, feierlich eröffnet. — In Sulzbach (Bayern) besteht wohl die kleinste Schule der Welt. Der jüdische Lehrer hat nämlich einen