Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 40 Berlin, 5. Okto kr l$Oi Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder posi (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstrllen) b.-zogen oierteljährl. 3 M. Re - a kt surr Gustav Acrrxeles. Begründet von Aabbiner De. Ludwig Philippson. VvrlgL8-LxpeMov: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Lum Lsubhüttenkrlte. Berlin, 2. Oktober, er Gedanke, den wir jüngst ausgeführt, daß die Feste des Judentums im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung und Weihe erhalten haben als sie ursprünglich besaßen, dieser Gedanke drängt sich uns namentlich angesichts des Laubhüttenfestes auf. In der ältesten Zeit hing es unmittelbar mit dem Ackerbau, der Getreideernte und der Weinlese zusammen. Alle diese Momente fallen infolge einer traurigen geschichtlichen Entwicklung heute weg. Es war ein Nationalfeiertag, wie die beiden anderen großen Wallsahrtsfeste, an welchen es den Bürgern des jüdischen Staates geboten war, sich in Jerusalem zu versammeln. Für uns sind sie aber nur noch Feste der Erinnerung an die großen Ereignisse der Vorzeit aus der Geschichte des Judentums. Das Laubhüttenfest erinnert uns an den Aufenthalt unserer Väter in der Wüste. Das ist, wenn man so sagen darf, der historische Charakter des Festes. Wir würden unserer geschichtlichen Vergangenheit untreu werden — und das ist wohl das schlimmste, was man einer Gemeinschaft nachsagen kann — wenn wir diesen historischen Charakter des Festes je leugnen und vergessen sollten. Aber mit dem historischen hängt auch der religiöse Charakter des Festes zusammen, der noch ungleich wichtiger ist. Denn in dem Feste der Laubhütten vereinigt sich die Feier Gottes als des Spenders aller Gaben der Natur und als der waltenden Vorsehung in der Geschichte der Völker, insbesonders Israels. „Du sollst dir Laubhütten bauen und darin wohnen sieben Tage, damit du gedenkest, daß dich in Laubhütten wohnen ließ der Ewige, dein Gott, da du aus Aegypten zogest." Und so nahmen unsere Väter Oelbaumzweige und Myrten und Laub von allerhand wildwachsenden Bäumen uub bauten Hütten auf den Platten Dächern und in den Höfen ihrer Wohnungen und zogen Laubgewinde über die Straßen der Stadt und wohnten darunter sieben Tage und feierten ein Fest der Freude und des Dankesjubels vor dem Herrn. Denn, wie Pessach die Weihe Israels zum priesterlichen Volke in dem Bekenntnisse des Einig-Einzigen immer wieder erneuern sollte, so das Laubhüttenfest die Erinnerung, daß nur. unter dem Schutze des Herrn die Israeliten das Land der Verheißung in Besitz geuommen und aus Pilgern in der Wüste Bewohner eines reichen, fruchtbaren Landes geworden. Aus ihren Häusern von Holz und Stein zogen sie in die niedrigen Hütten aus Zweigen und Laub gebaut, die der Sturm leicht umwerfen, der Regen hinwegschwemmen konnte. Da mußte es ihnen zum Bewußtsein kommen, daß auch der erlangte Besitz unsicher in den Händen des Menschen sei, daß jeglicher Bau Zusammenstürzen und seine Bewohner wieder auf den irren Pfad der Pilgerschast versetzt werden können, wenn der Wille des Herrn nicht mit ihm ist und Kraft und Bestand nicht von oben kommt. So denken wir am Laubhüttenfeste dem Gedanken der Vorzeit nach, und unseres Geistes Auge wendet sich aus der längst entschwundenen Vergangenheit zu unserer Zeit, zu unserem Leben hin, und es sind Gefühle der Bewunderung und des Dankes, aber auch der Demut, die unsere Seele durchziehen. Durch die Gnade Gottes haben wir uns ein Haus aufgebaut auf den Wegen des Lebens, so fest und stattlich, so sicher und bequem. Wir haben darin eine Fülle äußerer Güter empfangen, viel mehr als wir beanspruchen durften, als unser Wille und unsere Taten verdienten. Und da wohnen wir in Sicherheit mit den Herzen voll Liebe, die die Gunst des Geschicks an uns geknüpft,- um mit den Mühen des Lebens auch den heiteren Genuß dieser Gnadengeschenke zu verbinden. Wie leicht kann da unser Herz sich erheben, in Selbstüberschätzung betören, in falsche Sicherheit sich wiegen! Meine Hand hat dies gebaut, meine Einsicht dies alles bereitet — wie nahe liegt solches Wort unserm Geiste und unseren Lippen, namentlich in unserer Zeit, in der durch die Erfolge der Naturwissenschaften und durch die Errungenschaften der Technik der Menschen Geist sich so leicht überhebt. Darum sollte Israel hinausziehen Jahr für Jahr aus dem festen Hause in das Laubgewinde der Hütte, daß wir es wissen und fühlen: Alles, was wir sind und haben, ist Gottes Gabe! Alles, was wir sind und haben, erhält uns nur Gottes Huld, Gottes Segen! Wunderbar hat er uns bis hierher geführt, aus Not und Drangsal uns Heil und Größe ersprießen lassen, bis die Wege des Lebens in dem Blütengarten eines stillen Glückes zusammentrafen. Aber wir wissen es nun, es kann sein heiliger Wille sein, daß diesen Garten der Sturm zerstöre, die Dürre veröde, und uns genommen werde, was uns gegeben worden. Doch nein! Sind nicht die Pfosten dieser Hütte aus dem grünenden Wald genommen, ist nicht ihr Dach aus Laub und Blumen und Früchten zusammengesetzt? Duftet es nicht um uns her wie Dust des Herbstes und ein goldener Sonnenstrahl stiehlt sich durch die zitternden Blätter hindurch? So wissen wir es: wenn der Herr uns das Haus von Holz und Stein entzieht, gibt er uns eine trauliche Hütte, wo nicht minder treue Herzen in Freude und Liebe und im Genüsse des Friedens und voll Dankes für alles, was ihnen nun erhalten geblieben, schlagen können. Das ist es, was wir aus den Erinnerungen der Vorzeit im Laubhüttenfest ersehen sollen. Es ist nicht wahr, daß der Gedanke der Abhängigkeit von Gottes Macht und Gnade, wie viele behaupten, den Menschen niederbeuge, daß der Gedanke