Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 18 (10.2.1838)
- Date
- 1838-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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II. Jahrgang. AUZkMktKk No. 18. Zeitung -cs Zudcnthums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit König!, Sächsischer allergnädigster Comesiion.) Leipzig, den 10. Februar 1838. Zeitungsnachrichten. Paris, 21. Jan. Das lournal des Oelrnts bringt heute über das Ereigniß in St. Esprit, das früher erwähnt worden, Folgendes: — „Wir haben schon von einem Ereigniß gesprochen, das wir beklagt haben, und welches uns durch die Sentinelle des Pyrenees bezeichnet worden. In der Stadt St. Esprit haben zehn Mitglieder des Municipalrathes ihre Entlassung in Folge der Ernennung eines Israeliten zum Maire gegeben. Dasselbe Blatt hat seitdem einen Brief jener Rache veröffentlicht, in welchem sie zwar dem Charakter des jüngst ernannten Maire, nachdem er seit 7 Jahren als erster Adjunct fungirt, alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dennoch aber ihren Schritt mit religiösen Scrupeln vertheidigen, welche glücklicherweise in Zukunft unvereinbar mit unfern Gesetzen und Sitten sind. Sie haben nicht eingesehen, daß sie den Geist unserer Zeit nicht begriffen haben. Um die Quelle der Gründe, durch welche man auf diese Weise die Municipalämter Israeliten, die man übrigens als rechtliche Männer anerkennt, zu verschließen vorgibt, aufzufinden, müßte man zu den guten Tagen der mittelalterlichen Vorurtheite und des Aberglaubens zurückgehen. Man muß bedauern, daß einige Staatsbeamte, welche Mitglieder des Municipalrathes waren, und unter den Ausgeschiedenen figuriren, sich unbedachtsamerweise haben hinreißen lassen, an diesem Act der Unduldsamkeit Theil zu nehmen. Denn wer weiß, ob die Partheien nicht versuchen werden, diesen Umstand zu benutzen, und die Verantwortlichkeit dieser Ausschließung auf die Regierung zu werfen, die doch ihre Ehre darin sucht, sich dem freien Geiste unserer Institutionen unverändert Neu zu beweisen. — Fünf Israeliten, Municipalräthe der Stadt St. Esprit, haben an ihre alten Collegen einen, durch seine Mäßigung und durch seinenAnstand meckenswerthenBrief gerichtet; sie drükken sich folgendermaßen aus:" „„Wir werden unfern Mitbürgern, welche dies nun seien, sagen: die Menschen sind an Rechten gleich vor dem Gotte der Barmherzigkeit und des Friedens, zu welchem unter verschiedenen Formen sich die Wünsche unsrer Schwäche erheben; wir beten ihn alle zu denselben Zwecken an, mit verschiedenem Cultus, aber mit gleicher Moral; es ist eine Pflicht und ein Bedürsniß für unsere Herzen, in Euch nur — Brüder zu sehen. Bürger und Franzosen wie ihr, stolz auf die reiche Freiheit, welche wir uns um den Preis so vieler Opfer erworben haben, rufen wir diese in Euer Gewissen und in Euer Gedachtniß zurück. Wir fragen Euch, ob überall und immer wir nicht an Eurer Seite und in Euren Gliedern marschirt sind, ob in Privatverhaltnissen wir Euch nicht unsre brüderliche Liebe geliehen haben, wie Ihr auch zu uns gekommen seid, wenn wir Euch riefen; ob in den Tagen des Ruhmes und des Triumphes unsre Freude mit der Eurigen sich nicht vereinigt hat, wir mit Eurem Blute unser Blut in den Tagen der Trauer des gemeinsamen Vaterlandes. Nicht vergebens hat das Schwert der Feinde Frankreichs auf uns seine ruhmreichen Spuren zurückgetassen; nicht vergebens glanzt für unsre Wunden das Zeichen der Braven auf unsrer Brust. *). Wir sind Franzosen für Euch und mit Euch, wir werden Franzosen bleiben; und unter diesem Titel, in welchem wir unsre Ehre suchen, werden wir gegen die Vorurtheile der Einen, gegen den bösen Willen der Andern, die Rechte zu vertheidigen wissen, welche die Vernunft, die Gerechtigkeit und das Gesetz uns verbürgen. Wir werden zu Jenen sagen: die Vorurtheile, welche Euer Gewissen festhalten, hat das allgemeine Gewissen unwiederruflich verurtheilt; zu Diesen: es ist gut, großmüthige Grundsätze zu bekennen, es ist besser, sie auszuüben; zu Allen: gleich vor Gott und dem Gesetze, gleich als Menschen und als Bürger, lasset uns brüderlich die Pflichten des gesellschaftlichen Lebens theilen, und von dieser Gleichheit nur — die Schlechten ausschließen."" „Diesen würdevollen und vernünftigen Worten läßt sich nichts hinzufügen. "Die Israeliten sahen ihre Rechte durch die constituirende Versammlung festgestellt, durch das Kaiserthum bestätigt, und durch das Juli-Reich ausgedehnt,— sie rechtfertigen ihre Befreiung an jedem Tage. Ihnen die Gleichheit mit den andern Bürgern verringern heißt, sich in die grellste Opposition mit den Grundsätzen der religiösen Freiheit setzen, welche Frankreich unter seine theuersten Errungnisse gerechtermaßen zählt. „„Ich habe in unserm Grundgesetze, sagte der Herzog von Orleans in der Kammer der Pairs, die religiöse Freiheit in der ersten Reihe, als die köstlichste, die den Franzosen bewilligt ist, eingeschrieben gesehen; soll Jemand von dieser Wohlthat ausgeschlossen sein, die mit den Ideen, welche im Schooße der französischen Gesellschaft herrschen, so sehr übereinstimmt?"" Nun fragt man, wie, acht Tage nachdem der Thronerbe diese schönen *) Einer der Unterzeichner dieses Briefes ist wegen einer glänzenden Waffenthar, in Folge deren ihm der Schenkel amputirt werden mußte, deconrr worden. An merk, .des Iourn. deS Deb.