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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Damals war von einer weiter reichenden revolutionären Bewegung in Rußland oder gar von einer Teilnahme der Juden hieran nicht die Rede. Damals weilte ich, der gefertigte, derzeitige Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, persönlich als Delegierter sämtlicher europäischer Hilfsvereinigungen wochenlang an der russischen Grenze, und dankbar gedenke ich noch heute der moralischen Unterstützung, welche die hohe k. k. österreichische Regierung mir in meinem Liebeswerke zuteil werden ließ. Vor meinen Augen sehe ich die Scharen russischer Flüchtlinge, welche, Hab und Gut preisgebend, sich vor den Mörderbanden rettend, Hilfe flehend sich an uns wandten und nicht selten noch knapp vor der österreichischen Grenze ihr Letztes hingeben mußten. Seither sind die russischen Pogroms eine regelmäßig wiederkehrende Erscheinung geblieben. Bekannt ist auch die unmenschliche Behandlung der russischen Juden ex le^e, ihre Zusammenpserchung in einem Ansiedlungsrayon, wo sie mangels an Erwerbsquellen dem namenlosen Elend, dem Hunger und seinen Qualen preisgegeben sind. Und wenn dann endlich die gequälte Kreatur verzweifelt nach Rettung ausschaut und solche nirgends erblickt, wenn als Antwort auf den Hilfeschrei der Hooligan sein blutiges Handwerk übt unter der Duldung, ja unter dem Schutze der öffentlichen Autorität, dann möge Herr Dr. Kramarz sein Sprüchlein: „Wer Wind säet, der wird Sturm ernten," an die kompetente Stelle, nicht an die Juden, sondern an die kaiserlich russische Regierung adressieren. Nicht die Juden sind es, welche die Erde Rußlands mit Blut tränken, sondern mit dein Blute der Juden wird die Erde Rußlands getränkt. Die Judenmetzelei ist das beliebte Echappatoire aus den mancherlei Verlegenheiten der Staatsverwaltung in Rußland. Das Präsidium der israelitischen Kultnsgemeinde Wien." Vmr Sah und fern. " Ten Charakter als Professor haben erhalten die Oberlehrer Dr. G. Wallenberg von der neunten Realschule, Karl Cohn von der zweiten Realschule, Dr. S. Ja ffe vom Lessing-Gymnasium. — Dem Amtsgerichtsrat Dr. Liepmapn in Charlottenburg ist aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Justizdienst der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. — Am 5. d. M. ist Herr Moritz Milchner hier nach kurzem Leiden gestorben. Länger als ein Jahrzehnt stand der Verstorbene als Mitglied der Friedhosskounnissiou im Dienste der jüdischen Gemeinde und hat mit lebhaftem Interesse und großer Gewissenhaftigkeit den Pflichten seines Ehrenamtes obgelegen. — All! 11. d. M. starb hier Herr David Loewenberg, Seniorchef und Begründer der seit über dreißig Jahren bestehenden Möbelfabrik D. und B. Loewenberg. Er hat es bei seiner großen Arbeitsfreudigkeit und unermüdlichem Streben verstanden, die aus kleinen Anfängen hervorgegangene Firma auf ihre jetzige Höhe zu bringen. — Ter Spediteur David N. Schlesinger in Breslau hat als Vorsitzender der Lagereiberufsgenossenschast für seine langjährige Tätigkeit den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Für den rascheren Wiederaufbau der abgebrannten Michaeliskirche in Hamburg zeigt sich auch bei den dortigen Juden große Teilnahme. Der Kaufmann Levisohn erklärte bei seiner Spende, daß die alte Michaeliskirche ein Wahrzeichen der Toleranz gewesen sei, denn in früherer Zeit sei die Ansiedelung von Juden um die Kirche geduldet worden; deshalb trügen die Israeliten gern zum Wiederaufbau der Kirche bei. - - Die Schule der Altonaer israelitischen Gemeinde blickt in diesem Monat auf ein lOOjähriges Bestehen zurück. — Der Ordinarius für Physiologie und Senior der medizinischen Fakultät der Universität Erlangen, Professor I. Rosenthal, vollendete am 16. d. M. sein 70. Lebensjahr. Es wurden Professor Rosenthal, der sich im öffentlichen Leben nach verschiedenen Seiten hin betätigt hat, mannigfache Ehrungen zuteil. — In Mannheim ist der allgemein geachtete Kaufmann Julius Ettling er gestorben. Er gehörte seit vielen Jahren der Gemeindevertretung und auch der badischen Landessynode an. — Ein Herr Rehns aus Paris stiftete im Jahre 1902 den Betrag von 100 000 Mk. zur Gründung eines israelitischen Knabenwaisenhauses in Hagenau, welches nunmehr im Laufe dieses Monats eröffnet werden soll. — Der Stadtrat von Zürich beschloß, legitimationslosen Ausländern künftig nur noch ausnahmsweise und auf beschränkte Dauer die >' Niederlassung zu gewähren und die Verhältnisse der jetzt in Zürich! wohnenden legitimationslosen Ausländer prüfen zu lassen. Diese Verfügung richtet sich sehr wahrscheinlich nur gegen die russischen Juden. Da in Rußland ein Auslandspaß 25 bis 30 Rubel kostet und seine Aushändigung häufig erst nach Wochen geschieht, so sind die Auswanderer häufig nicht in der Lage, sich mit einem Auslandspasse zu versehen. Hier ist am 1. d. M. der Lehrer an der hiesigen höhern Töchterschule Dr. Carl Jose pHy im 47. Lebensjahre gestorben. -- Der französische Rabbinerverband hat «m 12. und 13. v. M. seine konstituierende Versammlung abgehalten. Es waren 23 Mitglieder anwesend. Unter anderem wurde beschlossen, die Fragen betr. die jüdische Ehescheidung und die Chalizah, die Teilnahme der Frauen an den gottesdienstlichen Handlungen und die Dauer des Gottesdienstes zumGegenstand einer Untersuchung zu machen. —Das 12. Artillerieregiment in Vincennes bei Paris, dessen Generalstabe Dreyfus zugeteilt worden ist, wird kommandiert von dem jüdischen Obersten Meyer Samuel. Einige antisemitische Blätter suchen jetzt die Offiziere des Regiments gegen Dreyfus aufzuhetzen. — Die Societe centrale de medecine veterinaire zu Paris, eine der ersten wissenschaftlichen tierärztlichen Gesellschaften Frankreichs, hat die bekannte Berliner Bakteriologin Dr. Lydia Rabinowitsch auf Grund ihrer Forschungen auf dem Gebiete der Tierheilkunde als erste Frau zum korrespondierenden Mitglied ernannt. — In Paris nahm der Generalrat mit 41 gegen 20 Stimmen eine Adresse an, in welcher der schmerzlichen Sympathie für das russische Volk, sowie der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß dasselbe die Freiheit gewinnen werde. Die Adresse verlangt weiter, daß bei den öffentlichen Gewalten Schritte getan werden, daß den Rußland entehrenden Metzeleien, deren Schmach alle zivilisierten Völker Mitempfinden, Einhalt getan werde. Der Präfekt erhob gegen die Adresse Einwendungen. — Die Akademie der Medizin Paris hat den Professor Dr. F. Widal von der dortigen Universität zum Mitglied ernannt. — Samuele Ottolenghi, Departementsches im italienischen Ackerbauministerium, hat das Kommandeurkreuz des Ordens von St. Maurizio und St. Lazaro erhalten. — In Mailand ist Claudio Trewes, der Herausgeber des „Temps", ins Parlament gewählt worden, das nun 13 jüdische Mitglieder zählt. — In Warschau ist der Schriftsteller Adolf I. Cohn im 63. Lebensjahre gestorben. Er war Redakteur der „Jsraelita" und Mitarbeiter vieler polnischer Zeitungen. Ein Pogrom wurde für den 12. d. M. befürchtet. Es blieb aber dank den ergriffenen Vorsichtsmaßregeln alles ruhig. — Auch in den West- und Südgouvernements, wo ausgesprengten Gerüchten zufolge am Peterpaulstage Judenhetzen hätten stattfinden sollen, verlief nach den vorliegenden Drahtmeldungen der Tag ruhig. — In Kischinew wurden am 14. d. M. vier Schutzleute wegen Mißhandlung von Juden verhaftet. — Der Präsident der Patriotenliga in Kiew hat dem Generalgouverneur eine Bittschrift eingereicht, worin um 5000 Revolver und 5000 Dolche gebeten wird, um die Mitglieder zu bewaffnen. Es wird versprochen, alle Verschwörungen im Keime zu ersticken, und die revolutionäre Kampforganisation, die hauptsächlich aus Juden bestehen soll, zu vernichten. Der Generalgouverneur hat die Bittschrift ohne Beachtung gelassen und die weitgehendsten Maßregeln ergriffen, um eine Judenhetze, die auch zum 15. Juli, an dem Tage der Prozession zu Ehren des „heiligen Wladimir" geplant war, nicht zuzulassen. — Der russische Minister für Volksaufklärung beschloß, eine Vorlage betreffend die Aufhebung der prozentualen Einschränkung bei der Aufnahme der Juden in den Mittelschulen der Duma vorzu» legen. Bis zur Entscheidung der Duma soll die prozentuale Einschränkung temporär fallen gelassen werden überall da, wo Vakanzen vorhanden sind. — Beide Häuser des amerikanischen Kongresses nahmen die Naturalisationsbill an, welche die Kenntnis der englischen Sprache seitens des Bewerbers fordert. Damit ist die Aufnahme in den amerikanischen Staatsverband den neu zuwandernden Juden ziemlich erschwert; denn bis sie des Englischen mächtig sind, vergeht immer eine geraume Zeit. Bisher konnten die Naturalisationsgesuche schon nach dreiwöchigem Verweilen eingereicht werden. — Im Newy orker Ghetto herrschte vor kurzem fabelhafte Aufregung infolge des Gerüchtes, daß dort ein allgemeiner Pogrom nach russischem Muster bevorstehe. .

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