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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang« No. 45. Berlin, 9. November 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr« Ludwig Philixpson. Verlggs-LrpeMioo: Berlin, Jenisalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und . Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Stratze <*6/^9, zu richten. Verlag vsn Rudslf rnoffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Die Mrlorge kür unbemittelte jüdische Kernen- und Geisteskranke. Berlin, 6. November, s ist eine wunderbare Tatsache: Das Judentum befindet sich zurzeit in einem Entwicklungszustande in seinem Innern, nämlich unser sogenanntes modernes Judentum, das heißt die Juden unter dem Einflüsse der modernen Kultur mit all ihren geistigen, sozialen Triumphen, Werten und Forderungen des einzelnen und der Gesamtheit. Nicht das Judentum selbst, das in sich vollendet und eine Einheit seit Jahrtausenden, nicht seine Ethik und Moral, die Wahrheit des Judentums, sie ist ewig und von Anfang an unverändert bis heute, weil sie göttlich ist. Aber die Judenheit, sie befindet sich in einer Entwicklungsphase, sie ist auf dem Wege, nachdem sich die politische Befreiung vollzogen, die Mauern des sichtbaren Ghettos gefallen find, auf dem Wege, sich innerlich frei zu machen. Ist diese Emanzipation vollzogen von allen, dann muß die soziale Gleichstellung demnach mit zwingender Naturnotwendigkeit folgen. Aber um diese innere Befreiung voll und ganz zu Ende zu bringen, bedarf es noch bedeutsamer Arbeit. Es ist unbestritten, daß die Juden in dem Kämpfen und Ringen um das nackte Leben im Laufe der Jahrtausende manche Schläge und Wunden davongetragen, deren Heilung sich nicht vollziehen konnte, weil es an der Ruhe fehlte, die schmerzenden Glieder zur Heilung zu bringen. Ein Pflästerchen hier und da tut es nicht. Wo große, alte Wunden zu heilen sind, bedarf es der Ruhe und Schonung, und diese war Israel nie bisher vergönnt. Nur in ganz kurzen Zeitläuften konnte es sich auf sich selbst besinnen und auf das, was ihm not tat. Nun aber ist es zum Bewußtsein gekommen und zur inneren Sammlung; es ist erwacht, es fühlt und sieht -die Wunden an seinem Leibe. . Die Morgenröte der Aufklärung und Befreiung ist auch Israel aufgegangen, und nun es den Schaden besieht, den es an Leib und Seele genommen unter all' dem Druck und der Pein von außen, da rafft es sich auf mit Macht und sucht zu heilen, was und wo es kann. Kein Wunder, daß vor allem das gefolterte Hirn, das Tag und Nacht rastlos sich mühte, das, was die andern dem Juden versagten, durch gesteigerten Fleiß und ruheloses Denken wett zu machen, im Ringen um Gut und Geld, um Macht und Einfluß, allmählich erlahmte, mrd Nervenreizung und geistiges Siechtum vielfach die Gefolgschaft solch' aufreibenden „Daseins" waren. Wir müssen es offen heraussagen: Die Völker sind schuld, daß bei den Juden Geistes- und Nervenkrankheiten so stark vertreten sind. Aber Gott sei Dank, Israel hat einen gesunden Kern, eine zähe Natur ererbt; auch diese Leiden werden wieder verschwinden, weil sie kein Urerbe unseres Stammes sind, sondern erworben unter dem geistestötenden Grabeshanch finsterer Jahrhunderte. Israel wird sich wieder aufrichten an Leib und Seele; die Zeichen sind gut. Aber bis wir soviel Leid und Krankheit werden gebannt haben, bedarf es zielbewußter, treuer Fürsorge und Arbeit. Diese zu fördern, den Geist unserer Bestrebungen zu erwecken in allen denkenden und fühlenden Menschen, vor allem in unseren Glaubensbrüdern und Schwestern, ist der Zweck der folgenden Erörterungen, die uns von einem hochgeschätzten Arzte aus der Rheinprovinz, von Herrn Dr. rned. Lichtenstein in Neuwied, zugehen und die sich beziehen auf die Berbreitung der Geistes- und Nervenkrankheiten unter den Juden. und die Aufgaben einer Fürsorge für die unbemittelten jüdischen Geistes- und Nervenkranken. Nach der Auskunft des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus befanden sich bei der letzten Volkszählung allein in Preußen 1889 jüdische Geisteskranke (995 männliche, 894 weibliche), davon in Anstalten untergebracht 1322 jüdische Kranke (675 männliche, 647 weibliche). Während bei der Gesamtbevölkerung Preußens auf 1000 Einwohner drei Geisteskranke entfallen, kommen bei der jüdischen Bevölkerung Preußens allein fünf Geisteskranke auf 1000 Einwohner Die Zahl der jüdischen Geisteskranken ist seit der letzten Volkszählung in Preußen unter Zugrundelegung der früheren Steigerungsverhältnisse - auf mindestens 2400 angewachsen. Von diesen 2400 Kranken kann man sicherlich zwei Drittel als .mittellos, beziehungsweise wenig bemittelt annehmen. Nach dem Verhältnis der Bevölkerungszahl ist man berechtigt zu behaupten, daß in ganz Deutschland sich 3600 jüdische Geisteskranke befinden, während die Zahl .der Nervenkranken, über die eine Statistik nicht besteht, eine bei weitem höhere ist. Ueber die Geisteskranken hat man noch vielfach, selbst in den Kreisen .gebildeter Laien, unklare Vorstellungen. Man denkt sich darunter zumeist Leute, denen Bewußtsein des eigenen Jchs und der Außenwelt völlig abhanden gekommen ist. In Wirklichkeit tritt.'die tiefe Bewußtseinsstörung meistens nur in den Endstadien der schwersten Erkrankungsformen auf. Bei einer großen Anzahl von Kranken handelt es sich nur um den Ausfall einzelner geistiger Funktionen, um sogenannte Defekte/ Sowohl diese als ganz besonders das Gros der unter dem Bilde der Pshcho-Neurosen (Nervenschwäche, Verstimmungszustände, Hysterie, chronische Jntoxationen usw.) Erkrankten haben Einsicht genug von der sie umgebenden Welt, und namentlich das religiöse Gefühl vieler dieser Unglücklichen ist in keiner Weise getrübt.

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