Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Inkrafttreten des Gesetzes definitiv angestcllt loerden, die wöchentliche Stundenzahl (20) soll reduziert, Verträge sollen nicht inctjv zwischen Lehrer und Gclneindevvrstand abgeschlossen, loerden. Der Vorstand wurde beauftragt, in diesen: Sinne die Petition au das Ministerium einzusendeu. — Die Kinder der verstorbenen Ehelimte Moritz -und Johanna Oppenheimer, Benny, Lincoln Menny und Oscar F. Oppenheimer, Inhaber des Bankhauses Lincoln Menny Oppenheimer, Dr. Joe Oppenheimer, Rechtsanwalt, Jacques Oppenheimer, Knr^makler und Henriette Frohmann, Ehefrau des Bankiers Ferdinand Frohmann, sämtlich in Frankfurt a. M., sowie Henry Oppenheimer, Teilhaber des Bankhauses Speyer Brothers in London, .haben zun: Andenken an ihre Eltern dem Kindergarten für Israeliten in Frankfurt a. M. eine Schenkung von 100000 Mark gemacht. Die Generalversammlung dieser Anstalt hat darauf beschlossen, den Namen für die Zukunftin „Moritz und Johanna Oppenheimerscher Kindergarten für Israeliten" umzuwandeln und zwei Mitglieder dcv Familie ständig in die Verwaltung auszunehmen. § Lörrach, 12. Oktober. Der hiesige Israelitische Jugendbund, ein „Vereill für jüdische Geschichte und Literatur", der seit 1901 besteht und von drei Tertianern begründet wurde, die im Religionsunterricht ein reges Interesse für das Judentum empfangen hatten, kann nunmehr auf eine fünfjährige gedeihliche Wirksamkeit zurückblicken. Aufänglich hatte er mit großen Schwierigkeiten von seiten der Gemeindemitglieder wie des Synagogenrats zu kämpfen, aber er hat alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden und seine Channkahfeste erfreuen sich des allgemeinen Besuchs seitens der Gemeindemitglieder. Die erste Ausgabe des Vereins war. eine gute Bibliothek anzulegen. Sie besitzt bereits über 2000 Bände jüdischer Lektüre, die sehr fleißig benutzt werden. Um auch die Erwachsenen für die Zwecke des Vereins zu interessieren, hat Herr Lehrer Abel mehrere Vorträge gehalten; seiner Tätigkeit verdankt der Verein die wichtigsten Anregungen. Der neue Synagogenrat gewährt dem Verein jede Unterstützung, so daß seine Stellung in der Gemeinde gefestigt ist. Das Vorbild des Vereins wird sicher belebend wirken und zu ähnlichen Schöpfungen in anderen Gemeinden beitragen. Ter Verein zählt heute 20 aktive und 22 passive Mitglieder; er besitzt eine stattliche Bibliothek und genießt das Wohlwollen der Gemeinde in vollem Maße. Alles dies ist in erster Reihe der Energie und Tüchtigkeit seines ersten Vorsitzenden zn danken. Möge dieses Beispiel anderweitig Nachahmung finden. Oesterreich-Ungarn. ### Wien, 15. Oktober. Endlich hat sich unser Kultusvorstand zu einer Tat ausgerafft. Er hat nämlich auf Antrag des Herrn Dr. Steiner folgenden Dringlichkeitsantrag angenommen: „Es werde ein fünfgliedriger Ausschuß eingesetzt, welcher über eine Stellungnahme in Sachen der russischen Juden beraten und diesbezügliche Anträge stellen soll." Dieser Antrag wurde angenommen und in das Komitee die Herren Dr. Maxim Steiner, Baurat Marmorek, kaiserl. Rat Leopold Sachs, Dr. Markus Spitzer und Baurat Wilhelm Stiaßny gewählt. Was wird dabei herauskommen? Nichts! — Im Dezember d. I. finden hier die Vorstandswahlen statt. Man hört aber noch so gut wie gar nichts von irgendwelchen Vorbereitungen. Selbst aus dem zionistischen Lager ist nichts zu hören. — Wahrhast betrübend für jeden ehrlichen Juden sind die vielen Nachrichten und Artikel der politischen Blätter über den verstorbenen Wunderrabbi von Sadagora und dessen Nachfolge, um die ein heftiger Kampf entbrannt ist. Seit jeher galt dort der Grundsatz, daß der älteste Sohn die Erbschaft nach dem Vater antritt und die übrigen Söhne andere, erst neugegründete Sitze zugewiesen erhalten, wobei ihnen der Inhaber des Stammsitzes, wenn sie wenig einträgliche Orte bekommen, eine bestimmte Abfindungssumme aussetzt. So war es vor 23 Jahren, als der berühmte Rabbi Abraham Jakob von Sadagora starb und zwei Söhne hinterließ. Der ältere, Israel, blieb ans dem Stammsitze, während für den jüngeren, Isaak,, die Gemeinde Bojan als Rabbinersitz neu gegründet wurde. Kommen für den Nachfolger mehrere Kandidaten in Betracht, so treten die Anhänger ans allen Gegenden in Verkehr miteinander und einigen sich, wen sie znm Rabbi haben wollen. Dieser Vorschlag gelangt an das zehngliedrige Rabbinerkollegium, das gleich darauf in Sadagora seine endgül.tige Entscheidung saßt. Jur vorliegenden Falle hat sowohl die Friedmaunscbe Familie als maßgebende (Lhassidim mit bcr Wahl des Nachfolgers einen schweren Stand. Die Witwe des Verstorbenen protegiert ihren ältesten Sohn für die Wahl und sucht mit allen Mitteln zu Hintertreiben, daß der älteste Sohn der ersten Frau ihres Mannes auserkoren werde. Auch unter den Chassidiin, die das erste Wort in dieser Frage zn sprechen haben werden, herrscht große Uneinigkeit. Der Kampf hat derartige Dimensionen angenommen, daß man sich ernstlich mit der:: Gedanken befaßt, den Sadagoraer Stammsitz, diese älteste Burg des Wnnderrabbinertnms. gänzlich auszuheben und ihn nach einem Orte Galizieus oder nach Rußland zu verlegen. — In Uugarn passieren merkwürdige Dinge, wie der folgende Bericht aus Kaschau beweist: Die Fabrikarbeiterinnen Margarethe Varga und Frau Vozäry erstatteten Samstag Vormittag bei der Polizei die Anzeige, daß ein Jude einen Christenknabeu in ein Bet Haus geschleift habe. Aus dem Bethause dringe ein entsetzliches Jammern heraus, denn der Knabe werde wahrscheinlich abgeschlachtet. Der Polizeikonzipist ArpLd Sürossy entsandte hierauf zwei Detektivs und zwei Polizisten in das bezeichnete Haus. Einer der Wachleute postierte sich vor dem Tore, die anderen drei Hüter der Ordnung begaben sich in das Innere des Gebäudes, in dessen rechtseitigem Trakte eine Gassenwohnung zu einem Bethaus adaptiert war. Die Versammelten verrichteten ihre Jom Kipurandacht, als die Detektivs das Bethaus betraten und nach dem ermordeten Kinde suchten. Ihre Bemühungen erwiesen sich jedoch vergeblich und nach einem viertelstündigen Ausenthalte begaben sie sich in den für Frauen abgesonderten Teil des Bethauses, nur die Recherchen fortzusetzen. Hierauf wurden sämtliche Wohnungen, die Boden- und Kellerräume und Kammern durchgestöbert, das ermordete Kind wollte aber noch immer nicht zum Vorschein kommen. Endlich fiel es einem der Detektivs ein, eine der Arbeiterinnen zu fragen, ob sich der Knabe nicht unter der Kinderschar, welche im Hofe fröhlich spiele, befinde. Die Frau erkannte sofort den Knaben; er hatte dieselbe schwarze Mütze aus, die er damals trug, als ihn der Jude ins Haus zerrte. Der Jude war nämlich der Vater des Knaben, der sich ans der Straße herumtrieb und vom Vater gezüchtigt wurde. Der Knabe hat hierbei natürlich geschrien, er tröstete sich jedoch bald und spielte mit seinen Kameraden mit. Während der ganzen, über eine Stunde dauernden Untersuchung befand er sich im Hofe. Nachdem es sich nun herausstellte, daß der ermordete Christenknabe eigentlich ein lebender jüdischer Knabe sei, zogen die Männer der Polizei ab. Die Kaschaner Kultusgemeinde beabsichtigt, gegen die Polizeiorgane, welche in das Bethaus eingedrungen waren, die Strafanzeige wegen Religionsstörung zu erstatten. — In Nosenberg i. B. ist der Rabbiner Philipp Ledere; nach kurzen: Krankenlager an: 4. d. M. im 73. Lebensjahre gestorben. Lederer war zuerst Inspektor des jüdischen Hospitals in Marienbad, dann Rabbiner in Libeschowitz, Gablonz und Nosenberg. Er hat sich durch eine Reihe guter Lehrbücher bekannt gemacht, von denen nur die folgenden erwähnt seien: Präparationsbuck zum Uebersetzen der Gebete (Prag 1862), Homilien (Pilsen 1875), Lehrbuch zum Selbstunterricht in: Talmud (Frankfurt 1881). Hebräische und Chaldäische Abrreviaturen (Frankfurt a. M. 1894), Der Schulchan Aruch in deutscher Bearbeitung (Frankfurt a. M. 1897 ff.). Ehre dem Andenken des wackeren Mannes! Vmr Nah und ssrrrr. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet vor: den Berliner Logen U. O. B. B., Monbijouplatz 10 (kostenloser Stellen" Nachweis für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer) hat durch seine Vermittelung in: Monat Septe:nber 241 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 63 Personen vorübergehende Beschäftigung verschafft. — Dem Rechtsanwalt und Notar Jnstizrat Tr. Veit Simon wurde der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. — In Exir: fand am Vorabend des Neujahrsfestes die feierliche Einweihung der renovierten Synagoge statt, dank der Opferwilligkeit des Herrn Morris Joseph, London (eines geborenen Exiners), welcher eine namhafte Summe spendete und somit das Fundament legte, um die Restaurierung, Malerei und Gasleitung zur Ausführung zu bringen. Die Festrede hielt Herr Dr. Rosenwasser-Berlin. — Die „Post" hat