Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228725--62852-3290034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

70. Jahrgang. No. 34. Berlin, 24. August 1906. eitung desAudentums Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 81. r?edakteurr Gustav rnarxeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition stnd an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/4-, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. D Me Grlamtorganilatmn. ' Berlin, 21. August. ie brennendste Frage, die das deutsche Judentum in nächster Zeit und wohl ziemlich lange zu beschäftigen haben wird, ist die der Eesamtorganisation. Daß etwas geschehen müsse, um dem Zerfall und der Desorganisation entgegenzuwirken, ist die Meinung aller, die die gegenwärtigen Verhältnisse kennen, die es ehrlich mit der Sache meinen, und denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt. Nur über die Wege zum Ziel herrschen noch weitauseinandergehende Meinungen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat sich deshalb ein großes Verdienst erworben, daß er einen festen Punkt geschaffen hat, um den sich die verschiedenen Anschauungen gruppieren können, indem er Herrn Prof. Rosin in Freiburg, eine» der angesehensten deutschen Staatsrechtslehrer, einen unserer besten Juden, veranlaßt hat, einen Organisationsentwurf auszuarbeiten. Auf dem letzten Gemeindetag in Frankfurt a. M. wurde dieser Entwurf vorgelegt und — man darf es wohl sagen — mit allgemeinem Beifall ausgenommen. Erst seitdem die Arbeit weiteren Kreisen zugänglich gemacht wurde, erhob sich von der rechten wie von der linken Seite — namentlich aber von der ersteren — lebhafter Widerspruch sowohl gegen die Organisation an sich, wie gegen den Rosinschen Entwurf. Noch wogt der Streit der verschiedenen Richtungen und Anschauungen hin und her, und es ist nicht abzusehen, wie eine Einigung zu erzielen sein wird. Unter diesen Umständen haben wir es im Interesse der Sache sür zweckmäßig gehalten, eine Umfrage an die hervorragendsten Männer der deutschen Judenheit, an Vertreter aller Richtungen und Stände, zu richten, indem wir um die Beantwortung der beiden folgenden Fragen baten: 1. Wie denken Sie über die Idee der Gesamtorganisation an sich? 2. Wie denken Sie über den Rosinschen Organisationsentwurs? Wir hoffen dadurch, daß wir die Urteile der angesehensten Männer hier veröffentlichen, wesentlich zur Klärung der Frage beizutragen und danken allen, die so bereitwillig unserem Ersuchen entsprochen haben. Guter jüdischer Sitte getreu, geben wir heute zuerst einem Rabbiner das Wort, und zwar dem Rabbiner der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Ihm folge einer der hervorragensten Männer unserer Gemeinde, zugleich eine Zierde des gesamten Judentums! Wie ich über die Frage her Gesamtorganisation denke, wollen Sie wissen? Die Organisation der Gesamtheit ist selbstverständlich notwendig. Einheit ist Macht. Dies erkannten wir ja gerade in der jüngsten Zeit, wo sie uns leider fehlte, und darum Teilverbände entstanden, die zuletzt doch noch zur organischen Spitze drängten und die Frage der Gesamtorganisation in Fluß brachten. Es gibt ja auch, abgesehen von der Vertretung nach außen, eine Fülle innerer Aufgaben, die nur durch die Gemeinschaft aller Kräfte gelöst werden können, wie die Zusammenfassung kleinerer Gemeinden zur Bezirksgemeinde, die Unterstützung minder leistungsfähiger Gemeinden aus den Mitteln der Gesamtheit, und endlich die Pflichten der Erziehung und der sozialen Fürsorge, deren Erfüllung einer stets gefährdeten Minorität besonders dringend geboten ist. Kurz, die Atomisierung der preußischen Judenheit, wie sie durch das Judengesetz von 1847 — mit oder ohne Absicht des Gesetzgebers — herbeigeführt wurde, muß aufhören, wenn auch nur die Sorge um die elementarsten Bedingungen unseres Bestandes von uns genommen werden soll. Also gesetzliche Einheit auf Grund religiöser Freiheit. Was nun den Rosinschen Entwurf betrifft, so ist er als Substrat eines Gesetzes recht gut zu brauchen; er enthält viel Gutes. Nur muß er der einzelnen Gemeinde die volle Autonomie in allen religiösen Dingen zurückgeben, in der Ausgestaltung ihres Gottesdienstes, in der Ausbildung ihrer Gemeindeinstitutionen, in der Wahl ihrer Beamten, einschließlich des Rabbiners. Es darf keinerlei Zwang in religiösen Dingen von oben herab stattfinden. Den einzig zulässigen Zwang übt die Einzelgemeinde durch ihre Majorität auf die Minorität aus, weil sonst die Gemeinde als solche nicht bestehen könnte, aber auch hier soll er durch das beizubehaltende Austrittsgesetz gemildert werden. Die Judenschaft besteht nur aus Einzelgemeinden, die in bloßen Verwaltungsfragen durch die Oberinstanz zusammengehalten werden. Auch die synodalen Beratungen, die sehr zu empfehlen sind, weil nur das Laienelement die von Haus aus konservativen Rabbiner zum Fortschritt in der Religion drängen kann, sollen in allen religiösen Fragen ihre Beschlüsse den einzelnen Gemeinden bloß zur Annahme empfehlen, ohne sie erzwingen 3« wollen. Diese Freiheit ist für den fortschrittlich gesinnten Teil der deutschen Judenschaft weit wichtiger als für den konservativen; ohne Freiheit ist die religiöse Entwicklung nicht denkbar, und Uniformität in Nebendingen (nur solche bildet das Streitobjekt der Parteien, die ja in allen Grundfragen einig sind) ist im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.