Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 30. Allgemeine Berlin, 27. Juli 1906. eitung desAudentums Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint yröchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarzieles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philippsoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/49, zu richten. Verlag vsu Rudolf Mofse, Berlin. Die Mgge um Lion. Berlin, 24. Juli. ie ergreifenden Klageworte, mit denen der Prophet Jeremias den furchtbaren Sturz Israels von einst stolzer Höhe, den bitteren Schmerz um seine schrecklichen Leiden und den grimmen, ewigen Hohn unserer Feinde beweint, können auch heute noch kein fühlendes Herz ungerührt lassen, ja an diesem Tischebeaw müssen sie um so mehr jedes jüdische Gemüt bis ins Innerste erschüttern, da der Ausblick von der Wetterwarte der Zeit noch gar schwere Stürme für das kleine Häuflein Israel verkündigt. Es liegt in der Menschenbrust ein tiefes Sehnen nach Frieden, ja der Trieb der Selbsterhaltung wiegt uns alle, selbst wenn wir mitten in Gefahren sind, noch gerne in trügerische Selbsttäuschung; aber kann uns die geschichtliche Erkenntnis darum ganz verborgen bleiben, daß der messianische Traum des Völkerfriedens noch weit, ach gar zu weit von der Erfüllung entfernt ist, ja daß für jeden einzelnen von uns der Tag kommen kann, wo er den Verfolgungen der Feinde Israels erliegt und schmerzbewegt mit dem Propheten Jeremias ausrufen muß: „Ich bin der Mann, der das Elend gesehen!" Wahrlich unsere doch so kulturstolze Gegenwart bietet uns auch jetzt noch Anlaß genug zu tiefer Einkehr, zur ergreifenden Klage, welche das Herz erleichtert und es für den Trost jenes Gottvertranens empfänglich macht, das in schweren Stunden unseren Vätern geholfen für und für. Und wir bedürfen gerade jetzt dieses Vertrauens mehr als je, wegen der furchtbaren Leiden, die über so viele unserer Brüder wieder und wieder verhängt werden. Selbst die ersten Staatsmänner, die größten Gelehrten und Weisen unserer Zeit, welche gegen das in Rußland an unseren Brüdern verübte Unrecht laut vor aller Welt Protest eingelegt, das dort vergossene Blut in tiefstem Schmerz beklagt haben und die mit uns den baldigen Sieg der Gerechtigkeit erflehen und erhoffen, sie alle wissen leider nicht, was aus dem moskowitischen Chaos noch werden soll. Nur eine gar bange Ahnung steigt mitunter in denen auf, welche die Brutalität der Gewalt kennen gegen diejenigen, die im Kampfe des Lichtes und der Freiheit auf Vorposten stehen — die Befürchtung, es dürfte doch wohl leider mit Bialhstok die Reihe der Pogroms noch nicht abgeschlossen sein. Hoffen und beten wir daher an diesem Tischebeaw, daß nicht noch Bäche jüdischen Blutes fließen müssen, ehe auch unseren Brüdern im Osten das Mörgenrot der Freiheit und der Menschenrechte leuchtet. Aber ist. nicht für den Juden gerade heute dieses Panier der Menschenrechte noch überall bedroht? War es nicht auch ein „Bund der Menschenrechte", der für die Unschuld eines von der Reaktion Geächteten eintrat und lange, lange vergeblich kämpfte? Ja, es hat lange genug gedauert, bis mitten in die Hiobsposten von Osten, welche neue Leiden und das alte Elend des Exils für viele unserer Brüder anzudrohen scheinen, aus Frankreich, aus dem großen Kulturzentrum des Westens, die Nachricht zu uns kommen durfte von dem endgültigen Siege der Wahrheit und Gerechtigkeit. Haben da nicht gar viele unserer sozial hochstehenden Glaubensgenossen auch in dem auf seine Freiheit, seine Aufklärung so stolzen Frankreich mit uns doch wieder einstimmen müssen in die Klage um Zion? Hat nicht angesichts der uns von unserm Gegner fast gewaltsam aufgedrängten Solidarität gerade in den Herzen unserer einsichtigsten Führer und Berater sich wieder die alte Klage erheben müssen über die innere Zerfahrenheit in unseren eigenen Reihen, über Jndifferentismus und Abfall? Und wahrlich, beschämend müssen diejenigen zur Seite treten, welche auch dieses Mal, wie so oft, wenn die Gegner mit furchtbarem Tamtam das öffentliche Gewissen zu betäuben suchen, auch aus unfern Reihen zu Tausenden den Rassen - Humb ug mitgemacht haben und in das „Schuldig, schuldig, schuldig!" einer verblendeten, später über die ganze Welt verbreiteten Clique miteinstimmten. So haben wir wahrlich noch Anlaß zur Klage genug auch an diesem 9 Ab; aber unsere ewige Klage gilt nicht der Wiederherstellung Jerusalems, sondern wir trauern um das geistige Zion der ganzen Menschheit! Wir haben nicht den Ehrgeiz, ein kleines Fürstentum von den Gnaden der europäischen Mächte, einen Pufferstaat, im fernen Orient zu bilden und dort die Ruhe zu suchen, die man uns hier nicht gönnt. Unser Ehrgeiz, wir gestehen es freimütig — geht weiter und höher. Wir wollen die Aufgabe, die unsere.Propheten uns zugewiesen, mitten unter den Völkern, die die Kultur auf ihre Fahne geschrieben, zu erfüllen suchen, und der großen Mission nicht ängstlich ans dem Wege gehen, die uns gebietet, „ein Licht der Völker" zu werden und unbeirrt von allen Verfolgungen die Saat des Gottes- und Menschheitsgedankens so lange auszustreuen, bis jedes Knie sich vor dem Herrn auf Zion beugt. Haben nicht gerade diejenigen, welche so gerne in unfern Tagen die nach ihrer Meinung törichte und vergebliche „Mission Israels" bespötteln, jetzt wieder sehen müssen, daß im Hinblick auf ein ideales Zion gerade der Stein, den die Bauleute verwarfen, zum Eckstein geworden, ja daß der Kampf, den unsere Glaubensgenossen geführt haben, für ewig in die Annalen der Geschichte eingetragen bleibt als unser Sieg, als der Sieg der Geistesfreiheit über die allerdings überall noch gewaltig gährende Reaktion. Wäre dieser Bund der Menschenrechte auch nur möglich, wenn wir religiösen Juden,