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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-18 · Heft 39 (18.9.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 39 (18.9.1906)
Date
1906-09-18
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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' -- 4 -* mit einer Katholikin. Nach ihrer Rückkehr wurde die Ehe in Oesterreich angefochten. Das Landes- und das Oberlandesgericht sprachen die Ungültigkeit der Ehe aus, da das Ehehindernis der Religionsverschiedenheit in Oesterreich ein uneingeschränktes, ethischem Motiv entstammendes sei. Diese Ansicht bezeichnete der oberste Gerichtshof als rechtlich-irrtümlich, hob die Entscheidung auf und wies das Obergericht Zur nochmaligen Verhandlung an. Diese fand nun gestern statt und der Senat entschied diesmal, die in New-Iork geschlossene Zivilehe sei gültig, da das Gesetz nur die Schließung von Ehen zwischen Christen und Nichtchristen in Oesterreich hemme; diese in Amerika geschlossene Ehe sei jedoch nicht anzufechten, weil die beiden Teile sich nicht zu dem Zwecke ins Ausland begaben, um die Ehe zu schließen. Von MH und ssrrn. 9 — Der Direktor des Kaiserin Friedrich - Hauses, Professor Dr. Kutner, hat das Ritterkreuz I. Klasse des badischen Ordens vom Zähringer Löwen erhalten. — Wegen eines Rencontres mit dem Grafen Pü ckl er - Klein tschirne in einem Berliner Hotel war, wie erinnerlich, der Kaufmann Leopold Levi aus Frankfurt a. M. von der Berliner Strafkammer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Diese Strafe wurde jetzt auf dem Gnadenwege in 3000 Mark Geldstrafe umgewandelt. — Der Stadtverordnete und Handelsrichter Hermann Bamberg ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Am 22. dieses Monats feierte Professor Dr. Wilhelm Sklarek, Herausgeberder „Naturwissenschaftlichen Rundschau", seinen siebzigsten Geburtstag. — Rabbiner Dr. Gabriel Perlitz in Nakel hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Justizrat Dr. Ludwig Cohn in Breslau hat das Ritterkreuz I. Klasse des Herzoglich-Ernestinischen Hausordens erhalten. — Landgerichtsrat Max H irschel, ein geborener Glogauer, der mit hiesigen Kreiset: vielfache Beziehungen hatte, ist im Alter von 48 Jahren am 15. d. Min Wien gestorben. Er stand seit 1879 im preußischen Justizdienst, war 1884 Gerichtsasfessor und 1889 Amtsrichter in Gleiwitz geworden, wo er 1898 zum Amtsgerichtsrat ausrückte. Seit Neujahr 1900 war er Rat am Gleiwitzer Landgericht. Die Beerdigung fand am 18. d. M. iu Kattowitz statt. Rabbiner Dr. Cohn hielt eine ergreifende Trauerrede. — Am 22. d. M. fand an der Jacobson - Schule zu Seesen (berechtigte Realschule mit realprogymnasialer Abteilung) die Reifeprüfung unter dem Vorsitz des Herzoglichen Kommissars Herrn Professor Dr. R. Fricke aus Braunschweig statt. Sämtliche neun Prüflinge der beiden ersten Klassen haben die Prüfung mit Erfolg bestanden. — Das hessische Schulministerium hat einer sechzehnjährigen jungen Dame, einer Jüdin, die Erlaubnis erteilt, zum Zwecke eines späteren Universitätsstudiums das Real-Gymnasium zu besuchen. Die junge Dame wurde den Schülern der Obersekunda zugeteilt. — Die „Badische Landeszeitung" berichtet: Zu den Festlichkeiten am badischen Fürstenhof ist ein „Königspsalm" erschienen, welcher von dein zu Müllheim i. B. geborenen und in Elberfeld bei der israelitischen Gemeinde als Oberkantor fungierenden Herrn Hermann Zivi komponiert und den Großherzoglichen Herrschaften zur Feier der gegenwärtigen seltenen Tage gewidmet ist. Der Großherzog hat die Widmung huldvollst angenommen und den Komponisten ermächtigt, das Werk samt Widmung zu veröffentlichen. — Anläßlich des 25 jährigen Bestehens seiner Firma hat Herr Fabrikdirektor Josef Berliner in Hannover der hiesigen Bildungsanstalt für jüdische Lehrer 5000 Mark überwiesen. — Dem Ehepaar Rabbiner Dr. Plato in Köln, das kürzlich sein goldenes Ehejubiläum feierte, ist die Ehejubiläumsmedaille überreicht worden. — Nach den nunmehr vorliegenden amtlichen Erklärungen haben in Verfolg der neuerlichen offiziellen Austrittsbewegung 37 Personen (21 Männer und 16 Frauen) ihren Austritt aus der Kölner Shnagogengemeinde erklärt. Und darum dieser Lärm! — Der Magistrat von Frankfurt a. M. benannte eine neue Straße in der Nähe des Ostbahnhofs Sonnemannstraße, nach dem Begründer der „Frankfurter Zeitung", Leopold Sonnemann, der sich um die Stadt Frankfurt große Verdienste erworben hat. — In Bamberg ist am | 19. d. M. der Kommerzienrat El kan Rosenwald im 66. Lebens- | jahre gestorben. — Landgerichtsrat Dr. Theodor Engel mann in! München wurde zum Staatsanwalt beim Oberlandesgericht j München mit dem Range und Gehalt eines landgerichtlichen Staatsanwaltes befördert, unter der Bestimmung, daß er bis auf weiteres auch bei der Generalstaatsanwaltschaft beim Obersten Landesgerichte verwendet werde. — Gegen einen ungarischen Bezirksrabbiner wurde vor einiger Zeit auf Grund eines rechtskräftigen Urteils die Pfändung geführt. Unter anderem wurde auch die Bibliothek des Rabbiners mit dem Pfändungssiegel belegt. Auf einen Rekurs des Rabbiners gegen die letztgenannte Verfügung entschied nun die Fünfkirchener königliche Tafel, daß die Bibliothek eines Rabbiners zu dessen Berufstätigkeit unerläßlich und daher nicht pfändbar ist. Die Gerichtssperre über die Bibliothek wurde daher aufgehoben. — In Stockholm ist am 22. d. M. Oscar Leve rtin, einer der hervorragendsten Dichter und Literarhistoriker Schwedens, im 44. Lebensjahre gestorben. Er war Professor der Literatur an der Universität in Stockholm. — Wie Blätter melden, hat man noch bei der letzten russischen Londoner Anleihe versucht, die Rothschilds zur Beteiligung zu bewegen. Um ihren Namen auf die Subskriptionsliste zu bekommen, hat man dem Londoner Rothschild ausdrücklich erklärt, er könne fordern, was er wolle. Er hätte 50 Millionen und mehr verdienen können, aber er hat es abgelehnt. — Der bekannte Musikschriststeller und langjährige Leiter des Alhambra-Orchesters in London, Georges Jacobi, ist einem Schlaganfall erlegen. Jacobi war ein geborener Berliner und erreichte ein Alter von 66 Jahren. 1896 wurde Jacobi zum Professor des Royal College öf Music ernannt, und 1898 zog er sich von der Leitung des Alhambra-Orchesters zurück. — In Mailan d fand am 20. d. M. eine von 30 Abgeordneten der Linken einberufene und von 2000 Personen besuchte Protestversammlung gegen die Greueltaten des russischen Despotismus statt. Viele Teilnehmer des Weltfriedenskongresses waren anwesend, der französische Philosoph und Friedensfreund Charles Richet wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die Reden der italienischen Parlamentsmitglieder Turati, Mirabelli Fera und der russischen Revolutionärin Angelika Balabanow erweckten stürmischen Beifall. Zum Schluß wurde eine in schärfsten Ausdrücken abgefaßte Erklärung einstimmig angenommen. —■ Die Königin der Niederlande hat dem Staatsanwalt M. Oppenheimer in Zwolle und dem Sekretär der niederländischen Gesellschaft in Berlin A. N. Polak den Hausorden von Oranien und Nassau verliehen. — In Odessa hat der Gehilfe des Kronrabbiners, Dn Tschernowitz, die Erlaubnis erhalten, .die dortigeJeschiba in eine Rabbinerschule umzuwandeln, in welcher moderne jüdische Rabbiner erzogen werden sollen. — Kürzlich war auf der russischen Station Ua st o w ein Mann verhaftet, bei dem fünf Bomben vorgesunden wurden. Da die Zeitung „Kijewljanin" behauptete, der Mann sei ein Jude, worein neuer Pogrom zu befürchten. Jetzt ist festgestellt worden, daß der Verhaftete ein russischer Bauer aus jener Gegend ist. — Der Polizeichef des ersten Bezirks der Stadt Bialystok, Scheremetjew, welcher an der Organisation des dortigen jüngsten Pogroms stark beteiligt war, hat jetzt einen Posten in der Petersburger Polizei bekommen. Also eine Auszeichnung! — Nach Meldungen aus Brest- L it o wsk erhielten angesehene Juden zahlreiche Drohbriefe. Infolgedessen herrscht dort große Panik. Mehrere Tausend jüdische Einwohner der Stadt verlassen ihre jetzigen Wohnsitze panikartig. — In der Synagoge in Charkow brach während des Neujahrsgottesdienstes infolge eines Mißverständnisses eine Panik , aus. Bei dem Gedränge an den Ausgängen wurden mehrere Frauen leicht verletzt. Der Polizeimeister erschien mit Schutzleuten und beruhigte die Leute, worauf der Gottesdienst seinen Fortgang nehmen konnte. — Die Flucht der Juden aus Rußland nimmt ungeahnte Dimensionen an. Aus Bialystok sind in den letzten drei Monaten, einer Meldung der gewiß unverdächtigen, weil antisemitischen „Russischen Telegraphenagentur" zufolge, nicht weniger als 20 000 Juden ausgewandert! Aus Kiew wird berichtet, daß bloß in der letzten Augustwoche nicht weniger als 500 jüdische Familien die Stadt verlassen und sich ins Ausland begeben haben. — In der Stadt Bender, Gouvernement Bessarabien, leben die Juden in beständiger Angst vor Krawallen und verlassen massenhaft die Stadt. Allein in den Tagen des 8. und 9. September haben nicht weniger als 3000 Juden den Ort verlassen, um anderswo vorübergehend Schutz zu suchen.

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