Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 17 (8.2.1838)
- Date
- 1838-02-08
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 viel gewanderten Juden vielerlei fremde Superstitionen angenommen haben und im Privatleben ist Aberglauben von allen Sorten unter ihnen sehr verbreitet. Die öffentlichen Gebete jedoch sind fast frei davon. Die Stoßgebete beim Schofar, die Gebete Machnise räclmmim und Malacbe racliäniim finden sich nicht bei ihnen. Von Dingen dieser Art deutschen und polnischen Ursprungs, wie z. B. das Testament R. Jeliuda Hachasid’s wissen sie gar nichts, auch nichts von Raparüt-Umschlagen; desto mehr aber von astrologischen Ideen. Das Wort besiman tob bringen sie nicht allein häufig im Mische-Beräch etc. an, sondern der Chätan Torä beginnt nicht einmal die Bibel, ohne jene Formel vorauszuschicken! Die Verschiedenheit des Talmudstudiums der Portugiesen von dem unsrigen ist augenfällig, da ihnen der polnische Pilpul fast unbekannt blieb und ihre Methode wäre bei unserer jetzigen Reorganisation dieser Disciplin sehr zu beachten. Dem Magen Abraham und andern polnischen Lehrern geben sie keine entscheidende Autorität. Wegen des Cohcmim - Segens befolgt jede Gemeinde ihre eigene Anwendung. Im Allgemeinen ist der Sabbat kein Hinderniß. An vielen Orten wird an jedem Sabbat und Festtag gesprochen, in manchen an jedem Festtag, er sei zugleich Sabbat oder nicht, in einigen am Sabbat und am Sabbat-Festtag nicht. Am Versöhnungstage aber wird er überall dreimal gesprochen, auch wenn zugleich Sabbat ist, nemlich im Morgen-, im Mussaf- und im Schlußgebet: sonst ist die gewöhnliche Zeit das 8cI,acbLrit-Gebet. Daß die bei uns während des Segens gelesenen Verse und Stoßgebete hier nicht üblich sind) bedarf keiner Erwähnung: die Ahroniden singen ziemlich gedehnt und jeder hört stillschweigend zu. Ich gestehe Ihnen, daß das gesammte portugiesische Ritual mit seinem Dialekt, seinen Pijutim (deren sie indeß sehr wenige haben), seinen Chorälen, seinem Vortrag und seinen, wenn auch der winzigen Gemeinde etwas getrübten äußern Würde, auf mich, den, wie wir alle mit Reformations-Ideen schwanger Gehenden, einen sehr wohlthatigen Eindruck gemacht hat. Hier fand ich ein reiches ausgearbeitetes .und den Nimbus des Alterthums in sich tragendes System, das keiner neuen Sanktion, sondern blos allenfalls etwas Aufräumens bedarf, um völlig zeitgemäß dazustehen, und mich wundert nur, daß der hiesige neue Tempel, den man doch wenigstens nicht beschuldigen kann, die hebräische Sprache beim Gottesdienst beseitigen zu wollen, sich ihm nicht noch näher angcschlosscn hat. (Schluß folgt.) Correspondeuje», Auszüge, Repliken. Dresden, Januar. Schule. Geehrter Herr Redacteur. Wenn von allen Seiten Berichte über den Zustand der jüdischen Gemeinden an Sie einlaufen, mag auch Dresden nicht Zurückbleiben, wo es gilt ein Zeichen des crwachenden Lebens zu geben. Denn nur so kann ich daS aus langjährigem Winterfroste aufgethaute rege Treiben nennen, was sich auch bei uns kund gibt. Und ich beginne mit dem, was am meisten zeugt für die Bildung der gegenwärtigen Generation, für die Anerkennung der Erfordernisse der neuen Zeit, und was die besten Hoffnungen erregt für das Wohl kommender Geschlechter, für die Blüthezeit einer künftigen geistigen Entwickelung—mit dem Schulunterricht. Die Gelegenheit dazu gibt mir die am 2. u. 3. Nov. in Gegenwart mehrer Landstände, Stadträthe, mehrer Geh. Kirchenrälhe, des Kreis-Directors u. s. w. abgehaltene Prüfung der isr. Gemeindeschule, die den besten Beweis für die Thätigkeit der Lehrer und den freudigen Willen der Schule abgab. Und wem anders gebührt dieses Verdienst, als unserm hochverehrten Rabbiner, dem vr. Frankel. Warlich nur derjenige, der selbst frühereineisraelitische (Winkel-)Schule besucht hat, der da weiß, wie ohne allen Plan, alle Ordnung, ganz nach dem Willen der Eltern, oder nach der täglich sich ändernden Laune der Lehrer, der Unterricht in wenigen Fächern geleitet wurde: wer den Geist der Schulen kannte und die abhängige, von pecuniären Verhältnissen go-j drückte Lage derLehrer: nur dieser kann das Verdienst eines Mannes anerkennen, der mit rastlosem Eifer, selbstthätig handelnd ununterweisend, eine lneue Schule schuf, Lehrer anstellte, und diese von dem Willen eigenmächtiger Eltern emancipirte, Plan und'Ordnung in den von ihm selbst angegebenen Unterrichtsgegenständcn einführte, locale und pccuniäre Hindernisse übernmnd, und so in der kürzesten Zeit eine Schule herstellte, die frei und unabhängig dasteht: für die Zukunft fest gegründet und viel verheißend, ein freudiges Zeichen der Gegenwart, den übrigen Schulen Dresdens keineswegs nachstehend, und die bereits mehrfach Lob vom CultuSnnsterium einerntete, daS früher eine Vereinigung israelitischer und christlicher Schulen wünschend, diesem Unternehmen seine Achtung nicht versagt. — Ich liefere Ihnen noch kurz einige statistische Notizen: — Es sind drei Klassen von Schülern; die Anzahl derselben beträgt 60, worunter 30, die nicht zahlen. Talmud-Tora, eine Klasse für unentgeldliche Unterrichtertheilung an arme Kinder — soll (!) 20Thlr. für sie entrichten! —- Die Unterrichtsgegenstände j sind: Lesen, hebräisch und deutsch, mit Einschluß deö Buchstabircns, Schreiben, hebräisch und deutsch, Gebetübersehen, Religion, biblische Geschichte, Sprachlehre, deutsch und hebräisch, Rechtschreibung, Rechnen, Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Stylistik, Bibcl in der Ursprache mit Commentar (MIT")), Propheten, Psalmen. Der H. Oberrabbine erthcilt selbst Unterricht in der Geographie von Palästina, was den Lehrern und Schülern eine nicht geringe Ermunterung war. Auch wohnt er sehr oft dem Unterricht der übrigen Lehrer bei, deren drei .angeftellt sind, zwei jüdische und ein christlicher. — Außerdem unterrichtet noch eine tjüdische- Lehrerin täglich 3 Stunden in weiblicher Handarbeit. Samstag Vormittags ist seit einem halben Jahre Wiederholungsunterricht für Jene, die die Schule verlassen (Lehrlinge, Künstler, Studierende :c.) bis zum 18. Jahre (Chumasch). Außerdem wird noch auf ausdrücklichen Wunsch der Aeltern französisch gelehrt. — Unterrichtsstunden hat die letzte Klasse 26, die 2te 36, die Iste 37 wöchentlich. — Die Localität ist paffend, geräumig und höchst anständig, so daß die Schule in ihrem Innern und Aeußern zu immer freudigeren Hoffnungen berechtigt. — Ich hoffe, Ihnen nächstens mehr über die dresdner Gemeinde mittheilen zu können. — Redacteur: vr. L. Philippson. — Verlag von Banrrrgärtners Buchhandlung. - Druck von I. B. Hirfchfeld.