Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 46. Berlin, 16. November 1906. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis' durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Verrriebsst llen) b zogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zuwendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HL/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Änlrrr Ljoittlstion. Berlin, 14. November, s wird öfter die Frage aufgeworfen, ob die Menschheit durch die moderne Kultur glücklicher geworden ist. Das Aufwerfen der Frage ist im Grunde schon eine Antwort, und zwar eine verneinende. Wir reisen heute bequemer und schneller, erfahren alles schneller, kleiden uns im großen und ganzen etwas besser, erfreuen uns einer helleren Beleuchtung und genießen noch einige kleinere oder größere Annehmlichkeiten, aber glücklicher ist die Menschheit nicht. Ja wäre es nicht, daß wir in den zivilisierten Ländern uns im allgemeinen einer größeren Rechtssicherheit erfreuten, dann hätte man beinahe sagen können, daß die menschliche Gesellschaft heute unglücklicher ist, weil sie anspruchsvoller geworden ist und nicht so sorglos lebt wie in früheren Zeiten. Was speziell uns Juden angeht, so fragt es sich, ob nicht trotz aller Judenfeindschaft und Judenverfolgungen, wir wollen nicht gerade sagen in mittelalterlichen, aber doch in vergangenen Zeiten, am Sabbatabend und am Sabbattage in den Familien der in einem Ghetto wohnenden Juden größere Harmlosigkeit und Glückseligkeit herrschte als heute in den mit allem Komfort der Neuzeit eingerichteten Wohnungen der Juden in den vornehmen Stadtvierteln. Indessen ist es vielleicht gar nicht unsere Bestimmung, ein glückliches Leben zu führen, wenigstens schon jetzt. Daß aber unsere Aufgabe ist, wie die Erde uns untertan zu machen, so uns selbst zu bessern, zu veredeln, zu zivilisieren, darüber herrscht wohl kein Zweifel, und wahrscheinlich wird das Glück der Menschheit erst eine Folge und Frucht der Veredlung, der Zivilisation, sein. Wie steht es nun mit der Veredlung des Menschengeschlechts, mit unserer Zivilisation? O weh, die Antwort auf diese Frage hat viel Aehnlichkeit mit derjenigen auf die Frage, ob die Menschen glücklicher geworden sind. Wir haben vor kurzem Gelegenheit gehabt, durch die Denkwürdigkeiten des verstorbenen Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe einen Blick hinter die Kulissen des Welttheaters zu tun. Es gibt tritt wenige, dir nicht infolge dieser Lektüre eine furchtbare Enttäuschung erlebt hätten. . Diejenigen, welche durch Geschichtsstudien die geistigen Führer Israels kennen, werden uns zugehen, daß die Ethik dieser Männer, die vor bald zweitausend Jahren gelebt und öffentlich gewirkt haben,, im großen und ganzen bei weitem die der Edelsten der Völker übertrifft, wie wir sie aus jenen Memoiren nunmehr kennen gelernt haben. Aber vielleicht hat der verstorbene Fürst Hohenlohe ein schiefes Urteil über Menschen und Dinge gehabt; vielleicht hat es ihm Vergnügen gemacht, in seinen Tagebuchnotizen skeptische, Pessimistische, verzerrte Urteile zu fällen. Halten wir daher selbst ein wenig Umschau, aber nicht über einzelne Personen, sondern über ganze Völker, über Weltvorgänge. Wie es seit Jahr und Tag in Rußland zugeht, das erleben wir ja schaudernd selbst mit. Raub, Mord. Schändung» Betrug und Bestechung, im großen wie im kleinen, amtliche wie private Spitzbübereien und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Es ist das reine Sodom und Gomorrha in riesig vergrößertem Maßstabe. Und soviel auch die Juden in Rußland zu leiden hatten und haben, sie haben den leidigen Trost: socios habere malorum. Es leidet das ganze Riesenreich mit allen seinen Völkerschaften. Ist das Zivilisation? Indessen Rußland befindet sich in einem chaotischen Zustande, und da kommt es nicht nur, wie jene Russin sagte, die den harmlosen R ntier Müller anstatt des früheren russischen Ministers Durnowo ermordet hat, ans ein, sondern auch wie im Kriege auf tausend und zehntausend Menschenleben nicht an. Es steht gewissermaßen hors de concours. Wie aber steht es mit den Nachbarvölkern, die die aus dem brennenden, plündernden, mordenden, hinrichtenden Rußland Flüchtenden nicht ins Land lassen wollen, sie ausweisen? Ist das auch ein Gebot der Zivilisation? In früheren Jahrhunderten wurden Exilierte aufgefordert, ins Land zu kommen. Und noch kein Land hat schlechte Erfahrungen mit den barmherzig Aufgenommenen gemacht, ob diese Salzburger, Hugenotten, Pilgrim Fathers oder Juden waren. Die Juden hatten ja wiederholt das Schicksal, ausgewiesen zu werden. Aber bald war es Holland, bald Polen, bald dieses, bald jenes Land, das sie gastlich aufnahm. In unserem Zeitalter, das auf seine Zivilisation so stolz ist, werden sie in Ungarn nicht zugelassen, aus Preußen ausgewiesen und von anderen Ländern durch Einwanderungsbeschränkungen die ad hoc beschlossen werden, ferngehalten. Nicht nur, daß die zivilisierte Welt untätig den russischen Greueln zuschaut, nicht einmal mit den geflüchteten Mühseligen und Beladenen hat man Mitleid und überläßt sie ihrem Schicksal, das oft noch schlimmer ist als das in der russischen Heimat. In der Tat, wenn die Zurückweisung Fremder, die in ein Land kommen mit der ehrlichen Absicht, sich schlecht und recht durch Arbeit zu ernähren und den Gesetzen des Landes zu gehorchen, überall barbarisch und mindestens inhuman ist, für Amerika ist sie eine doppelte und dreDsche Schmach, da es den Fremden seine Existenz verdankt und auch seine jetzige wirtschaftliche und politische Bedeutung, und weil in Amerika gerade noch Raum genug ist für viele Millionen Einwanderer. Die jetzigen Beschränkungen sind bereits schlimm genug, aber es gibt eine Schule der Knownothings und