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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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lediglich ihres religiösen Bekenntnisses wegen an der Benützung einer Gemeindeanstalt gehindert, es würde ihnen das rituelle Leben unmöglich gemacht oder doch unter Aufbürdung Pekuniärer Lasten wesentlich erschwert werden. Abgesehen von diesen rechtlichen Erwägungen vermag der Stadtmagistrat den Standpunkt des Tierschutzvereins, welcher das rituelle Schächten als eine Tierquälerei bekämpft, nicht zu teilen und stützt sich hierbei auf Gutachten wissenschaftlicher Autoritäten, wie Birchow, Pettenkofer usw., welche das ritualmäßig ausgeführte Schächten (unter Benützung eines haarscharfen, schartenlosen Messers und eines Niederlegungsapparates) vom Standpunkt des Tierschutzes als eine humane, vom Standpunkt der Hygiene als eine rationelle und vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit als eine empfehlenswerte Schlachtmethode erklären. a. Ans dem Elsaß, 24. Juni. Angesichts der zahlreichen Berichte über antisemitische Gehässigkeiten verdient ein schöner Beweis von Menschenliebe, die vor den Schranken des Bekenntnisses nicht Halt macht, weiteren Kreisen bekannt gegeben zu werden. Herr Ed. Drum.m, ein Christ, hat den Schülern der israelitischen Gewerbeschule in Mülhausen 100 Mark zu einem Ausflug nach der Hohkönigsbnrg gespendet. — In Niederrödern ist dieser Tage ein jüdischer Literaturverein begründet worden. Zweck des Vereins ist, wie die „Straßburger Post" berichtet, Pflege der deutschen Literatur und Aufführen volkstümlicher Theaterstücke. Das wird wohl nicht stimmen! — Die am 17. d. M. erfolgte offizielle Zählung der beider Nachwahl zum israelitischen Konsistorium des Unterelsaß abgegebenen Stimmen ergab folgendes Resultat: Eingeschriebene Wähler 3470, abgegebene Stimmen 2346, weiß und ungültig 19, gültig 2327, absolute Mehrheit 1165; erhalten haben.- Kaufmann Meyer Scheyen- Oberihnheim 1589, Kaufmann Aron Durlach-Straßburg 1447, Rechtsanwalt Dr. Schmoll-Straßburg 838. Zustizrat Lange-Straßburg 637, zersplittert sechs Stimmen. Gewählt sind fomit (wie bereits mitgeteilt) Scheyen und Durlach. Gefterrelch-Nnsarn. Wien, 9. Juli. Auch hier fand am 5. d. M. eine Protestversammlung gegen die russischen Metzeleien statt. Den Vorsitz führte der alte Demokrat Dr. Kronawetter. Nach ihm sprachen Karl Stettauer, das zufällig hier weilende Mitglied des Londoner Russenkomitees, die Abgeordneten Dr. Ofner, Wassilko, Graf Sternberg, Dr. Straucher. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern - der unmenschlichen Metzeleien in Bialystok und anderen Orten Rußlands und ihre Empörung über deren Urheber aus. Es ist ihre Ueberzeugung, daß die Roheit und der ethische Tiefstand, der sich in diesen empörenden Greueltaten kundgibt, mit der politischen Unterdrückung des Volkes in engstem Zusammenhang steht und daß nur von einer kräftigen, tatfesten Vertretung des Volkes eineBesserung zuerwarten ist. Sie begrüßt das Auftreten der Duma, wendet sich aber zugleich an die fühlende Menschheit aller Länder, sich in einem flammenden Proteste gegen derartige Freve taten zu vereinigen. — Unsere Antisemiten wenden sich merklich vom alten Kaiser ab und dem Thronfolger zu, den sie wie einen Mann aus ihrer Mitte ansehen. Im Zusammenhänge damit dürfte wohl der Umstand stehen, daß der Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, bei der Ankunft des deutschen Kaisers in Wien vom greisen Habsburger ostentativ gemieden wurde. Allerdings lassen sich die Antisemiten solche Nadelstiche, die oft empfindlicher als Kolbenschläge sind, nicht ohne Gegenwehr versetzen. Sie sind Patrioten, soweit es sich lohnt, nicht weiter. Sie opfern „Gut und Blut für unfern Kaiser", doch sie verlangen dafür mancherlei Erkenntlichkeit. Bleibt der Lohn aus, dann ziehen sie andere Seiten auf. So nahmen die christlichsozialen Delegierten dieses Mal an dem Delegationsempfang in der Hofburg nicht teil. Sie blieben zuhause, weil sie angeblich „dringende Geschäfte" zu verrichten hatten. Der alte Kaiser aber wußte schon, warum die Herren plötzlich so fleißig geworden sind; daß der Kaiser Dr. Lueger gebeten, die Reise nach Rumänien zu unterlassen, dieser aber doch gereist ist, mag wohl als das wichtigste Symptom ihrer veränderten Haltung gelten. — Auf eine Interpellation des Herrn Dr. Straucher in der Delegation über die Zurücksetzung der Juden im militärärztlichen Offizierkorps antwortete der Kriegsminister v. Pittruh in sehr entgegenkommender Weise. Er führte u. a. auch an, daß unter den Oberstabsärzten erster Klasse zwei Juden sind: bei den Oberstabsärzten zweiter Klasse sind von 68 22 Juden, bei den Stabsärzten von 127 38 Juden, bei den Regimentsärzten erster Klasse von 494 119, bei den Regimentsärzten zweiter Klasse sind von 231 11 Juden. — In Budapest besprach das Mitglied der Kossuthpartei Dr. Andreas Csizmadia im Parlament die Ereignisse in Rußland und gab seiner tiefsterr Entrüstung und seinem Bedauern über die unmenschlichen Judenmetzeleien in Bialystok Ausdruck, die jeden zivilisierten und gutgesinnten Menschen mit Bedauern und größter Verachtung für die russischen Behörden erfüllen müssen.- Die Aeußerung Csizmadias wurde im Hause mit lebhafter Zustimmung begleitet. Von Sah und jfern. Kapellmeister E. Kunwald, ein Enkel Leopold Komperts, ist als Dirigent des Philharmonischen Orchesters gewählt worden. — Die Einführung der Schußtötung für alle Schlachttiere und die Aushebung der Ausnahmebestimmungen für das Schächten hat das Kuratorium des städtischen Schlachthofes abgelehnt. — Herr Louis Schlesinger, Inhaber der gleichnamigen Lederfirma in Berlin, Hamburg und Köln, ist zürn Kommerzienrat ernannt worden. — In der letzten Schöneberger Magistratssitzung vor den Ferien wurde Dr. Felix Glaser, langjähriger Assistenzarzt am Urban-Krankenhaus in Berlin, zum Oberarzt der inneren Abteilung des städtischen Auguste - Viktoria - Krankenhauses gewählt. — Den Sanitätsräten Dr. S. Biw awer und Dr. A. Pl eß ner in Berlin wurde der Charakter als Geheimer Sanitätsrat, den Aerzten Dr. M. Siegheim und Dr. WilliamLevy zu Berlin, Dr. L.Berliner in Reinickendorf, Dr. P. Loevy in Zebingen, Dr. Karl Stern in Nordhausen, Dr. L. Bonuin in Wattenscheid, Dr. L. Blumenthal in Frankfurt a. M. der Charakter als Sanitätsrat verliehen. — Der Kantor Kasp er in Argenau ist vom 1. Juli als Kantor und Kultusbeamter der jüdischen Gemeinde in Schildberg berufen worden. — In Dessau ist am 4. d. M. der herzogliche Hofagent und Lotterieeinnehmer Heymann Cohn, der Vater des bekannten Abgeordneten Rechtsanwalts Dr. Cohn, im 72. Lebensjahre gestorben. — Als vor einiger Zeit der Konkurs über die reformerische „Deutsche Wacht" in Dresden, einst eine Tageszeitung größeren Stils, verhängt war, erklärte der Verlag, daß das Blatt weiter erscheinen werde. Jetzt ist jedoch sämtlichen Redakteuren uttd Beamten am 1. Juli gekündigt worden, und das Blatt, das einst vor dreizehn Jahren von Dr. Liman und einigen Hundert reformerischen Aktionären mit einem Aktienkapital von 250 000 Mark begründet wurde, wird wahrscheinlich für ewige Zeiten von der Bildfläche verschwinden. — In Barby wurde zunr großen Kummer der dortigen Antisemiten ein jüdischer Schützenkönig gewählt. Bei dem Königschießen der dortigen Schützengilde gab Kaufmann Herrnberg auf der Königsscheibe den besten Schuß ab und wurde zum „König" proklamiert. — Unter den 7481 Volksschulen in Bayern befinden sich 88 israelitische. An den allgemeinen Volksschulen wirken 162 jüdische Lehrkräfte, die Religionslehrer mitgerechnet. Dieselben werden von 4708 jüdischen Kindern besucht. An den Mittelschulen betrug die Zahl der jüdischen Schüler 3455, an den Fachschulen 430, an den Präparandenschulen 100, an den Schullehrerseminarien 37. — Frau Generalkonsul Henriette Mankiwicz, die Erfinderin der Nadelmalerei, die aus der diesjährigen Pariser Ausstellung einen Preis erhalten, ist am 1. d. M. in Wien gestorben. — Ein Versuch, eine Juden hetze in Dünaburg zu inszenieren, wurde im Keim durch die rechtzeitige Arretierung von vier angereisten Personen, sowie von zwei bekannten Taugenichtsen in Dünaburg verhindert. Das Verdienst gebührt unzweifelhaft dem örtlichen Polizeimeister Rosental. — Infolge derschweren ökonomischen Krise sind viele Hausbesitzer und Kausleute im Ministerium des Innern darum vorstellig geworden, daß zwecks Hebung der Produktivität des Landes und des Jmmobilienwertes Juden das Recht des freien Aufenthaltes in Jalta erteilt werde. — Der Philanthrop Raphael Weil, ein vielfacher Millionär in S an- Francisco, hat beschlossen, 5000 verheiratete arme Frauen, die durch die jüngste Erdbebenkatastrophe alles verloren haben, neu mit allem zur Bekleidung und Hauseinrichtung Erforderlichen auszustatten.

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